Heft 
(1914) 5
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indessen er tief seufzt unter den Schrecken dieser furchtbaren Stunden. Und wie er halb zufällig über seine Stirn streicht, merkt er, das; kalter Schweiß in dichten, kleinen Perlen sie bedeckt.

Ich muß zurück zu den Männern, sagt er,sie bedürfen meiner und gleich wird es läuten zu dem Zug. Man hat mir gesagt, Ihr wolltet ihm folgen."

Ja, Hochwürdeu."

Des Königs Gnade hat Euch die Bitte gewährt," sagt er mit sanftem Blick, in dem sich mit unaussprechlichem Mitgefühl auch eine Art von Staunen mischt.

Er reicht ihr die Hand, die sie noch einmal voll Demut küßt, und geht dann auch zu der anderen Frau, die immer noch unbeweglich steht. Wie er ihre Hand faßt, merkt er erst, wie sie bebt, und sagt freundlich:

Ihr ginget doch besser nach Hause."

Sie antwortet nicht, sondern sieht nur auf mit einem Blick so voll heißer Angst und stummen Flehens, daß er hier viel besser begreift, als bei der anderen, daß der letzte Inhalt ihres zu Boden getretenen Lebens nur noch darin besteht, auf diesem letzten Wege, so lange es geht, das Angesicht des Mannes, den sie geliebt hat, zu sehen. Daun geht er über den Hof, der jetzt ganz von Sonnen­schein erfüllt ist, zurück, während die Frauen stumm nebeneinander bleiben. Und weil sie so unbeweglich stehen, wagen sich bald ein paar Sperlinge in den Hof und Hüpfen umher zwischen den Steinen und picken und suchen, ob sie nicht ein Körnchen dort finden.

Das Morgenlied der Amsel ist verstummt, aber bald beginnt ein anderer Ton. Dünn, schrill, mit abgerissenen jammernden Lauten hebt ein Glöckchen an zu läuten, mitunter hält es inne, als erschrecke es vor dem eigenen, kläg­lichen Klang, um gleich darauf doppelt heftig zu bimmeln. Die Frauen sind zusammengefahren und schauen nun ängstlich über den Hof, ob niemand kommt, sie zu holen. Dumpfe Geräusche sind zu hören von rasselnden Schlüsseln und schwer geworfenen Türen. Und dann klingt es wie das ächzende Schwingen eines großen Torflügels, der langsam in seinen Angeln gedreht wird.

Da ertönt auch schon ein hastiger Schritt. Ein Mann mit langem Bart erscheint au der Ecke des Gebäudes und winkt ihnen schweigsam, zu folgen. Sie gehen eine lange Strecke über den grauen, roh gepflasterten Hof an dein stummen Gebäude vorüber, und je weiter sie gehen, desto lauter dringt ein schrecklicher Lärm zu ihnen herüber, die wilden, drohenden und grüßenden Rufe eines hin und her wogenden Pöbelhaufens, die schier das schrille, abgesetzte, jämmerliche Läuten des kleinen Schandeglöckleins übertönen. Und wie sie um die letzte Ecke Herumbiegen, sehen sie diesen Pöbel selbst und haben das gräßliche, nur zu leicht zu deutende Bild, dem dies Geschrei gilt, vor Augen.

Das große Gefängnistor ist geöffnet. Vor dem Eingang hält ein Reiter auf unruhigem Rappen, von dessen schwarzglänzendem Rücken der Scharlach­sattel wunderbar absticht. Im inneren Hofe stehen zwei Karren und zu diesen werden die beiden Verurteilten, in grobe, sackähnliche Hemden gekleidet, geführt. Ihre Füße und Hände sind gefesselt, die Bärte und das Haupthaar geschoren. Außer dem Kutscher, der den Karren führt, schwingt sich zu jedem von ihnen noch ein rotgekleideter Mann hinauf, der mit wunderlichem Gerät in einen: Kohlenbecken herumstört, das auf dem Karren steht.

Wie der erste Karren sich langsam in Bewegung setzt, tritt ein Geistlicher, ein anderer als der auf dem Hof, neben ihn, legt die Hand auf das Holz des Wagens und blickt, nebenher schreitend, mit stillem, stetigem Blick dem Gefangenen in das Gesicht. Der zweite Karren folgt und ihm gesellt sich jener Geistliche, den die Frauen schon kennen. Dann folgen ein paar Diener, dann werden sie selbst vorangeschoben und der Zug biegt langsam in die offene Straße ein.

Wie im Irrsinn brüllt der Pöbelhaufen, drohende Fäuste erheben sich, Flüche ertönen, spottendes, schrilles Gelächter. Die Luft in den Straßen ist dumpf von der Menge, die lange dort harrte, der Raum für die Frauen ist