Heft 
(1914) 5
Seite
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eng, denn das Volk drängt von allen Seiten und folgt in dichtem Schwarm. Das Glöckchen läutet schriller, kläglicher als je und von fern gibt ihm schon ein zweites Antwort.

Die eine Frau läßt in dem Lärm und Gedränge unruhig die Augen umherschweifen. Wie ein wahnsinniger Traum erscheint ihr alles, und doch möchte sie wissen, wer die Teufel um sie herum sind, die so fürchterlich brüllen und fluchen, und entsetzt sich, als sie dort einen Menschen erkennt, von dem sie weiß, daß er ein guter Mann und ein liebevoller Vater ist, und dort eine Frau, der sie selbst in schwerer Stunde geholfen hat. Aber noch mehr entsetzt sie sich, als sie einige sieht, die ruhig Schritt halten mit dem Zuge und lachen und sprechen und ihr Frühstücksbrot dabei essen, als gingen sie wie sonst zu fröhlicher Arbeit.

Die andere Frau schaut nicht umher. Von dem ersten Augenblick an, in dem sie die Karren gesehen hat, ist ihr Auge unverrückbar fest auf den Mann in dem vordersten geheftet. Ihr Beben hat nachgelassen vor einer noch tieferen Erregung, die Hände hat sie, wie imbewußt, beide leicht auf die Brust gelegt, und da blitzen die Ringe und heben sich sonderbar prächtig ab von dem Schwarz. So geht auch sie wie im Traum und sieht nur das eine Bild vor sich.

Der Mann im vordersten Karren ist sehr blaß. Zuerst hat er einen angst­verwirrten Blick über den schreienden Pöbelhaufen geschickt, da hat er die Hand des Geistlichen auf der seinen gefühlt. Nun spricht er ruhig mit ihm, den Blick in seine Augen geheftet, und es ist, als wüßten die beiden nichts von dem Lärm und Getobe, das sie umgibt. Der im zweiten Karren sitzt still und der Geistliche neben ihm geht mit gesenktein Kopf, nur zuweilen wechseln sie ein Wort mit­einander in Frage und Antwort. Er scheint ruhig und der Geistliche ist er­schöpfter als er.

Der rote Gesell in: Karren hantiert indes mit dem Becken und wie durch Zufall wird das Auge der ersten Frau vom Spiel seiner Hände gefesselt. Und plötzlich sieht sie es durch die Luft blitzen wie ein schwingendes Feuerrad und gleich darauf folgt ein so schreckliches Gebrüll, zuerst von dem zweiten, dann von dem ersten Karren, daß der Lärm in der Menge wie mit einem Schlage verstummt und es so still wird, daß man fast in dem gleichen Augenblick nach dem Gebrüll das sanfte Zwitschern einer Schwalbe über den Köpfen der Menge hört.

Die beiden Frauen haben sich unwillkürlich die Hände gereicht, eiskalte Hände, die nun so innig ineinander greifen, als fühlten sie, daß sie von jetzt an für das Leben zusammengehören und sich gegenseitig Hülfe geben müssen für alle Zeit. Auf dem Karren winden sich die beiden Gefesselten unter den furcht­baren Schmerzen des Schandmals, das in glühendem Eisen ihrer Stirn auf­gedrückt ist. Sie wimmern vor Qual, und da die Menge jetzt totenstill bleibt und das Furchtbare dieses unmenschlichen Schauspieles zu fühlen scheint, hört man jeden Ton dieses qualvollen Wimmerus und jeder gräbt sich den Frauen für immer in das Gedächtnis und wird sie noch oft in schlaflosen Nächten erschrecken.

Der Geistliche hat ein Tuch aus der Tasche gezogen und wischt seine Stirn ab, sein Ausdruck ist leidend, sein Gesicht von krankhafter Blässe. Dann nimmt er das Barett vom Kopf und spricht mit fester Stimme Psalmworte.

Der Herr ist mein Hirte. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich doch kein Unglück. Du bereitest einen Tisch vor mir her. Gutes und Barmherzigkeit werden nur folgen ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."

Abgerissen klingen die Worte zu den Frauen herüber wie Töne aus einer besseren, reineren Welt. Die eine will bitter lächeln, da hört sie in der Stille die Stimme ihres Mannes, die schwach, aber deutlich vernehmbar sagt:

Ja, Hochwürdeu, ich glaube es."

Und da legt sie den Kopf auf die Schulter ihrer Gefährtin, und die, wie sie in das blasse, schmerzverzogene Gesicht ihres Mannes sieht, hat sonderbare Gedanken über Christus und die Richtstätte bei Golgatha.