Heft 
(1914) 5
Seite
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Und dann wird durch die Stille ein dumpfes Gemurmel vernehmbar, das langsam schwellend wächst und schließlich wie eine Woge über sie hinbraust. Das Volk ans dem Richtplatz hat das Kommen des Zuges gesehen und brüllt ihm seinen Gruß entgegen, in den die Mitzieheuden nun wieder einstimmen, da das kurze Grausen vorüber ist. Und als der Zug den Richtplatz erreicht hat, verstummt das Schandeuglöcklein mit einem letzten wimmernden Klang.

Auf dem Platze sind die Gerüste aufgeschlagen, die Verurteilten werfen einen kurzen Blick darauf hin, das Gleiche tun die schaudernden Frauen. Das Geschrei der Menge verstummt erst, als ein Beamter an den Fuß des Gerüstes tritt, aber sie drangt sich noch näher an den Platz heran. Der Beamte liest mit kurzer scharfer Stimme das Urteil, zu vollziehen au dem Silberbewahrer . . . des Königs und seinem Bruder, die schuldig befunden sind des jahrelangen, wiederholten Diebstahls an den Silberschätzen, derhalben sie durch das Beil vom Leben zum Tode befördert werden sollen, welches Urteil der König zu bestätigen allergnädigst geruht hat.

Kein Wort von Gnade. Die letzte, ferne, blasse Hoffnung der Frauen erstirbt. Sie hören noch das Klirren der fallenden Ketten, werfen einen letzten Blick auf die Armensüudergestalten, die auf das Gerüst steigen, und wenden sich dann.

Doch man hat vergessen, für ihren Abgang zu sorgen. Um sie staut sich der Haufen des Volkes, sie sehen in fremde, rote, erregte Gesichter. Nirgends ein Glied, das sich rührt, sie vorbeizulassen, nirgends ein Wille, Platz zu schaffen. Und von drüben tönt schon laut die Stimme des Geistlichen, der den Segen erteilt.

So gehe denn hin, du mein Bruder in Christo, und empfange, was dir bereitet ist durch die Erlösung des Herrn. Der irdischen Gerechtigkeit verfällt dein Leib, aber deine Seele gehet ein in die Herrlichkeit. Glaubst du das?"

Ja, Herr, ich glaube es."

So nehmet ihn hin, ihr Diener der Gerechtigkeit, und Gott Vater, Gott Sohn und Gott heiliger Geist erbarme sich seiner."

Da ertönt durch die Stille ein jammernder Schrei. Die beiden Frauen kämpfen gegen den Volkshausen, der ihnen den Rückweg versperrt, an und suchen sich Bahn zu schaffen, um nur Augen und Ohren vor dem Gräßlichen hinter ihnen zu wahren. Aber der Volkshausen hat sie erkannt und er mag sein Teil denken über Schuld oder Unschuld beider an dem Tun ihrer Männer. Mit dumpfem, drohendem Murmeln stemmt er sich ihnen entgegen, drängt sie immer weiter hinein in den Kreis, bildet eine eherne Mauer. Und endlich fahren sie auf wie gehetzt und die Gesichter mit den Röcken ihrer Kleider verhüllend, laufen sie jammernd an dem unbeweglichen Menschenwall entlang und wissen nicht, wohin sich zu retten.

Tie beiden Geistlichen stehen neben den Gerüsten. Als sie sehen, was geschieht, fährt es wie ein Wetterstrahl über ihre Züge.

Hierher," ruft der eine mit starker Stimme und schlägt weit seinen Talar auseinander, und der andere folgt seinem Beispiel.

Und wie Tauben, die sich vor dem Habicht retten, fliegen die Bebenden auf sie zu und sinken vor ihnen nieder und umklammern ihre Kniee. lind schützend senkt das dunkle Priesterkleid sich über sie, indes der Henker tut, was seines Amtes ist.

Die Frauen hören nicht, was geschieht, ihre Augen sind geschützt durch den Talar, ihre Finger pressen sich an die Ohren. Ausgestoßen von der Menschheit haben sie die Unbarmherzigkeit der Menge empfunden, die erst langsam zum Bewußtsein einer mitfühlenden Liebe geführt werden muß. Auf diesem Platze wird diese Liebe nur von zweien vertreten. Von ihrem Erbarmen geschützt, hören die Frauen nicht das Totenglöcklein, das nun sein klägliches Geschäft übernimmt, nicht das langsame, murrende Verziehen der Menge, sie sehen nichts von dem, was mit den Gerichteten geschieht. Die Geistlichen bleiben unbeweglich.