Heft 
(1975) 22
Seite
422
Einzelbild herunterladen

auch ihr Inhalt sein mag, sie sind immer interessant, da sie die geheim­sten Gedanken und Gefühle enthüllen helfen, die die Helden selbst nicht ausdrücken können oder wollen, sondern die sie vor den andern oder vor sich selbst verbergen . 20

Die Problematik vonIrrungen Wirrungen,Stine,Mathilde Möh- rung,Die Poggenpuhls undSchach von Wuthenow wird kurz gestreift. Besondere Aufmerksamkeit wendet Gizdeu dem RomanEffi Briest zu, den er als Gipfelpunkt im Schaffen Fontanes würdigt. Er geht den Quellen des Sujets nach, berichtet über die tatsächlichen, dem Roman zugrunde liegenden Ereignisse und inwiefern der Dichter von der Geschichte, die er gehört hat, abweicht. An künstlerischen Besonderheiten hebt Gizdeu die topographische Genauigkeit der in Berlin spielenden Szenen hervor; er meint, auch inEffi Briest habeFon­tane, wie. gewöhnlich, mit der peinlichen Genauigkeit des Historikers Ort und Zeit der Handlung bestimmt. Dies ist eines der Mittel, die der Dichter zur Konkretisierung der von ihm gezeichneten Bilder benutzt. Gizdeu erwähnt ferner die sozial-historische Konkretheit der Charaktere und Konflikte. Alle Probleme, die den deutschen Romancier in den achtziger und neunziger Jahren bewegten, werden in diesem Roman aufgeworfen. Eine innere Verwandtschaft der Helden inEffi Briest mit den Gestalten früherer Werke wird festgestellt:Die Helden des Romans ,Effi Briest unterscheiden sich in nichts von den Helden anderer Romane Fontanes sie alle unterwerfen sich überlebten Stan­desvorurteilen, denen sie ihre Angehörigen und sogar sich selbst zum Opfer bringen. Instetten übernimmt ebenso gehorsam die Rolle des Henkers, wie Effi die des Opfers. An die Stelle moralischer Grund­sätze tritt bei Fontanes Helden die Befolgung von Standesgesetzen . 27

Die Analysen der Gestalten (Instetten, die Vertreter des Landadels, Effi und ihre Eltern) erlaubt Gizdeu den Schluß, daß Fontanes Werkewahr­hafte Dokumente der Epoche sind.Wie begrenzt Fontanes Romane mit ihrer kleinen Welt der familiär-häuslichen und familiär-psycholo­gischen Konflikte auch sein mögen, so weiß der Dichter doch genau den geschichtlichen Platz seiner Helden in der großen Welt ihren Platz in der Geschichte der Gesellschaft seines Landes und seines Volkes zu bestimmen. Gizdeu zieht eine interessante Parallele zwischen In­stetten und Schach von Wuthenow:Instetten zollt nur dem toten Fetisch der öffentlichen Meinung seiner Kaste Tribut einem Fetisch, an den er selbst gar nicht glaubt. Er findet nicht die Kraft, gegen die Vorurteile einer Gesellschaft aufzutreten, der er nun einmal angehört. Von Schach heißt es, er habegar keine Überzeugungen; automatisch leistet er dem ,Ehrenkodex des Offiziers Gehorsam. 28

Uber die künstlerischen Besonderheiten vonEffi Briest heißt es bei Gizdeu:Fontanes Romane haben eine ganz bestimmte emotionale

Färbung, jeder ist von einer geschlossenen Stimmung durchdrungen. Die künstlerischen Mittel analysierend stellt Gizdeu fest, daß die Kom­position der Romane an die Komposition von Balladen erinnere. Dafür

422