auch ihr Inhalt sein mag, sie sind immer interessant, da sie die geheimsten Gedanken und Gefühle enthüllen helfen, die die Helden selbst nicht ausdrücken können oder wollen, sondern die sie vor den andern oder vor sich selbst verbergen .“ 20
Die Problematik von „Irrungen — Wirrungen“, „Stine“, „Mathilde Möh- rung“, „Die Poggenpuhls“ und „Schach von Wuthenow“ wird kurz gestreift. Besondere Aufmerksamkeit wendet Gizdeu dem Roman „Effi Briest“ zu, den er als Gipfelpunkt im Schaffen Fontanes würdigt. Er geht den Quellen des Sujets nach, berichtet über die tatsächlichen, dem Roman zugrunde liegenden Ereignisse und inwiefern der Dichter „von der Geschichte, die er gehört hat, abweicht“. An künstlerischen Besonderheiten hebt Gizdeu die topographische Genauigkeit der in Berlin spielenden Szenen hervor; er meint, auch in „Effi Briest“ habe „Fontane, wie. gewöhnlich, mit der peinlichen Genauigkeit des Historikers Ort und Zeit der Handlung bestimmt. Dies ist eines der Mittel, die der Dichter zur Konkretisierung der von ihm gezeichneten Bilder benutzt“. Gizdeu erwähnt ferner die sozial-historische Konkretheit der Charaktere und Konflikte. Alle Probleme, die den deutschen Romancier in den achtziger und neunziger Jahren bewegten, werden in diesem Roman aufgeworfen. Eine innere Verwandtschaft der Helden in „Effi Briest“ mit den Gestalten früherer Werke wird festgestellt: „Die Helden des Romans ,Effi Briest“ unterscheiden sich in nichts von den Helden anderer Romane Fontanes — sie alle unterwerfen sich überlebten Standesvorurteilen, denen sie ihre Angehörigen und sogar sich selbst zum Opfer bringen. Instetten übernimmt ebenso gehorsam die Rolle des Henkers, wie Effi die des Opfers. An die Stelle moralischer Grundsätze tritt bei Fontanes Helden die Befolgung von Standesgesetzen .“ 27
Die Analysen der Gestalten (Instetten, die Vertreter des Landadels, Effi und ihre Eltern) erlaubt Gizdeu den Schluß, daß Fontanes Werke „wahrhafte Dokumente der Epoche“ sind. „Wie begrenzt Fontanes Romane mit ihrer kleinen Welt der familiär-häuslichen und familiär-psychologischen Konflikte auch sein mögen, so weiß der Dichter doch genau den geschichtlichen Platz seiner Helden in der großen Welt — ihren Platz in der Geschichte der Gesellschaft seines Landes und seines Volkes — zu bestimmen.“ Gizdeu zieht eine interessante Parallele zwischen Instetten und Schach von Wuthenow: „Instetten zollt nur dem toten Fetisch der öffentlichen Meinung seiner Kaste Tribut — einem Fetisch, an den er selbst gar nicht glaubt. Er findet nicht die Kraft, gegen die Vorurteile einer Gesellschaft aufzutreten, der er nun einmal angehört. Von Schach heißt es, er habe „gar keine Überzeugungen; automatisch leistet er dem ,Ehrenkodex“ des Offiziers Gehorsam “. 28
Uber die künstlerischen Besonderheiten von „Effi Briest“ heißt es bei Gizdeu: „Fontanes Romane haben eine ganz bestimmte emotionale
Färbung, jeder ist von einer geschlossenen Stimmung durchdrungen.“ Die künstlerischen Mittel analysierend stellt Gizdeu fest, daß die Komposition der Romane an die Komposition von Balladen’ erinnere. Dafür
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