Die Erbtante von Johannes van Dewatl.
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eine Weile mit ihm ein, selbst Asta — die indische Leibzofe — mußte hinausgehen.
„Nach einer Stunde etwa kam der Anwalt wieder heraus, sah mich an, lächelte mir zu und machte mir ein Zeichen, welches ich nicht begriff.
Gehen Sie jetzt hinein, Miß Elisabeth, Ihre Frau Tante hat Ihnen eine Mittheilung zu machen/ sprach er, sah mich noch einmal aus seinen schwarzen Augen bedeutungsvoll an und ging davon.
„Ganz ermattet lehnte die Kranke in der Ecke des Divans. Ich rief Asta, und nach einigen verabreichten Stärkungsmitteln kam sie einigermaßen zu Kräften. Sie winkte mich herzu.
„,Jch fühle mich schwach, mein Kind/ raunte sie mir Zu, sich werde sterben; — ich habe soeben mein Testament gemacht. — Sage nichts/ fuhr sie fort, ,denn das Reden macht mir Pein — meine Brust, — hier... Du weißt.. . Mit Dir haben es die bösen Verwandten gemacht wie mit mir dereinst... wir sind Schicksalsschwesteru . . . hinausgestoßen in die weite Welt . . . Wenn wir nicht zu Grunde gingen — ihre Schuld ist es nicht. .. darum, Elisabeth, sollen sie auch nichts von dem Mammon haben, um den sie sich so viele Mühen und unnütze Hoffnungen machten. — O, was für honigsüße Briefe diese grausamen Menschen früher schreiben konnten, bis sie endlich aushörten, weil sie immer ohne Antwort blieben! Ja — seit ich Geld hatte, da galt ich ihnen etwas, da schämten sie sich nicht, um meine Gunst zu betteln . . . Erbärmliche Menschen! ... Ich kenne sie nicht, — sie hätten niemals einen Cent von meinem Vermögen bekommen und sollen es nun um so weniger, da sie Dich ebenso grausam behandelten, wie mich.
„,Dir, mein Kind, habe ich Alles vermacht. .. Danke mir nicht, aber hüte Dich vor jenen Menschen, denn sie werden Dir nun ebenso nach dem Leben trachten, wie sie es bei mir gethan/
„Sie riß die kleinen Aeuglein unnatürlich weit auf dabei und schüttelte meine Hand.
„Meine grenzenlose Ueberraschung und die Szene, welche nun folgte, kannst Du Dir denken — erlaß es mir."
„Du schriebst mir, und ich sehe und höre Dich, sonst hielte ich es für einen Traum."
„Ja — wie ein solcher kam mir das Alles in Wahrheit damals vor; ich sah und hörte und konnte es nicht fassen, ich, ein armes Mädchen, nun plötzlich eine Erbin, — von wie viel, Marie, das ahnte ich damals noch nicht einmal und weiß es selbst bis heute noch nicht genau."
„Du Glückskind!"
„Damals schrieb ich Dir nach längerer Zeit Zum ersten Male wieder und hernach eine ganze Weile nicht, denn nach der Regenzeit begann die Tante wieder zu reisen, um ihr eintöniges Vegetiren doch in etwas zu unterbrechen. Wir gingen wieder in die kühleren Berge und kehrten abermals zurück — o, welch' ein Sklavenlebeu, Marie! — und lebten dann wieder in Kalkutta.
„Eines Morgens war sie todt — vom Schlage gerührt. Was soll ich sagen? — Wir begruben und beweinten sie, dann kam Herr Shapmann und
man öffnete das Testament. Ich zitterte, es begann sich Alles mit mir zu drehen: die Liste war lang, die Zahlen waren groß — ich war die Erbin von Millionen!"
„Lisel, und das sagst Du so, mit einer larmoyanten Miene und fällst mir jetzt nicht um den Hals und machtest keine Thorheiten? . . . Millionen! — Du liebe Zeit! Man kann das gar nicht einmal ausdenken, wenn man hundertundsünfzig Gulden Gage hat."
„Damals, ich versichere Dich, war mir gar nicht so freudig zu Muth, wie Du annimmst: die Tante war gestorben, ich stand allein dort draußen im fernen Lande, hatte keine Stütze, keinen Freund, Niemanden in der ganzen, weiten Welt als Dich, Marie. Ich habe mich kaum jemals unglücklicher gefühlt, als gerade in jenen Tagen; dazu die Verantwortlichkeit, die Last der Geschäfte, — denn Herr Shapmann hielt mir jeden Tag einen längeren Vortrag und verlangte meine Entscheidung. Ein großer Theil des Vermögens stak nämlich in Grundbesitz und in kaufmännischen Unternehmungen, diesen zu realisiren erforderte es Vorsicht und Geduld.
„Mein erster Gedanke war natürlich, aus diesem Feuerlande fort und nach der deutschen Heimat zu reisen, aber meiner brennenden Sehnsucht mußte ich Schranken setzen, bis Alles geordnet war. Auch mußte ich ja Entschlüsse fassen wegen meines ferneren Lebens; ein junges Mädchen mit einem so großen Vermögen kann doch unmöglich ohne jeden Schutz oder Anhang in der Welt dastehen, ohne der Anziehungspunkt, ja die Beute von tausend Habsüchtigen und Abenteurern zu werden."
„Ich glaube wahrhaftig, die Tante hat Dich angesteckt mit ihrer Menschenfurcht."
„Wohl möglich, aber setze Dich genau in meine Lage, was sollte ich machen? — In Indien mochte ich nicht bleiben, allein hier leben in meinen Jahren ist nichh möglich, denn unbekannt würde ich nicht bleiben bei meinem Reichthum, ich wäre das Opfer von allerhand Jntriguen, die mir schließlich das Dasein verleiden würden. Hätte ich gute Verwandte, so würde ich an ihnen die nöthige Stütze finden, bis ich Gelegenheit hätte, mich zu verheirathen; leider aber ist das nicht der Fall, und ich mußte nun darauf denken, was mir übrig blieb unter diesen Verhältnissen, was das Klügste und Passendste wäre für mich."
„Darum also schriebst Du an mich, daß ich Dir Deinen Zukünftigen und Deine bösen Verwandten ersetzen solle?" unterbrach sie die Freundin, welche mit einem drolligen, etwas lauernden Lächeln vom Sopha aus die arme Millionärin seit einer Weile beobachtete.
„Ja, darum, Marie; Niemand hatte ich sonst, auf den ich mich verlassen konnte, als Dich, zugleich aber auch reiste in meinem Hirn ein Plan, zu dessen Ausführung ich Deines Beistandes ganz besonders bedurfte. Ich setzte brieflich Boghams von dem Umschlag in meinem Schicksal in Kenntniß und verließ vor zehn Wochen ungefähr jenes heiße Land, das Land der Träume und des Elends, um zuerst nach England zu gehen, dort den beweglichen Theil meines Besitzes