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Deutsche Noman-Sibliothek.
zu deponiren und von London ans an der Realisirung meines Zuknnftsplanes zu arbeiten."
„Und darf man diesen wissend"
„Ganz bestimmt, ich rechne ja stark aus Deine Beihülse bei seiner Verwirklichung."
Hier blickte die Erzählerin aus und warf einen zärtlichen Blick auf die Freundin, während um ihren hübschen Mund es leise aufzuckte, wie von Schalkheit, trotzdem aus ihrer Stirn noch ein Schatten der Wehmuth oder wohl gar der Sorge schwebte.
„Ja, wie schaust Du mich denn and" ries Jene beinahe betroffen sich aufrichtend. „Aprilwetter... Thränen gar!"
Sie hatte sich schon erhoben und schlang nun beide Arme um Elisabeth's Hals.
„Du weinst, Lisel — in Ernstd"
„Es kommt manchmal über mich, ich weiß nicht wie. — In der Heimat zu sein nach langen, schweren Jahren, ohne Stütze, ohne Familie und ohne Be- rather..."
„Und mit Tonnen indischen Goldes."
„Die gäbe ich gern um ein bescheidenes Glück."
„Du kennst die Macht noch gar nicht, die Du besitzest," sprach Marie mit Nachdruck. „Ich lebe in der Welt, ich lernte die Menschen und ihre Verhältnisse kennen, — mehr oft, als mir lieb ist. Glaube mir, Lisel, Gold ist eine Gewalt, vor welcher alle anderen sich beugen. Wer Geld hat, ist geachtet, hat Freunde und Bewunderer und wäre er da drinnen ein Scheusal, oder häßlich wie die Nacht! Wer Geld hat, hat Tugend, hat Gewalt, findet Ehren und Anerkennung, ein vergoldeter Schurke gilt mehr als ein Armer auf Erden und wäre derselbe von Kopf bis zu Füßen ein Ehrenmann und rein wie Schnee."
Elisabeth nickte nachdenklich mit dem Kopfe.
„Eine Macht — aber eine dämonische ist der Reichthum, wohl hast Du Recht; ich habe es bereits erfahren! Ich möchte manchmal die Bürde von mir abschütteln, mir nur eine bescheidene Summe zurück- behaltcn, um zu leben, aber ich meine, das wäre feige — vorerst will ich handeln, wie es recht und verständig ist — will's versuchen!"
„Nun, das ist wenigstens gcscheidt, wär' auch schade um das schöne Geld!"
„Hör' zu, mein Liebling, und lache mich nicht aus: es muß wohl noch ein Nachspuken sein aus jener Zeit, wo wir mit kattunenen Fähnchen und knurrendem Magen, aber den Kopf voll goldener Träume zur Theaterschule liefen; — ich möchte nämlich noch einmal Komödie spielen."
„Wahrhaftigd ... Du setzest mich in das allergrößte Erstaunen!" ries Marie.
„Ich weiß von meiner Familie wenig Gutes, sie stieß die arme Waise herzlos hinaus in die Welt, sie konnte dort zu Grunde gehen, sie rührte es nicht!... Aber siehst Du, es wäre doch immerhin möglich, daß ich sie zu hart beurtheile, denn mein einer Onkel ist unvermögend und kinderreich und der andere ein kühler Geschäftsmann, es sind außerdem noch Andere, die Vettern meiner Eltern oder deren Kinder da..."
„Nund"
„Es wäre also möglich — ja, ich glaube das
sogar ganz bestimmt, cs wird doch zum wenigsten eine brave Frau oder ein Ehrenmann darunter sein."
„Und dann, Liseld"
„Meine Pflicht ist es und das Gescheiteste und Anständigste für ein junges Frauenzimmer, mich meiner Familie zu nähern, unter ihrem Schutze zu leben."
„Ist das Dein Ernstd" ries Marie erschrocken, „gedenke der Mahnungen dieser indischen Tante, sie würden Dich nicht umbringen gerade, aber von dem Augenblick an hättest Du keine ruhige Stunde mehr, darauf verlaß Dich! O, ich kenne die Menschen! Steckt's doch mich schon an, wenn ich denke, Du bist eine Millionärin, nicht daß ich etwas haben will von Dir, aber daß ich so ans ganz intimem Fuß mit Dir und Deinen Millionen verkehre."
„Treibe nicht Spott, Marie; mir ist's vollständiger Ernst. Aber ich denke gerade so wie Du, ich habe Furcht, darum — und das eben ist mein Plan — darum möchte ich prüfen, ehe ich wähle, und weil ich für alle Fälle sicher gehen will, so komme ich nicht zu ihnen als Elisabeth Steinsurt, sondern als die Erbtante in Person, welche einmal die lieben Verwandten und die deutsche Heimat besucht."
„Bist Du von Sinnen!d" rief Marie und schlug die Hände zusammen vor Ueberraschuug und Schreck.
„Gknz bei Verstand; ich kann dann wieder nach Indien verschwinden, wenn's mir so beliebt, wenn ich mich täuschte in ihnen, behalte mir also unter allen Umständen einen guten Aktschluß und effektvollen Abgang vor, kann auch das Wagestück unschwer beginnen, denn Niemand von ihnen Allen weiß, wie die Erbtante aussieht und daß sie nicht mehr am Leben ist. Auf ihren eigenen Wunsch wird ihr Tod der Familie streng geheimgehalten."
„Unmöglich! — Unsinn, Lisa, — trotz alledem! — Wie willst Du das durchführen? Welchen Zwang legst Du Dir auf! Und wenn Du nun aus der Rolle fällst!"
„Sorge Dich nicht — ich habe in den langen, einsamen Stunden Alles wohl überlegt; hilfst Du mir nur, so soll mir's schon gelingen. Ich brachte dazu den ganzen Apparat von Indien bereits mit herüber, die Begum selbst und Asta und Ben, die beiden indischen Diener, welche hier mit den Zähnen klappern, und den ehrlichen John..."
Marie war aufgestanden und nahe an die Freundin herangetreten. Mit großen Augen sah sie sie an und legte ihre Hände auf ihren Arm.
„Die Begum... die todte Tante?" fragte sie ungläubig und schüttelte mit dem Kopf.
„Die Erbtante, ja! ..." versetzte Elisabeth ernst.
„Barmherzigkeit! ..."
„Du glaubst mir nicht. . . wohlan! ..."
Mit einer gewissen Feierlichkeit erhob sich Elisabeth und schritt hinaus. Mit einem Gesicht, in welchem sich lebhaftes Erstaunen, auch Spuren von Unwillen oder Mißbilligung mischte, sah die Freundin ihr nach.
„Sie wird doch die alte Person nicht als ein- balsamirte Mumie mit herüber gebracht habend" sprach sie kopfschüttelnd und sah dann ärgerlich zum Fenster hinaus in die blaue, goldgetränkte Lust.
„Dummes Zeug! ... sie will mich aussitzen