Heft 
(1885) 28
Seite
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Die Erbtante von Johannes van DeivaU.

655

Roman

von

Johannes van Kewall.

(Fortsetzung.)

Sechstes Kapitel.

n der Nähe des Schloßparkes einer unserergrößerendeutschenNesidenz- städte befindet sich eine feine Wein­stube, welche ihrer guten Lage wegen namentlich von den jüngeren Herren der Aristokratie häufig be­sucht wird. Damen verirren sich selten oder niemals dorthin im Gegentheil, gar manches ehrbare Fräulein macht mit niedergeschlagenen Augen einen Umweg oder beschleunigt unwillkürlich ihre Schritte, wenn sie die blauen Röcke oder die tief ausgeschnittenen Hemdkragen dort hinter den hohen Spiegelscheiben bemerkt, und anständige Frauen wählen lieber die andere Seite der Straße, weil sie fürchten, die Aufmerksamkeit jenergoldenen Bande" in einer für sie unangenehmen Weise zu erregen, oder ihre Bemerkungen zu vernehmen, namentlich im Sommer, wo die schmale, vergitterte Veranda draußen mit Spöttern und Uebermüthigen dicht besetzt zu sein pflegt.

Uebrigens sind nicht alle Damen, die dort vorüber­kommen, so spröde und männerfeindlich, ja manche Schöne geht sogar öfters dort vorüber, als unum­gänglich nöthig ist, manches schöne Auge wendet sich verschämt, anscheinend oder vollbewußt aus jene glänzenden Scheiben und jene Männer, manches heimliche Zeichen wird dort gewechselt und manches verdächtige Wort geflüstert, vom Sattel ihres Ren­ners herab grüßten schöne Reiterinnen mit der Hand oder Gerte lächelnd herüber, und aus mancher Equi­page, die stolz vorüberrollt, fließt ein Lächeln oder gar ein Kopfnicken dort hinüber.

Das Cafs Stephani hat aber klugerweise neben der Restauration noch eine Konditorei, es gibt dort das vortrefflichste Eis in der ganzen Stadt, außer diesem nur Kaffee und Chokolade nebst kleinem Ge­bäck, hier verkehrt eine gewisse Kaste von Damen mit Vorliebe und um so lieber, als durch die hohen Preise einem Hinzudrängen niederer Elemente klüglich vorgebeugt ist.

Man findet bei Stephani allezeit nur sogenannte gute Gesellschaft.

Ich sprach vorhin von der guten Lage dieses Etablissements; es ist nothwendig, daß ich dieselbe ein wenig näher beschreibe: ihm gegenüber liegt der Schloßgarten, welchen nnr ein hohes, zierliches Gitter von der Promenade scheidet. Dieser ist seit undenk­lichen Zeiten durch königliche Munisicenz dem Publi­

kum geöffnet, Zwei große eiserne Thore, mit Säulen, Laternen und Schildhaltern, führen hinein in die Allee, gemeiniglich die Prinzenallee genannt, deren Flanken mit hohen Bäumen besetzt sind, die einen dichten, wohlthuenden Schatten über die schmäleren Wege für Fußgänger und über den breiten, weichen Fahrweg werfen.

Die Lanbmassen verengen sich beinahe in der Ferne, das saftige Grün verschwimmt zn einem dunklen Blau, denn scheinbar endlos Zieht sich die große Allee in schnurgerader Linie hin; sie wird hinten durch eine hohe Fontäne und das Schloß effektvoll abgeschlossen.

Zu diesem Haupterholungspunkte der Residenz und ans diesem heraus strömen den ganzen Tag die Menschen, Zu Fuß, Zn Wagen und zu Pferde, und Alles, was geht und kommt, muß am Cafe Stephani vorüber. Aber damit noch nicht genug: die Pro­menade hat man hier gerade zn einem breiten Platz erweitert und an diesem rechts und links liegen das Theater und das große, berühmte Landesmuseum, wodurch der Verkehr hier noch um ein Bedeutendes gesteigert wird.

Dieses Zu- und Abströmen so vieler Menschen zog Handel und Wandel hieher, der Platz ist ein­gefaßt von prächtigen Läden, die Abends ganze Fluten von Licht Hinausströmen auf die Trottoirs und vor denen es von Schauenden niemals leer wird. In der Mitte des Platzes stehen zwei schlanke Kioske, in welchen Zeitungen und Sodawasser feil gehalten werden, und aus den Ecken desselben stehen Buden mit den herrlichsten Blumen und Früchten, eine Menge von Kleinhändlern und namentlich von hüb­schen Blumenmädchen, aus das Zierlichste heraus- staffirt, bevölkern außerdem die Wege, mischen sich unter das Publikum und bieten ihre Maaren feil.

Das Alles gibt jenem Platze etwas ungemein Freundliches und Großstädtisches und macht ihn, namentlich in der besseren Jahreszeit, zum Mittel­punkte des eleganten Verkehrs.

Kein Wunder ist es also, daß die Herren so gern bei Stephani am Fenster oder auf der Veranda sitzen, und daß die Damen in der Konditorei eine Schale Eis verzehren, ebensowenig kann es auch Wunder nehmen, wenn bisweilen ein Verkehr zwischen der Weinstube und der Konditorei stattsindet, denn die Herren zieht es nun einmal auf der ganzen Welt magnetisch zn dem schönen Geschlecht.

Nicht dort vorn hinein in die Hellen, glänzenden Räume aber führe ich den Leser, sondern in eine