Heft 
(1885) 28
Seite
656
Einzelbild herunterladen

656

Deutsche Noman-Sibliothek.

Hinterstube der Restauration, hinter dem stylvollen Billardzimmer, durch einen kleinen, dunklen Korridor von dem übrigen Etablissement geschieden. Es war dieses eigentlich nur eine Privatstnbe des Wirths und demgemäß eingerichtet, aber gefällig wurde sie bekannten Gästen abgetreten, welche hier im Stillen einer guten Masche den Hals brachen und Macao oder ein Pharo Zu spielen beliebten.

Man machte hier wie man zu sagen Pflegt, unter Freunden ein kleines jeu, obgleich nichts un­richtiger ist als diese Bezeichnung, denn nichts ruinirt die Freundschaft mehr auf die Dauer, als gerade das Spiel, nichts ist gefährlicher für gute Kameradschaft als dieses, und keinem Laster fallen mehr Existenzen Zürn Opfer, denn ganze Familien müssen oftmals leiden unter dem Schicksale der Einzelnen; Schulden­machen, Wucherzinsen und Wuchermisöre, Amerika und Selbstmord sind die Perspektive für Die, welche jener unseligen Leidenschaft dauernd fröhnen.

Das Zimmer war nur mittelgroß, nicht gerade elegant, mehr bürgerlich möblirt, mit einigen Kupfer­stichen an den Wänden und Vorhängen, bis zu der halben Fensterhöhe nach dem Hofe hinaus.

Um den großen, runden Familientisch herum saßen etwa acht bis zehn Herren heute früh, hinter ihnen auf kleinen Tischen und Kommoden standen die Flaschen und Gläser, Sardellenbrödchen und der­gleichen andere gute Sachen, welche augenblicklich aber unbeachtet blieben, denn man war beim Spiel.

Man hatte gesrühstückt vorn, einige Herren von den Gardereitern und einige Kavaliere vom Hofe, war ganz solide zu Anfang, denn am Morgen ist man selten aufgelegt zum Spiel; da hatte sich ein schlanker, blasser, durch einen hoch­fahrenden, hämischen Gesichtsausdruck entstellter Herr zu ihnen gesellt, der hier offenbar wie zu Hause war.

Mit den Worten:Bei Gott es ist ein Skan­dal !" hatte er einen Stoß Akten unter dem Sommer­paletot hervorgezogen und ihn aus einen Stuhl ge­worfen,es ist die reine Köhlerarbeit für einen Gentleman, geradezu unanständig. Kellner, einen Schoppen Nothwein!"

Er hatte sich zu den Uebrigen gesetzt, zum Fenster hinausgesehen nach den Damen, die der leichte Sommer­regen da draußen kaum verscheuchte, man hatte medi- sirt über die Vorübergehenden, namentlich Damen vom Theater heute seine Witze gemacht und jene kleinen, pikanten Geschichten erzählt, welche Männer beim Glase so über Alles lieben.

Mit einem Worte, es hatte sich Alles ganz ordentlich und friedlich angelassen, bis jener Hinzu­gekommene vorschlug, das Frühstück auszuwürfeln.

Nicht doch, Herr von Steinfurt, das bleibt hernach nicht beim Auswürfeln," hatten einige Solidere ge­mahnt, aber die Anderen hatten die Oberhand be­halten, der Kellner brachte jene ominösen Lederbecher mit den drei Würfeln, die Schweselholzbüchschen wurden geleert und bald klapperten die Knöchel aus dem Tische, bald hörte man jene sonderbaren tech­nischen Ausdrücke, welche beim Auswürfeln in der Mode sind, und Ausrufe des Triumphs oder der Enttäuschung.

In der That war es aber dabei nicht geblieben.

wie jene soliden und welterfahrenen Leute es vorher­gesagt hatten, ein Zischeln und Zuwinken hernach und unter dem Vortritt Egbert's von Steinfurt, des ehemaligen Diplomaten, und noch einiger anderer Heißsporne war man übergesiedelt nach dem Hinter­zimmer.

Hier saß man jetzt und spieltelustige Sieben".

Sie kennen das Spiel nicht? Ich will es Ihnen mit kurzen Worten beschreiben; es ist eines der gefährlichsten Hazardspiele, so harmlos es auch aussieht, ähnlich dem bekannten Roulette, nur viel einfacher herzustellen: man macht mit einem Stück Kreide einen senkrechten Strich auf den Tisch und zieht rechtwinklig zu demselben 6 kürzere Querstriche. Es entstehen so auf jeder Seite des großen Strichs 5 Rubriken; in diese schreibt man links die Zahlen 12, 10, 8, 5, 3; rechts 11, 9, 6, 4, 2, oben über das Ganze aber zuletzt noch eine 7.

Der Apparat ist fertig, das Spiel kann losgehen, dasselbe wird mit 2 Würfeln gespielt und können an demselben so viele Personen theilnehmen, als Lust haben. Die Chancen sind folgende: am häufig­sten kann die 7 geworfen werden (1:6, 2:5, 3:4, 4:3, 5:2, 6:1), demnächst kommen 6 und 8 und so fort.

Eine Person hält die Bank, die nach Belieben aus einer Hand in die andere geht. Man macht seine Einsätze, dann wird der Becher geschüttelt und geworfen. Der Bankier zahlt die getroffene 7 drei­fach, die anderen getroffenen Nummern doppelt und die übrigen Nummern, welche auf derselben Seite des Strichs stehen, einfach aus, alle übrigen Sätze zieht er ein.

Dieser anscheinend so gemächliche Zeitvertreib ist, wie gesagt, eines der gefährlichsten Hazardspiele, denn bei jedem Wurf haben sämmtliche Einsätze verloren oder gewonnen, die Würfe folgen sich schnell, ebenso schnell also rollt das Geld.

Man hatte klein angefangen, wie gewöhnlich, die Leidenschaft aber stellte sich bald ein, wuchs mit jeder Minute und trieb die Sätze immer höher hinauf.

Die Würfel klapperten immer ansfordernder über das grüne Wachstuch. Das Zimmer, in welches ein verlorener Lichtstrahl Hereinsiel, über das nächste Dach hinfort, ans einem blauen Stück Himmel, hatte ordentlich etwas Trauliches, aber die Gesichter und Attitüden jener Spielenden dort harmonirten durchaus nicht mit dieser behaglichen Stimmung, man sah ge- röthete Stirnen, wirres Haar und vor Ingrimm oder Schadenfreude und Gier verzerrte Gesichter. Nirgends wird ja so leicht der Firniß der guten Ge­sellschaft abgestreift, als beim Spiel.

Der Leidenschaftlichste und Roheste von Allen und der zugleich vom Glück am wenigsten Begünstigte war Egbert von Steinfurt, der ehemalige stürmische Verehrer seiner ungekannten Cousine.

Die Rechte krampfhaft in die in Unordnung ge­brachten Haare eingekrallt, den Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, saß er bleich, verzerrt, mit großen, stieren Augen da und pointirte. Er hatte zuerst ge­wonnen, dann beim Bankhalten einen großen Theil verloren und verspielte nun soeben seinen Rest. Es lag etwas Diabolisches in diesem Augenblick in den