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Deutsche Noman-Sibliothek.
Die Thüre flog in's Schloß, daß die Wände Zitterten, — der Gefragte hatte das Zimmer ohne Antwort verlassen.
„Auch gut!" brummte der Kellner, Zählte das Geld, nahm eine größere Summe davon fort, legte den Nest zurück und verschloß ihn in das Bureau.
Siebentes Kapitel.
Dem sanften Gewitterregen, welcher am Morgen die Natur erquickt hatte, war ein heißer Sommertag gefolgt. Die Sonne sog bald die Feuchtigkeit aus und schien beinahe drückend. Manch' Einer schaute deßhalb Zn ihr auf und wünschte, sie möchte all- mälig sich hinter den Horizont verbergen, damit er aufathmen könne.
Dieses selbe Begehren empfand ein junger Herr in dem großen steinernen Hause am „Zwinger", welcher vor dem Spiegel stehend Haar und Bart ordnete. In dem Zimmer sah es augenblicklich luxuriös-genial genug aus, um eine ehrbare Hausfrau oder jedes ordnungsliebende Gemüth in Verzweiflung zu versetzen. Die Möbel waren bedeckt mit Uuiformstücken und allerhand Utensilien; zwischen einem Waffenrock und einem gekollerten ledernen Neiterhandschuh schlummerte mit einem Auge ein kleiner Affenpintscher auf dem Divan. Auf dem Tische stand die Weinflasche mitten zwischen allerhand Schriftstücken, Aschbechern und Cigarrenetnis — eine Reitgerte mit schwerem, metallenem Griff lag etwas brutal quer über alle die Geheimnisse des Schreibtisches hinweg. An den Wänden hingen Bilder, aus denen die rothen Röcke der Sportsmen grell herausleuchteten, Stammbäume von berühmten Pferden und diese selbst, dazwischen die Porträts von Kameraden und etlichen hübschen Damen in ziemlich schmucklosen Rahmen. Selbst auf dem Erdboden lagen Stiefel und Wäschestücke herum, und durch die geöffnete Thür erblickte man in der Schlafkammer daneben dasselbe Durcheinander, fortgeworsene Kleider, Sattelzeug, verschobene Möbel und bepackte Stühle.
Der Besitzer aller dieser Herrlichkeiten, der sich dort so ausführlich mit zwei Bürsten bearbeitet, ist Egon von Steinfurt, der Lieutenant von den Dragonern, mit welchem wir brieflich schon oberflächlich bekannt gemacht wurden.. Wir sehen sein Spiegelbild in dem hohen Glase und entdecken nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit seinem älteren Bruder: ein sonnenverbranntes, bärtiges Gesicht mit einem vorherrschend gutmüthigen, etwas verschmitzten Ausdruck und angenehmen Zügen. Der Kopf mit dem kurz geschnittenen Haar sitzt aus einer über mittelgroßen, gedrungenen, aber wohlgebildeten Gestalt, welche augenblicklich zur Hälfte in Civilkleidern steckt; dunkelgraue Beinkleider, graue Weste und Kravate. Der kleine runde Hut und der Rock liegen neben ihm aus einem Stuhl. Der junge Herr ist endlich mit seinem Exterieur Zufrieden, der Bart ist glatt gestriegelt, nach allen Richtungen hin gleichmäßig vertheilt; noch ein Blick auf die glänzend polirten Nägel und er schlüpft in den leichten Oberrock, stülpt das Hütchen auf, nimmt Stock und Handschuhe und ruft den Hund.
Er verläßt das elterliche Haus aus einer Neben- treppe und gewinnt die Straße. Ein Blick hinauf zum Himmel und seine Stirn legt sich in ungeduldige Falten: er will zu einem Stelldichein und nun scheint die Sonne sich, ihm zum Aerger, heute gerade gar nicht losreißen Zu können von der heißen Erde.
Er sieht nach der Uhr, steht noch einen Augenblick zögernd vor der Thür, dann macht er sich auf den Weg: ehe er hinkommt, wird es hoffentlich dunkel sein. Der Lieutenant ist noch jung und seine verliebte Ungeduld daher größer als seine Vorsicht — wer will es ihm verdenken?
Die belebteren Straßen vermeidend — denn das Ausgehen in Civilkleidern ist streng verboten — geht Egon von Steinfurt anfangs langsam schlendernd, allmälig aber, ohne daß er selbst es ahnte, seine Schritte beschleunigend, der Vorstadt zu. — Die, welche ihn mit solcher magnetischen Kraft herbeizieht, ist nämlich niemand Anderes als sein hübsches Väschen Helene, und daß er zu dieser schleicht, durste natürlich kein Sterblicher ahnen bei der Feindschaft zwischen den beiden Häusern. Daß doch die verbotenen Früchte immer am süßesten schmecken! Hätten die Familien der beiden Brüder in Frieden gelebt, wer weiß, ob der Lieutenant dann jemals seine Verwandte so lieb gewonnen hätte; die Menschen, mit denen man aufwächst, die wir täglich sehen, von Kindesbeinen an, sind ja selten Die, in welche wir uns verlieben. Aber nun war Helene lange Jahre in der Pension gewesen, er erkannte sie gar nicht, als er sie wiedersah, eine reizende, frisch erblühte Knospe, ihr Anblick hatte ihn bezaubert, und ihr gefiel der Vetter. So war das gekommen — dieses innige Gefallen an einander nahm zu mit jedem Sehen, ja wurde ein so starkes zuletzt, daß die sonst so verständige Helene dem Vetter schrieb und ihn ab und zu verstohlen traf.
Egon gewann die Vorstadt. Die Scheibe der Sonne war eben hinter dem blutrothen Wolkensaum verschwunden, als er in's Freie trat, aber um so Heller leuchtete jetzt das Abendgold — es war noch tageshell, noch durfte er es nicht wagen, sich zu nähern.
, Ganz am Rande der Vorstadt lag das große Haus des Onkels, dahinter erstreckte sich ein weiter Park. Dieser war durch eine hohe Mauer gegen den Fahrweg abgeschlossen, welcher dieses äußere Stadtviertel umzog. Jenseits desselben begannen Felder, Gärten und Wiesen.
Es war hier herum noch ziemlich belebt, unser Verliebter hielt es deßhalb für gut, einen schmalen Richtweg einzuschlagen, der von der Hauptstraße abbog. Disteln und Gräser köpfend mit seinem Reitstock, schleuderte er langsam fürbaß, vorsichtig Gang und Haltung verstellend, denn hinter der Parkmauer lag eine erhöhte Stelle mit einer Laube darauf, von welcher aus man bequem das ganze vorliegende Gelände übersah.
Endlich war es verglommen das Abendroth, nur ein matter rother Saum noch an den Rändern der dunkelvioletten Wolken, dann ein leises Zucken wie elektrisch, und auch diese verschwanden — es wurde