Die Erbtante von Johannes van Dervatt.
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Nacht. Das Heer der Sterne funkelte schon vom schwarzblanen Himmel herab. Eine Pforte öffnete sich, es huschte Jemand heraus über den Weg, durchbrach an einer lichten Stelle die niedrige Hecke auf der andern Seite und betrat die Wiese. — In der nächsten Sekunde lagen sich die beiden Liebenden in den Armen.
Wie im Halbschlafe, traumverloren lag die Erde da, als die Beiden dort im kühlen Grase ruhten, als läge die große Stadt mit ihrem geräuschvollen Treiben und wilden Leidenschaften meilenweit hinter ihnen, solch' eine tiefe, heilige Stille herrschte hier draußen. Nur ein Vogel sang noch irgendwo in den Zweigen, als freute er sich über das Glück der beiden Liebenden da unten, die schweigsam, wie übermannt von Seligkeit, Hand in Hand neben einander saßen.
Es duftete nach Erde und frisch gemähtem Heu, und wenn der leise Windhauch erfrischend darüber zog, dann raschelte die weite Grasfläche und regte es sich flüsternd oben in den Laubkronen des Parks. Ein lebhaftes Gefühl des Glückes und des Dankes war in den Herzen dieser beiden guten Menschen, trotzdem aber tauchte Helenens Seele sich in sanfte Schwermuth, und ihre Gedanken richteten sich rückwärts: warum war es eine Sünde, fragte sie sich, daß sie ihren Vetter liebte, warum mußte sie es verbergen, dieses reinste und heiligste Gefühl, welches der Himmel selbst in ihre Brust gelegt hatte? Hier draußen, heimlich mußte sie ihn treffen und Zittern vor dem Augenblicke, wo der Vater das Bündniß ihrer Seelen entdecken würde!
Auch Egon war still, nur ab und zu einmal zog er die kleine, weiche Hand leise an seine Lippen, aber ihn beschäftigten nicht die Vorwürfe und Sorge, der Reif des Weltschmerzes legte sich nicht erkältend auf feine Freude; er war eine kräftig und glücklich organisirte Natur, ein warmblütiger Optimist, er vertraute dem Himmel und dem guten Glück, nicht wenig auch sich selbst. Mehr und mehr erfaßte ihn der poetische Zauber, der Reiz der Situation — ihre süße Hand in der seinen, ihren Kopf an feiner Schulter, sah er hinaus zu den Sternen und hatte die schönsten und glücklichsten Gedanken dabei.
Allmälig stieg der volle Mond herauf, während sie dort ruhten, und schaute mit der Hellen Scheibe, groß wie ein Wagenrad, über den dunklen Horizont herüber. — Mit einem Schlage war die ganze Szenerie jetzt verändert, in dem gelben Lichte des Gestirns der Nacht sah das wogende Gras aus, als schlüge es Wellen, wie ein weites, weites, mondbeschienenes Meer.
Ergriffen von der wunderbaren Schönheit dieses Zaubers richteten die Beiden sich auf und schauten bewegt im tiefsten Gemüth; ein Hauch von der Allmacht und Liebe Gottes zog leise durch ihre empfänglichen Seelen.
„Wie schön — schau'!" sprach Egon leise und sah der Geliebten in das hellbeleuchtete Gesicht.
Helene seufzte — sie nickte ihm Zu mit dem Kopfe und verbarg ihr liebes, hübsches Gesicht an seiner Brust, damit er die Thräne nicht sähe, welche ihre Wimper feucht machte.
„Mein Liebling!" flüsterte er und Zog sie an sein Herz. Sie rührte sich nicht, still wie eine Taube schmiegte sie sich an ihn an.
„Was — Du weinst?!" rief er auf einmal und richtete sich aus.
„Laß mich — ich Lin heute so weich gestimmt... ich weiß selbst nicht."
„Ja, aber Leuchen! . . . bekommst Du Nerven, Mädchen?" unterbrach er sie ganz betroffen, aber dennoch mit einem gutmüthigen, aufsordernden Lächeln.
„Es ist nichts," gab sie zurück und sah ihn durch die Thränen hindurch zärtlich an. „Ich dachte nur daran, wie schlimm es ist, daß wir uns heimlich und hier draußen im Felde treffen müssen. Daß unsere Liebe Sünde ist, bloß weil unsere Väter mit einander in Feindschaft leben."
„Also mit solchen Gedanken verdirbst Du Dir den kostbaren Augenblick?" sprach er vorwurfsvoll.
„Ja, Schatz — ich kann nicht anders!"
„Und deßhalb läßt Du mich allemal so lange bitten, ehe Du mir ein Zusammentreffen bewilligst?"
Sie nickte stumm.
Der Verliebte sann eine Weile nach.
„Weißt Du was?" begann er dann, „ein Unrecht ist allerdings dabei, ich gebe das zu, aber Leuchen, für uns ist es gering. Wenn unsere Väter Capuletti und Montecchi spielen, warum sollen wir nicht etwas Romeo und Julie fein? — Ich sehe darin keine Sünde. Sollen wir Kinder denn mit in dasselbe Horn blasen, uns hassen gegenseitig auf Kommando?"
„Es bekam Romeo und der armen Julie sehr schlecht, lieber Schatz."
„Das war ihre Schuld, warum waren sie so dumm? Wir werden es besser machen."
„So glaubst Du an ein Wunder?!"
Er antwortete nicht sogleich, sondern sah gedankenvoll zu dem gelben Monde hinüber, welcher jetzt wie ein goldener Ballon ein Stück bereits über dem dunklen Horizont schwebte.
Nach einer Weile blickte sie ihm in's Gesicht und sprach:
„Und nun hat sich die Kluft noch erweitert wegen jenes unseligen Briefes von der Tante."
„Es war sehr unrecht von meinem Vater, ihn dem Deinen nicht gleich zu schicken — ich habe ihn: das auch gesagt."
„Immerhin, nun ist Papa Feuer und Flamme. Er wäre längst zu euch gekommen, um Erklärungen zu fordern, wenn er nicht prinzipiell..."
Hier unterbrach sich die Sprecherin plötzlich, bog den Kopf Zur Seite und lauschte.
„Man kommt," flüsterte sie und legte den Finger an die Lippen.
„Sitz' nur still — es kann uns hier Niemand sehen; die Büsche sind dicht. . . ruhig, Köter!"
Es kam ein Pärchen gegangen den breiten Hauptweg herunter, an dessen Rande sie saßen, nur durch eine niedere Weißdornhecke von ihm getrennt. Sie vernahmen Schritte und Worte, durch die vielfachen Lücken in jenem Zaune konnten sie die Nahenden beobachten. Sie gehörten augenscheinlich der besseren Gesellschaft an; wie der Mond sie jetzt halb beschien,