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Deutsche Noman-Siötiothek.
Eine für beide Theile höchst unangenehme Diversion bereitete der Dragoner, welcher, ausgehalten durch den Dienst, etwas verspätet ankam und Zwar gerade von der Seite her, auf welcher Helene sich- befand.
In deren Nähe gekommen, faßte er höflich an seine Mütze und trat mit so sicherer Miene und so freundlichem Lächeln an seinen Onkel heran, daß dieser in der ersten Verwirrung sogar die Rechte berührte, welche der Neffe ihm entgegenstreckte.
„Unerhört!" sprach der Diplomat mit einem abweisenden Blicke und zuckte die Achseln.
Der Präsident schwieg und biß sich auf die Lippe, die beiden Mädchen aber gaben ihrer bodenlosen Entrüstung so laut Worte, daß Bruchstücke bis dort hinüber klangen. — Was ihr Bruder soeben that, war in ihren Augen geradezu Felonie.
„Ich freue mich herzlich, lieber Onkel, Dich zu sehen," sprach der Dragoner unterdessen und drückte nun auch seiner Base die Hand. „Wie hübsch Du aussiehst, Helene!"
„Ist nicht eure Schuld, daß ich hier bin," brummte der Kommerzienrath, der die Rechte seines Neffen kaum ergriffen und beinahe grob dann zurück- gestoßen hatte.
„Trotzdem freue ich mich und wünschte, die Tante Karoline fände nicht Ursache, über uns zu spotten, Onkel," versetzte der Dragoner mit Nachdruck.
Der kleine, stämmige Kommerzienrath sah seinen Neffen mit einem etwas eigenthümlichen Lächeln von oben bis unten an und erwiederte kurz:
„Das ist mir ja neu — ich glaube aber kaum, daß Du damit bei den Deinen gut durchkommst."
Er wies dabei mit einer ebenso kurzen als bezeichnenden Geste auf die Gruppe dort drüben, deren Blicke mit Hohn und Entrüstung hier herüber sahen. Nur der Präsident kehrte stolz den Rücken.
„Ich spreche für mich — das ist meine Meinung. Ich wollte, wir lebten in Frieden, Onkel."
„Danke! Macht's auch darnach."
„Das wünscht wohl ein jeder gute Mensch," sprach Helene mit ihrer sanften Stimme und schaute bittend zum Vater auf.
„Ich nicht," versetzte dieser grob, sah nach der dicken goldenen Uhr und drehte dem Neffen den Rücken zu. — Die beiden Brüder standen noch so diametral einander gegenüber, als der Rauch des kleinen Dampfbootes am Horizont sichtbar wurde. Der Kommerzienrath kehrte das Gesicht stromaufwärts. Als er den Rauch erblickte, geschah etwas, was die Situation in einer ganz bedenklichen Weise klärte: der kleine Herr mit dem stattlichen Bäuchlein und den großen, rollenden Augen machte Kehrt und ging geradezu durch die erstaunten Mädchen hindurch auf seinen Stiefbruder zu.
„Ich frage Dich," sprach er diesen an, „warum Du mir die Ankunft der Cousine Karoline verschwiegen hast?"
Erstaunt zwar über diesen Schritt, aber vornehm kühl wandte der Präsident sich herum. Er zögerte einen Augenblick, ließ sein blaßblaues, müdes Auge von oben herab aus dem Stiefbruder verweilen und versetzte spöttisch:
„Mit demselben Rechte erlaube ich mir die Frage, wie erfuhrst Du überhaupt davon? In der Cousine Schreiben stand nichts davon, daß sie Dich hier zu sehen wünschte."
Des Kommerzienraths Blicke funkelten drohend. In demselben Moment vernahm er eine näselnde Stimme neben sich, die das Wort „zudringlich" aussprach. Wie von der Pistole getroffen fuhr er herum und auf den Diplomaten zu.
„Unverschämter, dummer Junge!" schnauzte er diesen an, und es fehlte nicht viel, so hätte er sich thätlich an demselben vergriffen, dann die Anderen, sprachlos vor Schrecken und Entrüstung hinter sich zurücklassend, schritt er wieder auf Helene und den Dragoner zu.
„Wir haben Deine Gesellschaft nicht weiter nöthig, Herr Neffe," schnarrte er diesen ebenfalls an.
„Danke bestens, Onkel," gab dieser mit Laune zurück, „Du drückst Dich so deutlich aus, daß man Dich versteht."
Etwas verblüfft ließ er den zornigen Herrn zurück und ging zu seiner Familie hinüber.
Neuntes Kapitel.
Während man sich also am Lande ans die Ankunft der lieben Verwandten vorbereitete, war diese mit den Ihren in der Kajüte des kleinen Lokalbootes beschäftigt, sich zu dem großen Akte des Wiedersehens vorzubereiten; durch ihren Agenten und das Angebot einer namhaften Summe war es ihr gelungen, daß man den Raum aus die kurze Strecke für sie allein reservirte.
„Von England hier herüber nach Hamburg hatte ich einen Statisten angenommen, der für mich die Erbtante darstellte, dießmal bleibt mir nichts übrig, als es selbst zu thun," sprach sie zu Marie, während diese ihr behülflich war, ihr die Shawls umzuthun und ihr den Turban aufzusetzen. — Hernach noch etwas Puder und Schminke und einige Strähnen grauen Haares und die Begum war fertig, die Komödie konnte beginnen.
Schon klingelte es am Vordertheile, die Marktleute, ans welchen der hauptsächlichste Theil der Passagiere bestand, nahmen ihre Kiepen und Körbe auf, das Boot fuhr mit halber Kraft.
„Ausgepaßt! das war die Glocke des Inspizienten, gleich wird's losgehen, Lisel," sprach Marie Werner, nicht ohne einige Erregung. „Schau'! dort drüben steht auch schon das Publikum, ich sehe da einen Strauß und neue Kleider. Hast Du keine Furcht?"
„Furcht? . . . nicht im geringsten! Ein ganz anderes Gefühl bebt jetzt in meiner Brust, das ich Mühe habe zu unterdrücken . . . Also das sind meine lieben Verwandten da drüben, die eine arme Verwandte verstießen! . . . Nun, wir werden ja sehen. — Sie stehen in zwei Gruppen; das dort ist gewiß der Herr Präsident mit seinen vier Kindern und das der Herr Kommerzienrath — die beiden feindlichen Brüder. — O, ich will euch schon zusammenbringen, gebt nur Acht!"
„Reg' Dich nicht auf," bat Marie, „Du wirst alle Kraft nöthig haben."