Heft 
(1885) 28
Seite
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Die Erbtante von Johannes van DervaU.

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Das Boot legte an, die Landungsbrücke wurde geworfen, eine dichte Menschenmenge drängte hinüber. Auf der einen Seite derselben stand der Präsident, ans der andern der Kommerzienrath und ließen die­selbe an sich vorüberfluten, ungeduldig den Augen­blick erwartend, wo sie an Bord eilen konnten.

Sie mußten eine gute Weile verziehen, die Dame war an Bord, aber sie ließ auf sich warten, und Niemand durfte hinein. Der Präsident, nicht gewohnt, Zu antichambriren und noch dazu im Freien, zog die Augenbrauen bedenklich hoch hinauf. Die Mäd­chen vergingen vor Ungeduld, aber schon kroch etwas die Kajütentreppe herauf, ein alter, runzeliger Kerl mit einem Tressenhut, in einem langen Winter­paletot, der einen großen, buntseidenen Regenschirm aufspannte, ihm folgte eine junge, tief verschleierte Dame, die eine kleine eiserne Kassette trug, und nun entwickelte sich langsam jenes seltsame Schauspiel, die Begum und ihre indische Bedienung, in ihrer fabelhaften, über alle Maßen lächerlichen Tracht.

Das Erstaunen und die Ueberraschung waren so groß, daß die beiden Brüder einen fragenden, ver­legenen Blick auf einander warfen, ehe sie sich L tamxo aus die liebe Verwandte stürzten. So hatten sie sich dieselbe denn doch nicht gedacht!

Sie trafen aber auf unerwarteten Widerstand; jene junge Dame mit der Kassette trat ihnen höflich entgegen und redete sie an:

Wenn die Herren die Verwandten der Lady Macduff sind, wie ich vermuthe, so habe ich den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß diese sehr angegriffen ist und sich jeden Empfang dringend verbittet."

Diese Worte waren so bestimmt gesprochen, daß die beiden Brüder trotz ihres lebhaften Verlangens znrücktraten.

Verzeihen Sie, mein Fräulein, die nur sehr natürliche Sehnsucht, unsere theure, langentbehrte Verwandte zu sehen, trieb die Meinen und mich hieher," sprach der Präsident.

Obgleich meine Cousine mich nicht von ihrer Ankunft benachrichtigte, wollte ich meinerseits die Gesetze der Höflichkeit nicht verletzen, der Kommerzien­rath ..."

Hier waltet jedenfalls ein Jrrthum ob; Lady Macduff hatte angenommen, daß der Herr Präsident natürlicherweise alle Mitgliederder Familie in Kennt- niß setzen würde," erwiederte Marie Werner.

Es ist das nicht geschehen und nur einem Zu­fall verdanke ich es, daß ich es überhaupt erfuhr."

Es wird das Lady Macduff sehr verdrießen, denn sie ist außerordentlich streng in Sachen der Etikette," versetzte die junge Dame nachdrücklich, mit einem Seitenblick auf den Präsidenten,doch nun bitte ich höflich, das Schiff zu verlassen. Wir werden uns erlauben, direkt in ihre Wohnung Zu fahren, wie gesagt, die Lady ist leidend."

Mit finsteren Blicken der Kommerzienrath, etwas betreten der Präsident, befolgten die Brüder diesen wiederholten Befehl. Sie traten mit den Ihrigen eine Strecke Zurück und beobachteten von da aus jenen grotesk-lächerlichen Einzug der Erbtante.

Ein wahres Monstrum.. . eine Pagode!" ries der Diplomat mit einer unendlich spöttischen Geberde.

Dafür scheint ihre Begleiterin gar nicht übel Zn sein," bemerkte Egon.

O Gott, welch' eine abscheuliche Maskerade!" ries Frida, das Lachen kaum bezähmend.

Schauerlich!" brummte der Diplomat.

Nein diese Frechheit seht doch nur!" rief gleich hinterher Karola.

Dieser Aufruf und dann das spöttische Lächeln gleich daraus galt Helene. Das junge, warmherzige Mädchen hatte sich durch das Verbot der Tante nicht irre machen lassen. Sie trat, als Jene die Landungsbrücke überschritten hatte, an die unförmige Masse heran und bot ihr ihren Blumenstrauß.

Es soll nicht gesagt werden, daß Sie den heimat­lichen Boden betraten, liebe Tante, ohne daß die Blumen Sie willkommen hießen," sprach sie herzlich und trat dann erröthend zurück.

Die Begum stutzte, sah die Spenderin mit ihren großen Augen eine Weile an, nickte dann mit dem Kopfe und nahm den Strauß. Sie riß etliche Blumen aus demselben und gab sie Ben, der schnur­stracks mit denselben an das Wasser eilte und sie mit allerhand seltsamen Geberden in den Strom warf. Ben war nämlich ein Parse, ein Anhänger der Lehre Zoroaster's, mit jenen Blumen brachte er ein Opfer.

Das spöttische Lächeln dort drüben verstummte, als die Erbtante gleich darauf das freundliche Mäd­chen nun ihrerseits anredete und ihr mehrere Male die Hand drückte, wonach denn auch der Vater herzutrat und seine Glückwünsche darbrachte. Augen­blicklich wollte nun natürlich auch die andere Seite herzueilen, aber die alte Pagode winkte lebhaft ab­wehrend mit den Händen.

Nein, diese Frechheit ist unglaublich!" schnaubte Karola beinahe weinend,daß unsereins sich das bieten lassen muß!"

Sie scheint eine ziemlich ungebildete Person Zu sein," tröstete sie der Vater,welch' ein Aufzug!"

Staat kann man allerdings nicht mit ihr machen; ich möchte mich nicht öffentlich mit der Vogel­scheuche zeigen," höhnte der Diplomat.

Mittlerweile stiegen die Ankömmlinge in herbei- gernfene Wagen und fuhren davon, eine gaffende Menge gab ihnen das Geleit. Vor Allem erregte auch der Diener Aufsehen, der im heißen Sommer in einem Winterpaletot ging.

Am Lande lag schon der große Haufen von Gepäckstücken, welche Frida eingehend musterte. Die fremdländischen Namen auf den Koffern erregten ihr lebhaftestes Interesse, noch mehr aber der Umfang und die Menge der Bagage.

Hoffentlich hat sie Jedem von uns etwas Schönes mitgebracht!" wiederholte sie in allen Ton­arten.

Der Lieutenant war schon längst gegangen, ihn holte sein Bruder ein, welcher ihm in gereiztem Tone Mittheilung machte von dem gemeinen Be­nehmen des Onkels und die Absicht anssprach, diesen zu fordern. Eine solche Brutalität entschuldigt selbst die allernächste Verwandtschaft nicht.

Hm! wie kam er denn dazu, Dich einen dummen Jungen zu nennen?" fragte der Dragoner ziemlich phlegmatisch.