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Deutsche Nom an-Bibliothek.
„Ich sagte ihm, daß es zudringlich wäre von ihm, unaufgefordert den Vater zu interpelliren."
„Gebrauchtest Du das Wort zudringlich'?"
„Allerdings! ich . . ."
„Laut?"
„Nun ja, natürlich."
„Dann hat sich nach meiner Ansicht der Onkel sehr milde ausgedrückt, dann fordere Du ihn lieber nicht, sondern kaufe Dir Knigge's Umgang mit Menschen."
So sprechend ließ er den Herrn Bruder sehr verwundert und entrüstet stehen und begab sich nach seiner Wohnung, innerlich sehr vergnügt über Helenens Betragen, ein wenig schadenfroh anch wegen der verdienten Zurückweisung, die seinen Bruder getroffen, von dem er gering dachte.
Nachher aber trat wieder die Sorge an ihn heran: daß der Onkel ihn zur Rede gestellt hatte, war dem Vater ganz gesund, aber wenn das so weiter ging mit der Sprödigkeit der indischen Tante, dann war jener ein verlorener Mann, denn Egon wußte nur zu gut, wie tief er in Schulden stak und wie es ihm an Kops und Kragen ging, wenn er nicht Zahlte. — Zahlend — Ja, wovon? . . . Mit der Erbtante hatte man die Gläubiger vertröstet, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, sonst wäre er vielleicht heute schon verabschiedet und die Seinen am Bettelstäbe. — Aber länger würden dieselbe:: unmöglich warten, wenn nicht bald eine wirkliche, solide Rettung kam, dann war er verloren. Und von wem konnte Rettung kommen als von ihr, die sich gleich zu Anfang so seltsam, ja unfreundlich benahm? Diese Erwägungen drückten die Stimmung des Reiteroffiziers tief herab; er war selbst ab und zu genöthigt, eine Anleihe bei jenen Blutsaugern zu machen, und wußte aus Erfahrung, wie sehr diese zu fürchten waren. Sein Bruder Egbert freilich, der war über diese Sorgen hinfort, der konnte von seinen Schulden leben, um von dem jemals Geld zu erhalten, mußte jene Baude ihn obendrein konserviren. Denn wurden sie klagbar, so verabschiedete man ihn und sie bekamen gar nichts; ihre einzige Hoffnung bestand darin, ihn eine gute Partie machen zu lassen. Mit derartigen Vorschlägen allerdings peinigte man ihn Tag und Nacht.
Dazu noch der Kummer um Frida, mit der er noch nicht einmal ein Wort hatte sprechen können über ihr Betragen, und der Stand seiner eigenen Herzensangelegenheit, das gab dem jungen Manne so viel Zu denken, daß man ihn erst Hinunterrufen mußte zum Abendbrod, er hätte es sonst vergessen.
Als er zu den Seinen kam, fand er diese in einer stillen, aber hochgradigen Entrüstung: die Tante hatte ihre Zimmer bezogen, hatte aber heraussagen lassen, daß sie durchaus unbehelligt zu bleiben wünsche und daß sie mehr Feuerung verlangte. Für ihre Dienerschaft hatte sie Reis und Hammelfleisch besohlen, für sich selbst ein tüchtiges Abendbrod und Wein. Nebenbei hatte sie aber anch ansragen lassen, ob und wo man hier einen guten, unverfälschten Rum bekäme.
„Ihre Frau Tante braucht nämlich ab und zu eine kleine Herzstärkung," hatte die Gesellschafterin
hinzugefügt. Diese war übrigens ein hübsches und sehr resolutes Frauenzimmer, offenbar eine Deutsche. Der Bediente sprach dagegen nur englisch, das heißt eigentlich fast gar nicht, da er nur brummend einige Laute von sich gegeben hatte, als Egbert ihn vorhin anredete; von den Anderen hatte man noch nichts zu sehen bekommen. Der Eintritt in die Gemächer der Begum war aus das Strengste untersagt; Frida, welche trotz des Verbots versucht hatte dort einzudringen, war durch ein kurzes Abweisen des Dieners zurückgescheucht worden. Hinter ihr hatte man die Thüre zugeschlossen, die Dienerschaft mit dem Essen hatte klopfen müssen, und hatte derselbe alte, leberige Kerl es ihr abgenommen.
Das Alles ließ sich eben nicht vielversprechend an. Dazu berechneten der Präsident und Karola, seine Vertrante, beständig während der frugalen Mahlzeit, woher sie das Geld nehmen würden, um jene fünf Personen zu verpflegen, die obendrein doch sicherlich große Ansprüche machen würden.
Und dafür die Tante nicht einmal zu sehen zu bekommen, nicht zu sprechen! ... es war das ein höchst sonderbares Verhältniß!
Mittlerweile hatte die Begum ihre lästige Hülle abgeworfen, und nach einer eingehenden Inspektion der Thüren und der Fenster saßen die beiden jungen Mädchen in bequemen Hausgewändern und speisten zu Abend.
„Ich sehe schon ungefähr, worau wir hier sind," sprach Marie. „Nach meinen wenigen Berührungen mit der Außenwelt zu nrtheilen, leben die beiden Brüder allerdings in bitterer Fehde und ebenso die Familien derselben. Nach John's Aeußernngen — er war bereits unten in der Küche, — ist in: klebrigen hier, trotz aller Vornehmthuerei, Schmalhans Küchenmeister und ist vor Allem die junge Dame bei der Dienerschaft durchaus nicht beliebt."
„Dann werde ich irgend etwas thun müssen, um meiner theuren Cousine unter die Arme Zn greisen," versetzte Elisabeth, das Hühnerbein sortlegend, an welchem ihre kleinen Zähne genagt hatten.
„Ganz gut »— aber laß sie nur erst ein wenig zappeln; ich bin überzeugt, sie kommen Dir ganz von selbst damit. Du machst Erfahrungen aus diese Weise." Der indische Diener kam herein, verneigte sich und berichtete, daß die jungen Ladies der Tante die Hand zu küssen wünschten, ehe sie zu Bette gingen.
„John soll sagen, es wäre nicht nöthig," befahl sie kurz.
Eine abermalige Verbeugung und Ben ging hinaus.
„Um zu erkennen, wie niedrig die Menschen sind, muß man sie demüthigen," sprach Elisabeth mit Bitterkeit. „Je eher ich Grund finde, desto mehr wird es mich freuen," fügte sie dann hinzu.
So vielversprechend begann und endete dieser erste, wichtige Tag. Die sehr beunruhigte, entrüstete Familie mußte sich zu Bett legen, ohne auch nur ein Wort mit ihrer Tante gesprochen zu haben.
Aber auch diese floh der Schlaf.
Elisabeth, wenn auch vom Geschick in früher Jugend hart geprüft, hatte sich dennoch ihre natür-