Oie Erbtante von Johannes van Ocwatt.
liche Herzensgüte voll bewahrt. Die Nolle, welche sie ihren Verwandten gegenüber Zu spielen hatte, siel ihr schwer, ja, dünkte sie ihrer unwürdig in einzelnen Momenten. Wenn auch ein berechtigtes Gefühl der Bitterkeit in ihrer Seele vorwog, so sand sich doch auch häufig eine leise Stimme, welche die bösen Verwandten entschuldigte. Den unangenehmsten Eindruck auf sie hatte ihr heute bei der kurzen Begegnung entschieden der Onkel Präsident gemacht; in seinem langen, hageren Gesicht mit den vorspringenden Backenknochen und dem schmalen, eingefallenen Munde lag nichts als Strenge und Herzenskälte ausgeprägt; der Mann hätte gewiß nicht eine Hand für sie gehoben, wäre sie nicht die reiche Erbtante gewesen. Am sympathischsten war ihr Helene erschienen; sie hatte Mühe gehabt, dem hübschen, freundlichen Mädchen nicht einen Kuß zu geben. Die klebrigen hatte sie nnr flüchtig gesehen.
Wenn der Präsident, wie es den Anschein hatte und wie er es in seinen Briefen ausgesprochen, in einer Lage war, welche ihn nöthigte, ans das Peinlichste Haus zu halten, so war derselbe im Grunde betreffs seines früheren Betragens gegen eine arme Verwandte mehr zu entschuldigen, als der reiche Kommerzienrath; für diesen aber leistete das freundliche Gesicht Helenens Fürbitte.
Sie beschloß am Ende eines längeren Nachdenkens, vorläufig ihre Nolle streng dnrchzuführen, genau zu prüfen erst, ehe sie sich ferner entschied, vor Allem aber ihrem Wirth ans irgend eine Weise eine Summe zukommen zu lassen, welche demselben die Kosten, die sie ihm verursachte, reichlich vergütigte.
Sie sprach dann leise ihr Gebet und schloß die Angen, aber es dauerte noch lange Zeit, ehe sie ein- schlies.
Zehntes Kapitel.
John stand unten an der Hansthür, eine Rose im Knopfloch, eine andere in der Hand, in seinem Winterpaletot und hoher, weißer Binde und schaute anscheinend gleichgültig ans das, was auf der Straße vorging.
Er war ein Untergebener des Kapitän Macduff gewesen, als dieser noch im zweiten schottischen Nifle- regiment stand, und hatte mit ihm zugleich den Dienst verlassen. Die Anhänglichkeit an seinen langjährigen Herrn hatte er später auf dessen Gattin übertragen und hernach auf deren Erbin. Er war ein Vermächtnis; an diese und als ein solches betrachtete er sich selbst. Seine junge, liebenswürdige Herrin gefiel dem alten Burschen ungemein, und er war gewohnt, wem er diente, mit ganzem Herzen Zn gehören.
Warum die Miß hieher, Zn ihren Verwandten gegangen war, das hatte man ihm gesagt; er kannte seine Pflichten, ihm machte es Spaß, bei der Komödie nach Kräften mitznhelfeu. Trotz seines trockenen, hölzernen Wesens besaß der alte Bursche eine gute Dosis von Schlauheit, ja selbst von Humor, und machte es ihm einen ganz besonderen Spaß, wenn die Leute ihn für den Klotz nahmen, für den er sich ausgab. Es kam hinzu, um ihm seine Stellung
Deutsche Noiimii-Bibliothck. XII. 14.
zu versüßen, daß er froh war, dem heißen Boden Indiens Valet gesagt zu haben, und daß er hoffte, seine geliebte Heimat noch einmal wiederzusehen, wenn er sich hier in Deutschland ein wenig akklima- tisirt haben würde. Er verstand und sprach außerdem einige Brocken Deutsch, denn seine Lady hatte einst eine deutsche Dienerin gehabt; dieselbe war leider dem mörderischen Klima Kalkuttas erlegen, aber hatte doch lange genug mit ihm zusammen gelebt, um ihn ihre Muttersprache radebrechen zu lehren.
Von dieser Kunstfertigkeit ließ er aber vorläufig so wenig als möglich merken. Auch verstand er die Sprache Ben's und Asta's und machte, wenn es noth that, bei diesen den Dolmetscher.
Er stand jetzt hier ans der Lauer, er wartete ans den Postboten und paßte zugleich ans, ob etwa Dieser oder Jener an ihrem separaten Eingang herumspionire.
Als er die Briefe für seine Lady in Empfang genommen hatte, ein Paket mit dem Poststempel „London", begab er sich ans den Hof. Dort stand des Lieutenants Bursche und putzte die Pferde. Mit Kennermiene trat er heran, klopfte dem einen Braunen den Hals und begann sofort Konversation Zn machen:
„Vor/ ÜN6 llorsos!" knurrte er.
Der Bursche sah ihn an, hörte einen Augenblick auf zu striegeln und nickte ihm zu.
„Das will ich meinen!" versetzte er und amüsirte sich über das wichtige Gesicht des alten Knaben nicht wenig, verstehen that er kein Wort, aber er begriff, was jener meinte. Ans einer Ecke, wo die Sonne warm hinschien, kam ein kleiner Köter hervor, beroch den Fremden umständlich, streckte die Hmter- beine, richtete sich langsam an diesem empor, schnoberte abermals und streckte nun an dessen Schienbein die Vorderpfoten, indem er bewillkommnend dabei mit dem kleinen Schwänze wedelte.
Das Gesicht des Alten, so weit er sichtbar war, überflog ein Schein freundlichen Wohlwollens; er beugte sich nieder und streichelte dem Hunde das krause Fell.
„Ob, in/ littls xu88/! . . . ob, in/ littls PU88/E sprach er dabei beinahe zärtlich.
„Affe heißt er," berichtigte der Bursche.
Von da begab sich John nach dem Gesindcraum, wo er seine beiden Rosen ließ, dann aber ging er hinaus mit den Postsachen. Er hatte gesehen, was er wollte, und sich gezeigt. Er hatte den Auftrag, den separaten Eingang streng zu bewachen, und mit gutem Grunde, denn wenn dieser nicht vollständig unter ihrer Kontrole, ja in ihrem völligen Besitz war, hätte Elisabeth ewig Hausarrest gehabt und dazu eben war sie durchaus nicht aufgelegt.
Nachher stand John deßhalb abermals ein wenig ans der Lauer: Zuerst ritt der Lieutenant fort, ein schmucker, hübscher Mensch, der gut zu Pferde saß. Viel später erhoben sich die Ladies, ihre Hellen Morgenkleider wurden unten im Garten sichtbar; in einem Pavillon servirte man das Frühstück. Gegen neun Uhr erst erschien der Präsident, würdevoll, sorgfältig rasirt und gebürstet, und etwas später noch in einem weniger gewählten Auszuge der Assessor.
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