Heft 
(1885) 28
Seite
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Deutsche Roman-Bibliothek.

Das Frühstück dauerte nicht lange, die Herren gingen, die Damen blieben sitzen.

Mittlerweile war es längst lebendig dort oben geworden. Es gab ein großes Rumoren unter dem Gepäck: Lady Macduff hatte nämlich beschlossen, heute schon vor den versammelten Ihrigen zu erscheinen, um sie zu begrüßen und die Geschenke zu vertheilen, die sie mitbrachte.

Dabei ließen sich gewiß interessante Studien machen und wichtige Schlüffe ziehen aus die Charaktere der Einzelnen, denn überall, wo es sich um den Be­sitz handelt, treten die inneren Eigenschaften naiver hervor als sonst im Leben.

Nach einer Weile ging Marie Werner über den Hof und begab sich zu den Damen im Garten. Elisabeth hatte dieselbe gebeten, die Beziehungen zn dem Hause von Steinfurt vorsichtig zu eröffnen.

Karola und Frida waren in gleicher Weise er­staunt über die einfache und liebenswürdige Art, mit welcher die Fremde ihnen heute entgegentrat. Nach den ersten einleitenden Worten schon begann sie von der Tante zu erzählen und ihnen Aufklärungen zu geben.

Die alte Dame ist eine ebenso herzensgute als seltsame Person, eine wahre Rarität, aber eine solche, die man lieben muß," sprach sie.Ihre Launen und Gewohnheiten sind eine Folge ihrer Lebens­weise und des heißen Klimas, so zum Beispiel ihr unseliger Hang zn starken Getränken..."

Sie trinkt? O wie furchtbar!" ries die naive Frida, was ihr einen strafenden Blick seitens der älteren Schwester eintrug.

Es ist schlimm, aber die Arme kann es nicht wieder lassen .. . Vielleicht mit der Zeit.. . ebenso das starke Schnupfen und das Betelkaueu. . . Sie sollten nur einmal eine Weile in jenem Backofen leben, meine Damen .. . wer weiß, wer weiß!"

Frida unterdrückte einen kleinen Schauer . . . Schnupfen und Betelkaueu? wie entsetzlich vulgär!

Ebenso seltsam ist für einen Fremden ihre Art sich einzuschließen," fuhr Marie fort.Sie thut das hauptsächlich aus Furcht, seit sie nämlich so steinreich ist, lebt sie in einer ewigen Angst, ermordet zu werden."

O wie entsetzlich! ... die arme Tante!"

Und ist sie denn wirklich so reich?" fragte die ältere der Schwestern, welche einen durchaus praktischen Sinn hatte und diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollte, sich zu unterrichten.

Sehr reich, für deutsche Verhältnisse un­gewöhnlich reich sogar; sie besitzt Tonnen Goldes. Wie gesagt, daher eben kommt diese sonst unerklär­liche Angst, denn im Grunde liebt sie Menschen und frohe Gesellschaft und kann sogar recht ausgelassen sein."

Was Sie nicht sagen! O, dann gewöhnen wir ihr diese häßliche Furcht mit der Zeit ab. Hier bei uns braucht sie keine Angst zu haben."

Um Gottes willen, thnn Sie keine voreiligen Schritte! Vor Allem wagen Sie es niemals, un- gerufen in ihre Gemächer einzudringen, mein Fräu­lein; sie wäre im Stande, Sie augenblicklich Zu ver­lassen!" sprach Marie mit großem Nachdruck und richtete ihre Angen dabei aus das vorschnelle Fräulein.

In unserem Hause soll die gute Tante leben, wie es ihr gefällt, davon seien Sie überzeugt, Fräu­lein Werner," beeilte sich Karola sie Zu beruhigen, welche dem Vater auffallend ähnlich sah und daher nicht gerade Zu den Anmuthigen ihres Geschlechts ge­rechnet werden konnte. Besonders um ihren schmalen Mund lag derselbe harte, abstoßende Zug.

Ich danke Ihnen für diese Versicherung und erlaube mir zugleich die Bitte auszusprechen, etwa an uns anlangende Briefe und Zeitungen abzuweisen und uns direkt durch den Briefträger zustellen lassen zu wollen."

Ganz bestimmt soll das geschehen."

Auch möchte ich gern ein Wort im Vertrauen mit Ihnen sprechen: Lady Macduff weiß durch die Briefe Ihres Herrn Vaters, daß sein Einkommen eben nur zu Ihrem Unterhalt ausreicht. Das Hinzu­kommen so vieler Menschen muß ihn nothwendiger- weise in Verlegenheit bringen. Ihre Tante bittet deßhalb noch einmal, ihr zu gestatten, nach Ver­hältnis; zum Unterhalt des Hausstandes beitragen zn dürfen."

Die beiden Schwestern sahen sich einander an, dann nach kurzem Schwanken nahm Karola das Wort:

Der Vater wünschte Gastfreundschaft zn üben an einer lieben Verwandten, dieß um so mehr, als seitens der Familie obgleich dieß nur Verstorbene betrifft in früheren Jahren gegen sie gefehlt wurde, was wir tief bedauern und was wir wieder gut zu machen wünschen."

Sie sah dabei mit ihren etwas hervorqnellenden, blaßblauen Augen ans die nervös sich bewegenden Hände herab, mit etwas gleißnerischer Miene und gleichsam beschämt, daun aber schaute sie wieder auf, und ohne den festen Blick zu beachten, mit dem die Freundin der Erbtante sie musterte, fuhr sie fort:

Indessen wenn es die Tante durchaus wünscht, so glaube ich, wird der Vater sich fügen müssen. Unsere Intentionen..."

Sie thäten derselben damit einen wirklichen Gefallen," unterbrach sie Marie,die Art und Weise, das zu arrangiren, überlassen Sie ihr gefällig selbst... Ueberdieß erlaube ich mir noch eine zweite Bitte: Lady Maeduff wünscht heute, nach dem Speisen, die ganze Familie ohne Ausnahme hier versammelt zu sehen, um sie zn begrüßen..."

Verlegen und erröthend zugleich blickten die Schwestern vor sich nieder.

Ich glaube kaum, daß der jüngere Bruder meines Vaters..."

Und die Geschenke zu vertheilen, welche sie für sie mitbrachte."

Die Wirkung dieser Mittheilung war eine sehr bemerkliche, ein Aufleuchten der Freude, ein noch tieferes Erröthen seitens der Jüngeren, ein Stutzen und lebhaftes Ausblicken seitens Karola's. Ehe diese noch eine weitere Einrede zu erheben vermochte, erhob sich Marie und ging mit leichtem Gruße davon.

Gerade als sie den Hof passirte, ritt der Dragoner herein, und als sie hernach am Fenster stand, sah sie die schmale Gestalt des Assessors, welcher mit einem Bündel Akten unter dem Arm das Haus verließ und lässig die Straße hinunter schritt.