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Deutsche Noman-Sibliothek.
Egon antwortete nicht; es schien nur, daß er überlegte, was sie mit dem Allem gemeint haben könne. Denn obwohl sie sich selbst für berechnend ausgegeben hatte, so hielt er sie doch für noch viel berechnender, als sie war. Erst als sie bei dem hellerleuchteten und noch voll besetzten Cafe Daum vorüberkamen, wies er darauf hin und sagte:
„Das Theater muß eben aus sein. Ich wette, daß in diesem Augenblicke Dutzende von Pfeilen gespitzt und abgeschosscn werden. Ein Glück, daß sie vorbeifliegen."
„Ach, solche Pfeile fliegen nie vorbei, wenigstens nie ganz, und die spitzesten am wenigsten."
„Aber sie tödten nicht, solange sie nicht vergiftet sind."
„Die ganz spitzen sind immer vergiftet. Das läßt sich an jedem Mückenstiche studiren."
„Aber Gott sei Dank auch die Ungesährlichkeit."
„Nur leider nicht die Schmerzlosigkeit, und wenn ihrer viele kommen, so hat man ein Fieber und eine schlaflose Nacht."
„Und so spricht ein Liebling des Publikums, ein Verzug, ein Glückskind?"
„Viel Feind', viel Ehr'. Aber auch viel Ehre, viel Feind'. Und ein Glückskind! Nun ja; vielleicht. Aber an jedes Glück hängt sich ein Unglück."
„Umgekehrt, ein Glück kommt nie allein."
Unter so Zugespitzter Rede waren sie bis an den Kärnthnerring und die Schwarzenbcrgbrücke gekommen und gingen nun auf die Salesinergasse zu, deren vorderstes Eckhaus Franziska bewohnte. Das eine Fenster war hell erleuchtet und schickte sein Licht ihnen entgegen über den Platz hin.
„Und was, wenn die Frage nicht zudringlich ist, finden Sie nun daheim, meine Gnädigste?" nahm Egon das Gespräch wieder auf.
„O, das Beste, was man finden kann: ein Feuer im Kamin und ein Paar warme Schuhe."
„Einigermaßen genügsam."
„Und dazu Lieb' und Treue und ein Geplauder von der Heimat."
„Und wer gewährt Ihnen das?"
„Mein zweites und mein besseres Ich, meine Freundin und Dienerin zugleich. Und wenn sie nicht gleichen Alters mit mir und sehr streng und sehr tugendhaft wäre, so würd' ich sie Ihnen kurzweg als die Amme der italienischen Komödie vorstellen. Aber Eins ist sie gewiß: in jeder Sorge mein Trost und in jeder unklaren Sache mein gutes Gewissen."
„ Beneidenswert!-!"
„Ei, das mein' ich auch . . . Aber hier sind wir am Ziel, Graf Egon." Und die Glocke ziehend und ihm dankend stieg sie rasch die Stufen hinaus.
*
Aus der dritten Treppe wurde sie von ihrer Dienerin empfangen und trat gleich darnach in den Vorslur, wo sie die Schneestäubchen von ihrem Mantel abschüttelte. „War Niemand da, Hannah? Nein? Nun, desto besser, und nun bringe mir den Thee."
„Ja, darauf ist heute nicht mehr gerechnet, Schatz. Ich habe keinen Tropfen Nahm im Hanse."
„Thut nichts, dann nehmen wir einen Tropfen Kirschwasser. Irgend was wird doch da sein. Aber eile Dich. Ich Hab' es so kalt."
Und eine Viertelstunde später saß Franziska Zurückgelehnt in einem Schaukelstuhl und sah in die Kaminflamme, während Hannah ihr den Thee bot und sich neben sie setzte.
„Hier, noch ein Oblatenbrod," sagte diese; „glücklich gerettet. Und nun erzähle."
„Ja, das ist leicht gesagt, Hannah. Erzähle! Aber was? Eigentlich weiß ich selber nichts, und woher sollt' es auch kommen? Eine Gräfin kann Einem doch nicht gleich ihre Lebensgeschichte zum Besten geben."
„Ist auch nicht nöthig und will ich auch nicht wissen. Nur ein bischen von Allem oder doch von der Hauptsache. Nimm also wenigstens einen Anlauf und sage mir, wer da war und wie sie hießen."
„Nun gut. Also da war zunächst die Gräfin selbst, von der die Karte kam, und dann ihr Bruder, der alte Gras. Nun, den kennst Du. Du hast ihn ja neulich selber gesehen und gesprochen und könntest mir eigentlich sagen, ob er Dir gefallen hat. Was denkst Du vou ihm? Was sagst Du?"
„Dreierlei."
„Gut; nenn' es."
„Er ist alt und möchte gern jung sein, er spielt den Weltmann und ist eigentlich bloß ein Wiener, und drittens und letztens: er glaubt, daß sich alle Weiber um ihn reißen, und wird doch eigentlich nur genassührt."
„Er gefüllt Dir also nicht?"
„O doch. Er gefällt mir schon."
„Ein Geck kann Einem nicht gefallen."
„Er ist auch kein Geck. Mitunter streift er daran oder steht auch schon mitten drin. Denn er hat all' die Narrheiten eines alten Junggesellen und Theaterenthusiasten. Aber ganz zuletzt ist er doch wieder anders. Ich glaube, daß er ein sehr gutes und braves und sogar ein edles Herz hat. Er ist vornehmer und besser als irgend einer der jungen und namentlich der alten Herren, die Dir einen Besuch gemacht haben."
„Sieh', das freut mich, daß Du das sagst. Und in seinem eigenen Hotel oder in dem seiner Schwester ist er noch viel liebenswürdiger als hier. Denn hier fühlt er die Verpflichtung, mir nach Art alter Herren den Hof Zu machen, in seinem Hause dagegen fühlt er nur die Verpflichtung, artig zu sein. Und das ist für unsereins schließlich mehr. Du weißt ja, wie man gewöhnlich mit uns spricht. Und nun will ich Dir auch sagen, wer die beiden Anderen in der Gesellschaft waren. Der Eine war ein Liguorianer- pater, ein Fünfziger, groß und stattlich, und der Andere, nun, der Andere, das war ein junger Gras, Graf Egon, ein Neffe des alten, ich glaube, sehr hübsch und Adjutant bei Erzherzog Rainer."
„Und hat Dir natürlich am besten gefallen?"
„Nein, nicht das. Er hat mir nur nicht mißfallen; das ist Alles, was ich sagen kann. Er hat etwas von dem mir unerträglichen ,Von oben herab', und wenn ich mich entscheiden und jedem Einzelnen einen Rang in meinem Herzen anweisen sollte, so