Die Erbtante von Johannes van DeivaU.
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wandte sich jetzt herum und sah die spöttischen, ungehaltenen Gesichter seiner Geschwister auf sich gerichtet.
„Gilt dieses Lachen mir?" fragte er, sich aufrichtend und die Stirne kraus Ziehend.
„Du brauchtest Deine menschenfreundliche Herablassung nicht gar so weit zu treiben, lieber Bruder," versetzte Karola herbe, mit einem häßlichen Zug um den schmalen Mund.
„Ich glaube gar, er will sich schön machen bei dem dummen Ding," fiel Frida wegwerfend dazwischen.
„Schlimm genug, daß man diese Leute hier im Hause dulden muß," fügte Egbert hinzu.
Egon sah sie Alle der Reihe nach mit einem festen, männlichen Blicke an, sprach ein kurzes: „Ihr solltet euch schämen!" und wollte hinaus. Aber ein Wort des Vaters rief ihn zurück.
„Noch einen Augenblick," Hub er an. „Ich möchte keinen Streit im Hause haben. So lange unsere Verwandte hier bei uns wohnt, bitte ich allen Groll zu begraben. Ich kann deßhalb Dein Benehmen, lieber Egon, nicht gerade tadeln, obgleich ich nähere Beziehungen zu meinem Stiefbruder nach dessen früherem lieblosem Benehmen natürlich nicht wünsche."
Hier traf sein ernster Blick den Dragoner, welcher seinerseits finster auf seine jüngste Schwester blickte, die soeben wieder bei den Worten: „nähere Beziehungen", begonnen hatte, spöttisch zu lächeln.
„Auch noch ein Wort in Bezug auf eure Tante: die alte, wunderliche Dame verdient unsere Nachsicht. Ich mache es euch zur Ehrenpflicht, nichts zu thun, was dieselbe betrüben könnte. Sie ist unser Gast und allem Anschein nach eine etwas verwahrloste, aber gutmüthige Iran. — Ihr Alle wißt, daß von unserer Klugheit viel, sehr viel abhängt. Ich verbiete daher sie zu belästigen, verbitte mir jedes moquante Lächeln bei ihrem Erscheinen, befehle, sie völlig gewähren zu lassen und euch freundlich zu benehmen gegen ihre Dienerschaft und deren Gesellschaftsdame. Ich verlange in dieser Richtung um so mehr Gehorsam, als ich vielleicht genöthigt sein werde, die Güte der Tante in der nächsten Zeit in Anspruch zu nehmen."
Hier machte der Präsident eine inhaltsvolle Pause. Daß er verstanden war, daran durfte er nicht zweifeln.
„Ich möchte, daß wir vortheilhaft gegen unsere übrigen Verwandten abstechen. Eure ganze Zukunft hängt von eurem mehr oder minder klugen Betragen ab, das bedenkt... Nun geht an eure Geschäfte."
Der Präsident blieb angelehnt an der Fensternische stehen und gab Karola einen Wink, zu bleiben. Während dessen entfernten sich die Uebrigen.
„Ich als politischer Agent nach Indien? -- Das fehlte noch!" vernahm man Egbert's Stimme gleich darauf im Vorzimmer.
„Dieses schmeichlerische, alberne Geschöpf —Einem die besten Sachen gleich vorweg zu nehmen!" beklagte sich Frida.
„Willst Du nicht Deinen Dolch einstecken?" rief Karola ihrem Bruder nach. Dieser blieb stehen,
Deutsche Roman-Bibliothek. XU- 15.
wandte sich herum, nahm das kostbare Geschenk, betrachtete es noch einmal flüchtig und trat dann zu seinem Vater.
„Ich bitte Dich, lieber Vater, hebe mir ihn auf," sprach er und reichte ihm denselben hin.
Der Präsident sah überrascht erst, dann beinahe betreten auf seinen Sohn; aus seinem kalten Auge zuckte ein wärmerer Strahl, als er jetzt in des Lieutenants offenes Gesicht blickte. Einen Moment schien er zweifelhaft zu sein, was er thun sollte, dann nahm er das Kleinod und legte es neben sich auf den Tisch.
„Ich danke Dir — ich werde ihn fortschließen," sprach er kurz, dann reichte er seinem Sohne die Hand und fügte nach kurzem Ueberlegen hinzu: „Du kannst hier bleiben, lieber Egon, Du magst mit anhören, was ich mit Karola zu verhandeln habe, es geht uns Alle an, Dein Rath kann mir von Nutzen sein."
Sie standen in der Fensternische, Karola hatte die Thüre nach dem Korridor vorsichtig abgeschlossen und trat nun zu ihnen.
„Ich bin genöthigt, lieber Sohn, eine kurze Erklärung vorauszuschicken, damit Du mich verstehst und würdigst," begann der stolze Mann mit äußerlich sicherer Haltung, aber mit Scham und schwerer Sorge im Herzen, die auf der Stirn ihre deutlichen Spuren eingrub.
„Ich begann mein Leben mit beinahe nichts," fuhr er den Kopf senkend mit leiser, von Leidenschaft erregter Stimme fort. „Als Student, in den langen Jahren hernach, als Referendar und unbesoldeter Assessor lebte ich von meinem Witz und den zweihundert Thalern, die die Eltern mir geben konnten. So wenig ich hinter Jemanden zurückstehen wollte, ja, so stolz, überhebend selbst ich bisweilen nach außen auftrat — im Stillen hungerte ich, entbehrte ich nach jeder Richtung. Ich gab heimlich Stunden, ich schrieb Novellen und übersetzte englische und französische Romane — die Zeile zu zwei Pfennigen. Ich ließ es mir blutsauer werden, aber ich verdiente kaum das Salz auf das Brod — ich darbte."
Es lag so viel Bitterkeit und Weh in des Präsidenten Stimme, — Egon senkte gerührt und verlegen die Wimpern, während Karola zärtlich an seiner Schulter lehnte und zu ihm aufsah mit schwärmerischen Blicken. Die heiße, treue Liebe zu ihrem Vater war beinahe der einzige versöhnende Zug in dieser herben Mädchenseele.
„Das Alles wurde getragen und wäre zu verschmerzen gewesen, hätte nicht der Böse, der ja so gern zum Ueblen Uebles gesellt, mir nicht einen Denkzettel mitgegeben in jene schweren Jngendjahre, welcher mich verfolgte bis auf den heutigen Tag, — Schulden nämlich!... Weiber und Schulden — sagt man, man wird sie niemals wieder los!"
Der Präsident fuhr sich über die heiße Stirn.
„Nicht leichtsinnige Schulden waren das, nur zum Beschaffen des Nothwendigsten, nur um nach außen hin mir nichts Zu vergeben, borgte ich Geld; — da kam die Lawine in's Rollen, da begann der Fluch!"
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