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Deutsche Noman-Sibliothek.
sie, sich ausrichtend; „Du hast eine Freundin hier entdeckt, die Du besuchst und die Dich wieder besucht. Diese Freundin wäre ich."
„Wohl, meine Freundin — der Vorschlag läßt sich hören; aber wie weiterd"
„Du erwähnst meiner beiläufig vor den Damen des Hauses, und ich gehe dann hier frei ein und aus, ohne Furcht, so oft ich will. Wir verbarrikadiren außerdem unsere Festung. Vor Allem thun Portieren noth, schwere, dichte Stoffe, die geheimnißvoll über einander schlagen, dann Riegel an alle Thüren und doppelte Gardinen vor die Fenster. Während die Tante hier zurückbleibt, gehst Du mit Deiner Freundin Dich harmlos amüsiren."
„Diese Idee findet meinen ungetheilten Beifall."
„Zunächst wird die Komödie ruhig weiter gespielt. Wir verlangen die furchtbarsten Rücksichten, tyrannischen das ganze Haus, beschützen die Liebenden, studiren Menschen und trachten nebenbei unsere Zeit aus das Angenehmste hinzubringen."
„Ich habe noch einen weiteren Plan," Hub Marie an, nachdem die Freundin geendet hatte, „wir wollen doch nicht ewig hier in diesem Gefäng- niß sitzen, können aber auch nicht den ganzen Tag auf der Straße sein. — Wie wäre es deßhalb, wenn wir uns eine andere Wohnung mietheten, von der nur wir und der ehrliche John eine Ahnung hätten d"
„Das läßt sich hören — der Gedanke ist vorzüglich; wir gehen noch heute an's Werk!" rief Elisabeth, ihr die Hand reichend.
„ Sogleich d — Ich kenn' Dich kaum wieder, — welche Energie, Tante!"
„Mir ist's bisweilen, als fühlte ich neue Lebenslust in meinen Adern. Und warum nichtd... Die Sonne leuchtet, wir sind jung und gesund, Geld haben wir auch, sollen wir uns des Daseins nicht erfreuen, wie eine jede andere Kreatur!"
„So liebe ich Dich," rief Marie fröhlich und fiel der Freundin lachend um den Hals, „jetzt erst kenne ich mein altes Lisel wieder!"
„Ich schicke John mit Ben und Asta jetzt hinunter nach dem Strom, damit sie Luft schöpfen; sind sie zurück, dann kommen wir an die Reihe, dann schwärmen wir aus!"
Eine halbe Stunde hernach fuhr ein Mieths- wagen mit den Dreien zum Strom, und als die Sonne heruntersank im fernen Westen, stiegen zwei reizende, elegant gekleidete Damen in einen andern Miethwagen, von denen die eine den Schleier vorsichtig um den unteren Theil des Gesichtes gebunden hatte, und fuhren hinaus in den Schloßpark und hernach durch die hellerleuchteten Straßen der Stadt. Den schönen Sommerabend aber genossen sie, oben auf der Terrasse sitzend, bei gewählter Musik und einer Schale Eis.
Unverschleiert, ruhigen Blickes beobachtete Elisabeth die geputzten Menschen. Sie brauchte keine Entdeckung zu fürchten, sie kannte Niemand, nicht einmal ihre nächsten Verwandten, während Marie, die Gesellschafterin der Erbtante, einige Vorsicht beobachten mußte. Im klebrigen hatte die gewandte Schauspielerin aber sich so zu srisiren und kleiden ver
standen, daß sie selbst eine Entdeckung schwerlich zu fürchten hatte.
Während Lady Macduff ehrbar daheim geblieben war, amüsirten sich die jungen Damen hier nach Herzenslust; — das Alles hatte einen erhöhten Reiz obendrein, den der Neuheit und den der verbotenen Frucht gewissermaßen.
Sie hätten gewiß gar manchen Beschützer gefunden, aber ihre ernsten Mienen scheuchten alle galanten Versuche zurück. Damit sei aber durchaus nicht gesagt, daß diese ernsten Mienen allzu ernst gemeint waren, und daß sie sich nicht im Stillen über die Versuche verschiedener Herren, sich ihnen bemerkbar zu machen, ergötzt hätten. Nach einem leckeren Mahl, spät erst, in der erquickenden Brise, die vom Strom herüberwehte, stiegen sie in ihren Wagen und fuhren davon, um unbemerkt in der Thorfahrt des Präsidialgebäudes zu verschwinden.
Zu derselben Zeit gingen im Halblichte der Dämmerung der Dragoner und seine jüngste Schwester auf und ab in dem Garten, welcher nächst dem Hofe an der Hinterfront des Hauses lag.
Als der Lieutenant mit großem Ernst davon begonnen hatte vorhin, von seiner unangenehmen Entdeckung zu Frida zu sprechen, hatte diese mit dreister Stirn zuerst zu leugnen versucht.
„Du bist von Jemanden gesehen worden und trotz Deines Schleiers deutlich erkannt — es steht Dir wenig an Zu lügen," versetzte Egon mit großem Nachdruck.
„Nun ja, — wenn Dn's wissen willst; ich hatte noch einen Ausgang zu machen und Herr von Roth- kirch gesellte sich zu mir. Mir war's sogar ganz recht, denn es wurde schon dunkel, — aber was geht das Dich an, bist Du mein Aufpasser?" versetzte Frida und ihre Augen begannen Zu funkeln unter den halbgesenkten Lidern. Sie sprach mit Hast und wurde roth dabei, wie viele Leute zu thun pflegen, wenn sie eine Lüge sprechen; der Mund gehorcht, aber das bessere Ich wird zum Verräther.
„So? und deßhalb also gingt ihr nach Dunkelwerden durch die Felder?"
Hier warf das Fräulein einen schnellen, bösen Blick aus ihren Bruder und wurde blutroth im Gesicht, vor Zorn, nicht vor Scham.
„Es war nur ein Zufall," versetzte sie störrisch.
„Und deßhalb nanntet ihr euch Du? — Schöne Geschichten das! — Fräulein Frida von Steinsurt, die sonst die Nase so hoch trägt, macht Mondscheinpromenaden mit einem Menschen wie Rothkirch, einem Lüderjahn und Schuldenmacher, Beide vermummt, da draußen in den Feldern, und sie duzen sich und sie macht ihm eifersüchtige Vorwürfe?!"
„Woher weißt Du denn das?" fragte trotz ihres Schreckens und ihrer Wuth urplötzlich das listige Mädchen und sah ihrem Bruder groß und mit einem ganz besonderen lauernden Ausdruck in die Augen.
Der Dragoner bemerkte, er hatte sich ein wenig verschnappt. Er wurde ebenfalls roth einen Augenblick und stockte, dann aber fuhr er in desto größerem Nachdruck fort: