kleinstädtischen Weisheit, die vom Hundertsten in's Tausendste ging. Auch hier wie auf dem Pferdemarkt war es die Frage des Kriegs, welche die Gemüther bewegte.
„Meinen Sie nicht, hochwohlgeborener Herr," ries er, „daß wir bedeutenden Ereignissen, großen Veränderungen entgegengehen? O, ich kann sagen, ich schwärme für Veränderungen. Mit dem türkischen Kriege wird's nun doch etwas, geben Sie Acht. Dann haben wir Konstantinopel, nicht wahr, meine Herren?"
„Hnrrah, Konstantinopel! Hurrah, Rußland!" scholl es rings im Chor.
„Sehen Sie, Herr General," fuhr er fort, „der Kaiser muß, wenn Rußland will, und wir sind Rußland. Dann könnte auch unser Waizen wieder blühen, wenn eine hohe Regierung mich allergnüdigst reaktiviren wollte. Dürfte ich um Ihre Protektion bitten, Herr General?"
Ich gab eine ausweichende Antwort, aber Herr Jakouschin war nun einmal im Zuge, seine Verdienste, wie seine Staatsweisheit anzupreisen. „Und sehen Sie," sagte er, „dieser Krieg wäre die einzige Rettung gegen alle Verschwörer, gegen alle Unzufriedenen. Zwar Frau Werotschka rechnet mich auch zu den Unzufriedenen, und man kann wohl sagen, ich habe Grund dazu; die Justiz hat mich schmählich behandelt und der Staat undankbar. Sehen Sie, diese Medaille hat mir der große Kutusow angehängt, nach Borodino, und diese für meine Heldenthat an der Beresina. Ich allein kannte die Furten und drum wurden sie besetzt. Kein einziger Franzose wäre davongekommen aus der Mausefalle, leider aber gingen sie drei Meilen weit abwärts über den Fluß. Ja, mein Herr General, dreißig Jahre im Dienst und drei Wunden im Feldzuge für das Vaterland und zum Lohn dafür den Bettelstab, aber im Kriege wird man auf mich zurückkommen, das weiß ich. Wie denken Sie über Griechenland, Herr General, was halten Sie von der Türkei?"
Vergebens suchte ich auch diese Frage abzulenken. Der Gutsbesitzer Poggio war uns näher gerückt und mischte sich plötzlich in das Gespräch.
„Sie meinen es schon zu haben, Herr Jakou- schin, das schöne Byzanz. Ja, das könnte uns taugen — und doch . . . und doch wär's nur Palliativ, meine Herren; was geht uns Griechenland an und die Freiheit der Hellenen, so lange wir hier keine Freiheit haben? Da liegt's, nicht wahr, meine Herren? O, man muß fremde Länder gesehen haben. London, Paris — dagegen sind wir Asiaten. Konstantinopel wirklich recht schöne Stadt." Dann wandte er sich plötzlich zu mir: „Waren Sie schon dort, Herr Oberst oder General?"
Auf meine Verneinung fuhr er fort: „Aber ich habe das Glück gehabt. Es gibt dort Sklaven- märkte, süperbe Waare aus Cirkassien und Nubien, und der Meistbietende behält Recht. Das ist türkisch, aber so weit sind wir doch noch nicht, nein, so weit sind wir noch nicht, Herr Oberst oder Herr General oder was Sie sonst sein mögen!"
Die Anspielung des Wüstlings war deutlich genug für mich. Er meinte im Ernst, daß ich ihm im
Wege stände. Und so erwiederte ich: „Sie haben ganz Recht, hier kaust man überhaupt keine Frauen."
Da lachte der elegante Herr kurz aus. „Meinen Sie wirklich, und doch sagt das Sprüchwort: Verbiete das Theeressen, und die Theerhändler sind reiche Leute. Preis ist Preis, auch wenn er nicht gemünzt ist. Juwelen oder Landgüter, Stellen oder Orden, für die Naiven schöne Worte und Versprechungen. In Rußland hat noch jeder Mann seinen Preis und jedes Weib — und das ist bequem so. Aber redlichen Handel, mein Herr, redlichen Handel, und wer zuerst aufsteht, hat die Sonne am längsten."
„Dieß Vergnügen wird Ihnen Niemand mißgönnen," erwiederte ich. „Im klebrigen verstehe ich nicht ganz —"
Und wieder lachte der Unverfrorene laut aus. „Freut mich, mein Hochverehrtester, Sie sind human, und ich bin der beste Bruder. Wenn die Welt eiu- stürzt und die allgemeine Theilung beginnt, sollen Sie mich bescheiden finden. Sie lassen mir die Heiligen unter den Schönen, ich lasse Ihnen die Weltlichen."
„Auch nicht Eine würde ich Ihnen lassen — mein Herr Poggio, jetzt glaube ich Sie zu kennen. Und was die Theilung betrifft nach dem Zusammensturz, so fragt es sich, ob es dann noch ein Recht gibt auf Personen."
„Hoho!" rief der Uebermüthige. „Nach welchem Kodex wollen Sie Rußland reformiren? Kein Recht auf Personen, ich denke Leibeigene bleiben Leibeigene. Und wer sreigelassen oder entführt ist, kann nimmer wieder eingesangen werden. Im vorigen Jahre habe ich Einen erschossen und einen Andern todtkuutcn lassen, der mir eine Leibeigene ausspannen wollte."
Bei diesen Worten hob der Pope, der Wohl nur Einzelnes gehört hatte, wie beschwörend seine Hand aus. „Bei Jesu Wunden, hochedler Herr, welche uuchristlichen Worte! Wollen Sie gefälligst bedenken — Sie kennen die weisen Absichten unseres Kaisers. Er will Alle glücklich machen, auch die Aermsteu."
„Wenn er's erlebt!" ries Poggio. „Aber so weit lassen wir die Freiheit nicht zu. Herreurecht bleibt Herrenrecht, und Canaille bleibt Canaille!"
.Mais quoi Nonssignsur, " ries jetzt der erhitzte Friseur in einem unsagbaren Gemisch seiner Muttersprache und des fremden Idioms, „avee äs teilen parols8 beleidigen Sie einen sito^sn kranqais! Wo bleibt sich da libsrts san8 kratsrnits, sgalits. Lauter alte Sack, das! Xous sn avons 6ni schon vor die trsnts ans und für die ganze l'lllurope. Us petit eaporal ist todt, aber er hat Euch anzuuden uns saints sbanäslls, eine große Licht äans l'inssnäis äs Noslrou, qa vsut äirs uns granäs torsbs äs libsrts. Ob oui, laisssx inoi ürär. So viel IRanqais sind hier gefroren, so viel mart^rs äs gloirs! Usr- sonns nous a vaineu, nous 8 OMM 68 invineiblss, la granäs nation inarebs immer noch a la tsts. Immer noch wir schneiden Ie8 obsvsux aux Noscovitss, vo/e?, Wenn Ihr nicht wollt soupsr 1s8 obevsux, akor8 werdet Ihr eoupsr 1s8 tstss 1'un a l'autrs. Voilä la ün — ist st partout, M68 amis. Dann werden singen 1s8 gainins und Iss moinsaux auf die Dach: Allons snkants äs la patris!" Und der trunkene