Sherwood von Julius Grosse.
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Friseur begann die Marseillaise Zu singen, was einen unermeßlichen Aufruhr zur Folge hatte.
Währenddem suchte der Gutsbesitzer Poggio an mich zu kommen.
„Sie glauben mich zu kennen, mein Herr General. Was wollten Sie damit sagend"
„Nichts Besonderes, als daß ich Ihnen rathen möchte, Ihre Zeit wahrzunehmen und abzureisen. Der Minister oder der Kaiser möchte sich sonst die Ehre ausbitten, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Dieser wohlgemeinte Wink wird Sie hoffentlich mehr interessiren, als eine verlassene Frau, die seit heute in meinem Schutz steht."
Herr Poggio war bis in die Lippen hinein bleich geworden, aber bevor er mir eine Antwort gab, folgte eine neue Unterbrechung.
Die Thür, welche in den finsteren Korridor führte, hatte sich geöffnet, und die lang erwarteten vier Leichenträger erschienen, nur den Sarg abzuholen.
Sofort trat augenblickliche Stille ein. Da ries Nikolai Jakonschin: „Ach was, ihr schwarzen Brüderchen. Es hat noch gar keine Eile. Diese schwarzen Naben holen uns Alle einmal, wenn die Gurgeln verrostet sind. Aber heute trinken wir sie zuvor unter den Tisch. Werotschka, Stühle und Gläser. Ist Quas gefällig oder Wodka? Langt zu!"
Die „schwarzen Naben" nahmen alsbald auf der ersten besten Bank Platz und griffen tapfer zu, obschon Frau Werotschka nicht kam und obschon der Pope ernstliche Vorstellungen machte und keinen weiteren Aufschub dulden wollte.
Jenes Ausbleiben der Hausfrau fiel mir auf und ich sah mich um. Da bemerkte ich, daß sie noch unter der Thür stand und von außen etwas in Empfang nahm, wie es schien, einen Brief.
Dann kam sie hastig zurück und drängte sich mitten durch die Gäste nach der Fensterccke, wo es noch hell war, um verstohlen zu lesen. Ich beobachtete sie von Zeit zu Zeit und bemerkte deutlich in ihren Mienen den Ansdruck der Bestürzung und Ueber- raschung. Dann winkte sie ihrem würdigen Gatten Nikolai herbei und flüsterte ihm eifrig zu.
Eine Minute später saß sie wieder neben Poggio, der seinen Unmnth und Grimm im Glas zu betäuben suchte, und redete auf ihn in ihrer Aufgeregtheit hinein. Einzelnes konnte ich verstehen, obwohl ich zur Vorsicht ein Gespräch mit dem Popen begonnen hatte.
„O Pane, o Sudar. Nun kann nimmer etwas daraus werden. Ich bitte Sie himmelhoch, stürzen Sie uns nicht in's Unglück. Sie hat großen Anhang, große Verwandte, das wußten wir längst, aber lesen Sie nur. Himmlischer Vater, wer das gedacht hätte! Aber fort muß sie nun doch, wenn nicht im Guten, dann im Bösen. Heilige Mutter Gottes, wenn Die ankämen und Rechnung forderten! In des Teufels Küche kämen wir. Aber wenn Sie sie im Guten fortbringen könnten, Pane Poggio, so auf einer Spazierfahrt, weit fort, am liebsten wo der Pfeffer wächst. Wenn nur erst die Leiche aus dem Hause ist. Ich begreife nicht, warum es nicht vorwärts geht."
Und sofort eilte sie hinüber in Frau Nadjeschdws
Zimmer. Da sie die Thür angelweit offen ließ, war jedes ihrer Worte zu vernehmen.
„Aber beste, liebste, süße Frau Nadja, wo bleiben Sie, was machen Sie? Wissen Sie, die Leute sind gekommen, die bösen, häßlichen Leute, denn es wird Zeit. Wie geht es Ihnen denn? Wollen Sie ein Täßchen Thee oder ein Gläschen zur Stärkung. Befehlen Sie nur. Es ist Alles zu Ihren Diensten, Alles zu Ihren Diensten. Vor Gottes Thron werden Sie nicht vergessen, was wir Alles zusammen getragen, wie wir gehaust miteinander in guter Zeit und in schlechter, Herr du meine Güte, wie haben wir Sie auf den Händen getragen, und das arme Würmchen!"
Und in diesem Tone ging es noch eine Weile fort. Da es mir nach den letzten Entdeckungen unklar war, was die Frau Werotschka im Schilde führte, hatte ich mich erhoben und meinen Platz in der Zwischenthür gewühlt, wo ich meine Schutzbefohlene im Auge behalten konnte.
Während auf des Popen Drängen die vier Leichenträger und einige Kirchensänger, die sich inzwischen auch eingesunden, in das Zimmer traten, wo der Sarg stand, ereignete sich draußen noch ein unerwarteter Auftritt.
Herr Nikolai Jakonschin war mittlerweile völlig betrunken geworden. Die zugeflüsterten Worte seiner Frau mochten offenbar eine andere Jdeenreihe in ihm geweckt haben, und so ergriff er plötzlich den Gutsbesitzer Poggio am Arm.
„Väterchen, Väterchen, Frau Werotschka Petrowna sagt es: Sie werden uns nicht unglücklich machen, und Werotschka Petrowna ist eine kluge Frau. Nein, wir treiben keinen Handel, nein, Väterchen, wir wollen ehrlich bleiben. Sie sind reich, Sie haben Alles bezahlt, das ganze Fest und den ganzen Rummel da, dafür schönen Dank, aber unsere Ehre lassen wir nicht bezahlen!"
Man kann sich denken, wie diese Worte wirkten. Alle Gäste hatten sich erhoben. Poggio suchte den Lästigen abzuschütteln, aber dieser packte ihn noch fester.
„Ja, mein Brüderchen, wir haben auch noch Christenthum im Herzen. Wie sagt der Russe: Nachts würgt die Eule die jungen Krähen, aber bei Tag hacken die alten Krähen ihr die Angen aus. Wir sind arme Leute, alte Leute, aber ein graues Pferd ist noch kein Esel, und wenn der Esel den Elephanten lobt, lobt er nur die graue Farbe — o, ich kenne Dich, Satan!" und die Wuth des Betrunkenen brach unaufhaltsam aus. „Bei den Gebeinen des armen Wurms da, ich kenne Dich. Du hast meine dumme Frau geködert wie schon früher. Aber dießmal wird's nichts und nimmermehr. Dein Maß ist voll. Küss' das Kruzifix, oder ich schlage Dich nieder!"
Dabei wollte der Trunkene, der aus dem Winkel an der Thür das Kruzifix ergriffen, womit der Pope den Leichenkondukt begleitet, auf seinen Gegner ein- dringen, aber jetzt mischten sich die Anderen ein und hielten den Rasenden zurück, konnten es aber doch nicht verhindern, daß sich beide Gegner gepackt hatten und hin und her drängten, wobei dann Stühle und Bänke umfielen, Gläser und Teller in Scherben gingen.