Heft 
(1885) 38
Seite
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Deutsche Roman-Bibliothek.

Inzwischen hatte drüben die Ceremonie der Ein­segnung begonnen und die feierlichen Töne des all­russischen Kirchenliedes, welches die Sänger anstimm- ten, dröhnten wie Orgelklänge durch die Räume. Magisch war diese Wirkung, denn sie beschwichtigte sofort den häßlichen Tumult. Die Streitenden wurden beiseite gedrängt und zur Ruhe verwiesen.

Sodann drängten sich Männer und Weiber in die offene Thür des Nebenzimmers, um Zeugen der Feierlichkeit Zn sein, der sie von diesem Augenblick au mit Andacht und ehrfurchtsvollem Schweigen folgten.

Bei dieser Gelegenheit, als sich der Raum des Speisezimmers lichtete, bemerkte ich aus dem Boden ein zerknittertes Blatt; wie ich gleich vermuthete, war es der Brief, den Frau Werotschka dem Poggio Zu lesen gegeben. Offenbar war ihm das Papier während des Ringens mit Jakouschin entfallen.

Ohne mich zu bedenken, hob ich das Blatt aus und Zog mich in die Fensternische Zurück, um es zu lesen. Warum sollte ich es nicht? Der Brief war offen und bereits durch andere Hand gegangen. Ich mußte das halbzerrissene Papier ohnehin von den Spuren der verschütteten Getränke und der Füße säubern, die darauf hernmgetreten. Glücklicherweise war es noch lesbar.

Sofort sah ich nach der Unterschrift und fand den Namen Tatiana Uschakosf.

Meine arme, gute Nadja!" so lautete der Brief, warum schweigst Du so lange? Wir hören gar nichts mehr, Du Böse. Warst Du krank oder bist Du in Noth, ich kann es nicht denken. Gut wird es Dir freilich nicht gehen, aber harre nur aus, nur noch einige Tage. Dann soll all' Dein Jammer enden. Dann kommen wir zu Dir, ich und mein Gatte Alexander Wadkowski; ja wohl, mein Gatte, liebste Nadja. Ich müßte Dir tausend Dinge er­zählen, die inzwischen vorgcfallen. Du kannst nicht glauben, wie glücklich ich bin, daß es nun so ge­kommen. Wadkowski ist ein ganz Anderer geworden. Wir haben uns wiedergesnnden und auch Papa hat sich mit ihm ansgesöhnt. Alles ist gut und Alles ist Sonnenschein. Wie das Alles gekommen, wie im Handumdrehen, ich kann es Dir heute nicht sagen, aber Du sollst Alles mündlich erfahren. In drei Tagen ist Hochzeit, dann reisen wir nach Deutsch­land. Wadkowski hat Urlaub auf ein Jahr, und ich bin froh, daß er so allen häßlichen und gefährlichen Verwicklungen entgeht. Natürlich kommen wir zuerst nach Smolensk und nehmen Dich mit, Du Aermste, Dich und Dein Kind, das ist beschlossene Sache. Also halte nur ein Kleines noch aus und rüste Dich auch zum Aufbruch. Du bist es Dir selbst schuldig. Warum kannst Du nicht zu meinem Ehrentage hier sein? Ich meine, es könnte noch Alles wieder gut werden. Aber auch so soll Dein Leid enden. Auf Deinen abscheulichen Mann hast Du keine Rücksicht mehr Zu nehmen. Warum kümmert er sich nicht um Dich, und was hast Du sonst von ihm zu hoffen? Ich lege Dir meine letzten Ersparnisse bei, drei­hundert Rubel sind nicht viel, aber sie werden hin- reichen einstweilen für das Nöthigste. Ans frohes Wiedersehen! Deine glückliche Tatiana. Tausend Küsse noch Deiner kleinen Annuschka."

Das war der Brief. Jetzt verstand ich die Be­stürzung der Frau Werotschka und ihres würdigen Gatten. Natürlich, mit der Ankunft Tatiana's mußte das ganze Gewebe von Gaunerei und Betrug Zn Tage kommen. Deßhalb also sollte Frau Nadjeschda fort, im Guten oder im Bösen, hier mußte rasch gehandelt werden.

Der Gesang im Nebenzimmer hatte inzwischen geendet und der Pope vollzog soeben die Einsegnung. Dann stand die Fortschaffnng der Leiche bevor.

Ich drängte mich vorsichtig und langsam durch die Gruppen bis in die Mitte des Zimmers.

Frau Nadjeschda lehnte noch an dem Tische, über den Sarg gebeugt und ihr Antlitz auf den kleinen Liebling gepreßt wie vorher. Die Lichter brannten, die Tannen und Blumen dufteten und manches Auge dieser wildfremden Menschen stand voll Thränen. Die kleine, wachsgelbe Leiche schlief unter den Papierspitzen und Blumen und die eis­kalten, abgezehrter: Händchen fühlten nicht den letzten Kuß der Mutter.

Wieder trat Frau Werotschka zu der halb Bewußt­losen und überhäufte sie mit den süßesten Schmeichel­namen, mit tausend Versicherungen ihrer Zärtlichkeit, Unterwürfigkeit und Verehrung.

Nadjeschda blieb bewegungslos, unzugänglich allen Worten, ließ es aber auch willenlos geschehen, daß man sie nach einigen Minuten sanft erhob und zum Sopha führte, wo sie niedergelassen wurde.

Als aber die Leichenträger nun den Sarg schlossen und anfhoben, um ihn hinwegzutragen, da schrie sie laut aus wie eine Löwin, der man ihr Junges raubt, erhob sich und trat einen Schritt auf die Träger zu, als wenn sie ihnen die geliebte Last entreißen wollte. Dann wandte sie sich schluchzend ab und sank ans dem Fenstertritt, wo der Nähtisch stand, zusammen.

Draußen war es mittlerweile wieder laut ge­worden und mit jeder Minute wuchs der Tumult von Neuem. Man hörte die Stimme des ungläubigen Naskolniken von Fischhändler, der sich gegen einige Zurechtweisungen von Altrnssen verteidigte, weil er nicht in üblicher Weise das Kreuz geschlagen. Da­zwischen mengte sich der sreigeisterische Friseur, der atheistische Spöttereien zum Besten gab, so daß sämmtliche Altgläubige über den gottlosen Franzosen Hersielen. Wieder ließ sich das Klirren von Gläsern und Tellern vernehmen.

Diese bedrohlichen Anzeichen scheuchten Frau We­rotschka ans, die, besorgt um ihr znsammengeborgtes Geschirr, hinauseilte. Sofort folgten ihr die Träger mit dem Sarge, und wie auf Kommando alle Anderen.

Bevor noch eine Minute vergangen war, befand ich mich wieder allein mit Frau Nadjeschda, die halb ohnmächtig auf dem Fenstertritt faß, mit beiden Händen das Gesicht verhüllend.

Nachdem ich die Thür sorgsam verschlossen, wandte ich mich zu ihr.

Frau Nadjeschda Sherwood, hören Sie mich, ich bin bei Ihnen, der letzte und einzige Freund, der es ehrlich mit Ihnen ineint. Jetzt ist Ihre Lage völlig klar, und ich kann Ihnen beweisen, daß meine Befürchtungen die Wahrheit. Sie sind in einer Räuberhöhle bei Gaunern und Seelenverkäufern und