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SherwooL von
lem Aergsten preisgegeben. Wie ich vorher schon sagte, man unterschlägt alle Briese von Ihnen und alle Briefe an Sie, ebenso alle Sendungen. Hier lesen Sie."
Frau Nadjeschda hatte ihr Haupt erhoben und sah mich mit glanzlosen, müden Augen an, als redete ich eine ihr unbekannte Sprache, zugleich machte sie eine abwehrende Bewegung.
„Sie wollen dieß Blatt nicht lesen, weil Sie mir nicht glauben. Wohl, so hören Sie. Diese Zeilen sind von Ihrer Schwester Tatiana und vorhin gekommen, aber sofort unterschlagen worden. Ohne einen glücklichen Zufall wären sie nie in meine Hand gelangt."
Nun las ich den Brief.
Gleich bei den ersten Worten wurde Frau Nadjeschda wie von einem elektrischen Strom berührt. Sie erhob sich, und ehe ich den Brief noch zur Halste gelesen, riß sie mir denselben aus der Hand. Dann eilte sie zu den Kerzen, welche auf dem Tische noch brannten, und warf einen Blick auf die Handschrift.
„Gott im Himmel, Tatiaua's Hand!" Dann verschlang sie die Zeilen mit den Augen und las sie wieder und wieder; ihre Brust wogte und ihre Augen sprühten, dann brach ein Schrei der Entrüstung von ihren Lippen.
„Nun, Frau Nadjeschda, sind Sie jetzt überzeugt? Dieser Brief ward von Frau Werotschka ansgefangen, und bei dieser Gelegenheit sind die Banknoten verschwunden, wie Alles, was Ihr Gatte und Ihre Familie Ihnen schickten. Was wollen Sie jetzt thun? Wollen Sie wirklich in dieser Höhle bleiben, bis Ihre Rettung vielleicht zu spät, oder bis Ihr Leben und Ihre Ehre bedroht wird? Man geht allen Ernstes damit um, Sie zu beseitigen, im Guten oder im Bösen, denn man fürchtet die Ankunft der Ihrigen und die Verantwortung. Oder wollen Sie nun meinem Rath folgen?"
„Sie haben Recht!" rief sie, „vergeben Sie, wenn ich zweifeln konnte. Ich war ja wie gelähmt. O Gott, kann es solche Menschen geben — Güte und Mitleid aus den Lippen und die Hölle im Herzen! Wenn ich wüßte, wie ich mich sichern könnte — nein, ich muß fort, heute noch fort! Ich reise mit Ihnen, wohin Sie wollen. Sie sind ein Ehrenmann, dem ich glaube. Verzeihen Sie mein Mißtrauen, aber ich kannte Sie ja nicht."
Und sie drückte mir beide Hände. Eine muthige und feste Entschlossenheit war über sie gekommen.
„So ist es recht, Frau Nadja, und nun mag uns die ganze Welt entgegentreten, ich führe Sie hindurch!"
„Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?" sagte sie.
„Alles, was in meiner Macht steht."
„So erregen Sie kein neues Aussehen. Ich mag mit diesen Leuten nicht mehr Zusammentreffen. Ich weiß noch einen andern Ausgang; verschließen Sie die Thür."
„Das ist geschehen."
„So warten Sie einen Augenblick." Sie nahm eine Kerze, eilte in eine Nebenkammer, packte einige Wäsche und Kleider in eine Reisetasche und warf
Julius Grosse.
einen Pelzmantel über. Dann erschien Sie wieder. „Kommen Sie, ich vertraue mich Ihnen an, führen Sie mich, wohin Sie wollen."
Mit diesen Worten schritt sie voran durch entlegene Kammern, finstere Gänge und wüste Räume, bis wir an eine Hintertreppe kamen, die aus einen der kleinen Zwischenhöse führte, und von da war leicht die Straße gewonnen.
Eine Strecke weit an der Brücke hielt mein Schlitten, und wenige Minuten später waren wir unterwegs.
Es mochte drei Uhr Nachmittags sein. Die rothe Abendsonne blitzte noch einmal auf die Kuppeln der Kirchen, auf die ragenden Höhen des linken Users und auf die fernen Wolkengebirge, die über dem bräunen Rauch des Horizontes standen. Und als die Sonne gesunken, leuchteten die weiten Schnee- slächen wie ein bleiches Licht, das von der Erde ausstrahlte. Unser Schlitten mit den drei muthigen Thieren flog über die Bahnen dahin in die Schatten der Nacht hinein und der unermeßlichen Wälder.
Wiestes Auch.
Die Reise nach Stanitza Tarussa ging vorerst ununterbrochen die Nacht durch und ohne Unfall von Statten. Die Sterne blitzten von Zeit zu Zeit durch die ziehenden Wolken, und das fahle Licht des abnehmenden Mondes wirkte in der lautlosen Stille der unermeßlichen Steppen und Wälder wie eine festliche Beleuchtung. Einigemal zwar glaubten wir in der Ferne das Geheul von Wölfen hinter uns zu hören, aber unser wackeres Dreigespann griff mnthig aus, so daß uns die Bestien nicht erreichen konnten.
Uebrigens war auch die Straße nicht ganz unbelebt. Mehr als einmal begegneten wir einzelnen Kosaken und Feldjägern, die als Kuriere auf dieser großen Hauptstraße von Smolensk nach dem Süden an uns vorüberflogen.
Frau Nadjeschda zeigte sich gleichmüthig und gefaßt und verlor keinen Augenblick ihre Ruhe, auch als ein Rencontre mit den Wölfen unvermeidlich schien. Ein bedeutungsvoller Lebensabschnitt lag nunmehr abgeschlossen hinter ihr; gedankenvoll und ergeben in ihr Geschick schien sie der Zukunft entgegen zu blicken.
Bei einer Frage nach ihrem Befinden sagte sie: „O, mir ist ganz gut, und wenn es auch Tausende von Wersten so sortginge, komme ich doch endlich zu ihm." Natürlich meinte sie ihren Gatten, in der Voraussetzung, daß unsere Reise nach Novomirgorod ging. Ich ließ sie einstweilen in diesem Jrrthum, denn mein erstes Ziel war viel näher. Allmälig zwar kamen mir andere Bedenken. Ich hatte keine leichte Aufgabe aus mich genommen, ein menschliches Geschick gleichsam zu korrigiren und wieder in das rechte Geleise zu bringen. Die Absicht war gut, aber wenn sie mißlang, was dann? Ich kannte den alten Uschakoff seit langen Jahren her, und nun wagte ich es, in seine Familienangelegenheiten ein- zngreisen. Wie würde er das ansnehmen? Gleichviel, der Versuch mußte gemacht werden, und so wagte ich mich getrost in die Höhle des Bären.