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Deutsche Noman-Bibliothek.
„Ja wohl! — Aber Peter's blauglasirter Krug?"
„Ist leicht ersetzt," tröstete Ralph, dem es auf eine Handvoll Sixpeuces nicht ankam.
„Also auf Wiedersehen, Herr Nachbar!"
„Darf ich Sie nicht begleiten, Fräulein Polly?"
Sie that ängstlich und verschämt und ging allein fürbaß, um ungestört Pläne zu entwerfen, Pläne, wie sie der armen May das Liebesglück „versalzen" wollte. Mit Recht sagt Lafontaine:
„Dreß Alter kennt kein Mitleid!"
denn es gibt in der That nichts Grausameres als die Jugend.
Eins stand fest für Polly: Winny durfte nichts erfahren, denn diese Weichherzige hätte May sofort gewarnt und gegen alle Kabalen in Schutz genommen. Auch Pa Rushton würde sich eher gefreut als geärgert haben über den vornehmen Sponsen der kleinen Nichte.
Polly's Verbündete durfte daher nur Tante Bell werden! Bisher hatte das unbändige Mädchen keine Gelegenheit versäumt, der „Tante Brennnessel" Schimpf und Schabernack anzuthun, jetzt zitterte sie vor Freude, die unduldsame ehemalige Kammer- jnngfer Lady Mowbray's in des Vaters Hanse zu haben.
Seitens der Tante hatte May gleich nach dem ländlichen Feste die bittersten Vorwürfe zu höreil bekommen; Anabella machte dem armen Kinde die Hölle heiß, nannte den Tanz das unsittlichste Vergnügen der Welt, zitirte Salome, die Tochter der Herodias, als abschreckendes Beispiel, drohte und schalt, bis May, in Thränen gebadet, ihr Kämmerlein erreichte.
Und am folgenden Morgen trat in aller Frühe die unerbittliche Tante an May's Himmelbettchen, spritzte der lieblichen Schläferin eiskaltes Wasser auf die geschlossenen Lider, zwang sie, auszustehen und mitzusahren nach Nottingham. Und ihren Charles hatte Maiblümchen nicht sehen können. Blutenden Herzens mußte sie sich fügen.
Dafür nahte jetzt der Abend des zweiten Tages, der alles Leid wieder gut machen sollte. Zwar standen Regenwolken über dem Forste, doch Liebende schrecken so leicht nicht davor zurück. May hoffte aus einen günstigen Augenblick, um dem Pächterhause unbemerkt zu entschlüpfen.
Und so gab sie sich der geheimnißvollen Wonne der Erwartung hin. Um die Zeit bis Sonnenuntergang zu kürzen, machte sie sich in ihrem Stübchen Allerlei zn schaffen, ordnete das Geräth, säuberte die Porzellantassen aus der Kommode vom Staube, rückte die schiefhängenden kolorirten Bilder, französische Jncroyablcs und Merveilleusen, gerade und tändelte mit einem zahmen Seidenhasen, der ihr auf Schritt und Tritt folgte und Nachts auf ihren: Kopfkissen schlief. May hatte das Thierchen mit dem sanft- grauen Fell halb verschmachtet im Walde gefunden und ansgepäppelt mit Milch und zarten Rübchen; nächst Charles war „Hänschen" ihre Sorge, Freude, Anbetung.
In den kleinen Räumen, welche May bewohnte, strahlte es von Behagen, von jener idyllischen Poesie,
der ein Burns, ein Sterne, ein Goethe huldigten. Luxus schmeichelt den Sinnen, aber erstickt eine gewisse Unschuld und Zärtlichkeit des Herzens.
Schon blühten rankende Rosen draußen Zu beiden Seiten des Fensters, sie bildeten duftende purpurne Büschel, May brauchte nur die Hand auszustrecken; dieß that sie auch und summte dazu:
„Rosen, Rosen, laßt euch pflücken,
So zu sterben ist kein Horm.
O, wie will ich euch zerdrücken Zwischen Brust und Brust so warm!"
„O weh, o weh, Jungsräulein May, alle Deine Spiegel sind zerbrochen! Nie und nimmer wirst Du heirathen!" Mit diesen tröstlichen Worten trat die lange Winny in das traute Mädchennest. Winny meinte es immer herzlich gut, aber sic war unglaublich ungeschickt und sagte immer etwas Verletzendes.
May zuckte unwillkürlich zusammen, sie war abergläubisch und keineswegs ansgeklärt wie ihr philosophisch gebildeter Freund. Ja, ja, der Spiegel über der dickbauchigen Kommode hatte einen schrägen Riß, und der Stehspiegel auf der weißbehängten Toilette war unlängst zur Erde gefallen und hatte sogar ein Eckstückchen eingebüßt.
„Hn, zieht da ein Wetter her, grad' von der Abtei zu uns herüber!" fuhr der weibliche Unglücksrabe fort.
May überkam ein Gefühl des Bangens.
„Sei doch so gut, Cousinchen," sagte Winny, „und hilf mir den Aermel fertig nähen, ja? Die Trödelliese Polly ist zu nichts tauglich. Hast Du nichts Wichtiges vor, so nähen und plaudern wir zusammen. Bei schlechtem Wetter ist gut zusammenhocken."
Etwas kleinlaut erwiederte May: „Gib her!" und begann zn nähen. Die Sorge, Winny nicht rechtzeitig ans dem Zimmer entfernen zu können, lähmte sie.
Schon begann es von ferne zu donnern. May lehnte blaß und blasser, mit halbgeschlossenen Augen im Sessel.
„Aber Cousinchen, was hast Du nur?"
„Ich weiß nicht, die Gewitterluft!"
„Du echtes Stadtkind bist dafür noch empfindlich! So nimm ein paar Tropfen Melissengeist auf Zucker, arme Maus, ich Hole das Fläschchen, warte nur."
„Ach, Winny, bleibe! Der Melissengeist vertreibt mein Herzklopfen nicht; ich gehe, bevor es dunkelt, zur Kränterfrau und hole ihr krampfstillendes Tränklein."
„Kind, es wird ein Donnerwetter Herabkommen."
„Wer weiß!"
„Nun, dann bring' mir gleich ein Säckchen gegen Zahnschmerzen mit, mir reißt's schon wieder in den Schläfen. Du, und aus dem Kaffeesatz laß Dir von der struppigen Käthe was Gutes prophezeien; nimm ihrem Kater Wurstpellen mit; aber nein, 's ist zu weit! Bedenke, bis zum Erlengrund, ja weiter noch!"
„Thut nichts!" Nun hatte May einen Vorwand, später noch auszugehen. Und der Aermel formte sich plötzlich unter ihren Fingerchen zu einem prächtigen .Puff".