Heft 
(1885) 41
Seite
968
Einzelbild herunterladen

968

Deutsche Noman-Bibtiothek.

wenigstens in den Angeir der Leute mit sichtbaren und unsichtbaren Zöpfen."

George drückte dem jovialen Freunde die Hand und erwiederte ohne Bitterkeit:

Du guter Junge, ich weiß, daß ich in Oxford­hall arg verfehmt bin, trotz der Vertheidigung liebens­würdigster, hochgesinnter Geschwister. Habe Dank, Arthur, Herzensdank! Lege auch Deiner entzückenden Schwester meine ritterlichste Ehrerbietung zu Füßen. Schwerlich werden ihre ebenen Bahnen sich je mit meinen Wegen kreuzen, aber schon das Bewußtsein, nicht von Allen mißverstanden und gehaßt zu werden, entschädigt mich für unendlich viel Herbes, woran mein noch junges Leben leider zu reich ist."

Arthur wollte etwas erwiedern, Byron sprach weiter:Du selbst, bester Arthur, bist gegen den Willen Deines Vaters hier, wozu willst Du's leugnen? Ich erfuhr es durch einen Brief Deines Abbes", den Flora mir indiskreter Weise zeigte,

laß gut sein! Schau' doch so trüb' nicht aus."

Dafür ist Mama ganz aus der Seite ihrer Kinder, sie besitzt Humor und Verständniß für Alles. Einmal, George, gab es entsetzlichen Allarm in Ox­fordhall, Deinetwegen, ja, all rigllt! Meine Schwester hatte bereits die Tafel verlassen, anwesend nur noch: Mama und die unausstehliche Fledermaus, die Mow- bray; sagt Einer: der junge Lord Byron wird einen neuen Katechismus Herausgeber:, erstes Gebot: ,Hasse Deinen Nächsten und liebe dessen Weib'."

George lächelte.Dieß ist wenigstens nicht schlecht erfunden."

Lady Mowbray bekommt natürlich Krämpfe! Mama beißt in's Taschentuch vor Lachen! Nachher die Herren unter einander: ,Geist und Witz muß der kleine Lord haben, um Tausenden davon borgen zu können!' und Enormität! Unser uastor tlllo, Ed Gordon, in Lachthränen gebadet, wie 'ne nasse Katze. Kurz und gut, By, wer wie Du die Lacher so auf seiner Seite hat, dem wird man auch einst in Andacht und Begeisterung lauschen, wann seine Leier ertönen wird. Und nun lebe wohl, Junker vom See; Hab' es eilig, wollte nur kommen wegen der bevorstehenden Komödie, sehe, daß Du noch gar nicht daran dachtest, sie zu beginnen. Auf baldig Wiedersehen!"

Gott besohlen, Du glücklichster Bruder der holdesten Schwesterblnme!"

llcuUllo reckiviva! Die Dryas war gesunden.

Seltsam: dem stürmischen, heiß begehrenden Briten, der mit den gewaltsamen Leidenschaften seiner Nation, welche so sehr viel heftiger sind, als es meist den Anschein hat, in stetem Kampfe war, genügte das Bewußtsein: sie lebt, sie weiß von mir, ich bin ihr nicht gleichgültig! Es beglückte ihn, versetzte ihn in süße Trunkenheit, ohne daß seine Sinne da­durch verwirrt wurden, ohne daß der mindeste Wunsch, seiner Gottheit das erhabene Piedestal zu rauben, in ihm rege ward.

Fortan schien ihm der graue Nebeltag in lebhafte, frische Farben getaucht, die Welt verjüngt, das eigene Ich geläutert, gehoben durch eine unbestimmte, doch selige Hoffnung.

Großmüthige Menschen vertragen es nicht, allein

glücklich Zu sein, ihre nächste Umgebung soll ihre Freude theilen. Niemand hat diese Regung feuriger Naturen schöner ansgedrückt als Heinrich von Kleist in einer Stelle seinerPenthesilea":

Wie möcht' ich Alles jetzt, was mich umgibt, Zufrieden nun und glücklich selpn!"

So dachte auch Byron an jenem Sommernachmittage; er sehnte sich, dem Feinde zu vergeben, den Freund zu beglücken, tausendfache Fülle des Segens um sich Zu verbreiten.

Ob Charlie noch schläft?" überlegte er. Aber er fand Mathews' Zimmer leer.

Byron besann sich nun auf manches Räthselhafte in Charles' Benehmen; an den Tisch tretend sagte er:Was hat er hier für Papierfetzen zusammen­gehäuft? Wie bei einem Archivarius sieht es in diesem Zimmer ans; ob ihm denn olä Nurr wegen des Blaubartkabinets genügende Auskunft gab? Warum that Charlie so geheimnißvoll, fast verschämt wegen jener Fragen? Könnte ich ihm, in Ermanglung von etwas Besserem, wenigstens eine Gefälligkeit er­weisen!"

Rothe Blitze begannen über den Bäumen des Parkes zu zucken.

Lord Byron trat an das offene Fenster.

Armer Charlie, das heutige Stelldichein im Fürste wird verregnen! oder wer weiß? Sie ducken sich in einen hohlen Baumstamm und segnen vielleicht Jupiter Plnvius; selbst die keuscheAeneide" be­weist, wie günstig ein Orkan den Liebenden ist."

Nun brach das Wetter los; große, senkrecht fallende Tropfen prasselten hernieder, die Wellen des Teiches spritzten Weißen Schaum; zahmes und wildes Geflügel flog schnatternd und gackernd aus den Schilf­nestern in die Höhe; Schwalben und Spatzen um­flatterten die Zinnen der Abtei, um ein trockenes Plätzchen zu finden; von der bewaldeten Anhöhe herab trieben die Hirten die angstvoll brüllenden Kühe und ihre verblüfften Kälber.

Einige Augenblicke später sah der Lord nichts mehr als einen undurchdringlichen Regenschauer, der die ganze Landschaft verhüllte. Der Donner rollte, die Windsbraut raste.

Byron schwelgte im Anblick solcher Gewitter: er liebte die entfesselten Elemente, wie der Cavaliere Tempesta, dieser in's Italienische übersetzte, aben­teuerliche Holländer, den Sturm geliebt hatte. Dann fühlte sich der künftige Sänger desManfred" aller beengenden Schranken bar und befähigt, tiefstes, menschliches Elend dichterisch zu verklären, Gift in Nektar zu verwandeln und die Abgründe des Gemüthes mit den Flammenstrahlen seines Genius zu durch­drungen.

*

Charles Mathews verbrachte unterdessen peinliche Minuten und Viertelstunden, woraus eine qualvolle Spanne Zeit entstand: nicht weil er fast bis an die Kniee im Wasser stand und sein Regenmantel ihn nur wenig gegen den Wolkenbrnch schützte, nicht weil die Tropfen ihm in's Gesicht stäubten und momentall am Sehen verhinderten, sondern weil seine süße May nicht bei ihm war!

Unterwegs mußte sie sein, dessen war er gewiß.