Heft 
(1885) 41
Seite
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Kinder der Flamme von Günther von Freiberg.

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May hatte bisher jeder Witterungslaune des Nebel­landes getrotzt und war oft, triefend wie eine Nixe, aber um so glücklicher und lachender, zu ihm geschlüpft unter tiefherabhängende, schützende Zweige; wo aber mochte das arme, zarte Kind jetzt hingerathen sein, wenn nicht gar verunglückt?!

Charles irrte hin und her, kam vom Wege ab, ries nach allen Richtungen den Namen der Geliebten, kehrte zur Niederung, wo Erlen und Weiden sich verzweigten, zurück und ängstigte und bangte sich mit der athemlosen Herzensangst, wie eine Mutter sie um ein verirrtes Kind empfindet; keine Agonie ist qualvoller, als solche hülslose Ungewißheit, solch' zielloses Suchen und verzagtes Umhertappem Da lernt der Ungläubigste die Hände falten und selbst der Freigeist legt im Stillen Gelübde ab. Diese Prekordialangst", wie Aerzte das athemraubende Herzklopfen benennen, ist die unfehlbarste Bekehreritt aller Trotzigen.

In den Wipfeln der alten Föhren und Buchen rauschte ein Durcheinander von Wimmern, Brausen, Pfeifen und Knirschen.

Charles gedachte mit Schaudern mancher un­heimlichen Gestalt, die er ab und an im Forst er­blickt hatte. O Gott, wenn ein Strauchdieb, ein rußiger Köhler, ein frecher Wildschütz dem wehrlosen Mädchen in den Weg getreten wäre! Der klare, herzhafte Charles war in Angstschweiß gebadet, sein Antlitz glühte, die Kehle war ihm wie zngeschnürt.

Endlich gewahrte sein Falkenblick am äußersten Ende eines Waldpfades eine verhüllte Frauengestalt; so wenig er ans der Entfernung zu sehen vermochte, so schien es ihm doch, als spähe jene Gestalt un­schlüssig hin und her.

May?" rief Charles wie außer sich, trotzdem Jene viel größer und höher war als seinkleines Mädchen".

Die graue Vermummte eilte ans seinen Ruf herbei.

Charles, wie vom Donner getroffen, erkannte jetzt, daß eine Fremde vor ihm stand; er starrte dieselbe sprachlos mit weitgeöffneten Augen an.

Hinter dem Zipfel des grauen Shawls, der die auffallend große Frauengestalt vom Scheitel zur Sohle umwallte, klangen jetzt deutlich die Worte hervor:

Miß May Rnshton bedauert sehr, heute nicht erscheinen zu können. Sie muß zu Hause bleiben."

Charles that einen Schritt vorwärts und zog die Brauen so heftig zusammen, daß Polly, denn keine Andere war die Verrätherin, sich unter die Haselsträucher duckte und blitzschnell verschwand.

Also May war wenigstens unter Dach und Fach! Aber dadurch war Charles' Sorge nicht im mindesten beschwichtigt.

Sein feines Ohr glaubte eine gewisse Ironie und Schadenfreude aus Polly's Worten vernommen zu haben; schmerzlich durchzuckte ihn der Gedanke: Ein drittes, vielleicht feindliches Wesen weiß unser Geheimniß."

Gleich darauf aber riß ihn die Ungeduld der grauen Botin nach, er wollte um jeden Preis

Deutsche Roinan-Biblioihck. XII. 21.

Gewißheit haben. Indessen er vertiefte sich mehr und mehr in das Dickicht des Waldes und vermochte nicht, die Flüchtige zu entdecken.

Ganz betäubt lehnte er sich gegen einen Baum­stamm; ein aufgeschrecktes Eichhorn fuhr wie wahn­sinnig an ihm vorüber.

Es war eine der beiden Cousinen," sagte May's Freund vor sich hin; er versuchte, seine Ideen Zn sammeln, seiner Erregung Herr zu werden. Was konnte May bewogen haben, sich einem unzuverlässigen, schwatzhaften Wesen anznvertrauen? May, die stets zitterte, von den Töchtern ihres Oheims geneckt, ver­spottet zu werden wegen ihrer heißen Liebe zu einem Vornehmen"!

Etwas Unerhörtes mochte sich begeben haben.

Charles gestand sich nachträglich, daß sein Be­nehmen ans dem dal ellainMi'v unvorsichtig, auf­fällig gewesen war. Der Maiblumenduft war ihm zu Kops gestiegen.

Was blieb nun übrig, als nach Newstead znrück- zukehren mit einem Gefühl tiefster Demüthigung, bitterster Enttäuschung und verstärkter Besorgniß? Aber ach! Wege und Stege waren unpassirbar. Charles blieb wörtlich im sumpfigen Boden stecken, sein Ortssinn verließ ihn, brennender Durst quälte ihn, zumeist aber das dumpfe, unheimliche Gefühl, May sei gefangen, vielleicht mißhandelt; er fürchtete die Rohheit, die trotz aller Civilisation seinem Lande anhastete und wehrlose Sanftmuth schonungslosen Peinigern überlieferte.

Weit und breit kein lebendes Wesen; nur die Käuzchen huschten, schrill kreischend, mit phosphor­leuchtenden Augen gespenstisch über ihn dahin; es klang wie teuflisches Lachen durch die zunehmende Dunkelheit.

Vielleicht hätte Mancher an Charles Mathews' Stelle die Liebe zu allen Geiern gewünscht wegen der durchnäßten Kleider, des brennenden Gaumens, der müden Glieder, er war weit davon entfernt; nicht an sich selbst dachte er, trotz überhandnehmender Er­schöpfung, nur das arme, eingesperrte Kind, Süß-May, beschäftigte ihn; wie konnte er sie erreichen, trösten, befreien?

Seine Schläfen hämmerten, Fenerfnnken tanzten vor seinen Augen, oft stöhnte er laut auf, trotzdem verließ ihn nicht die Hoffnung, das Thal, worin der Park von Newstead lag, zu erreichen.

Plötzlich taucht in geringer Entfernung ein Licht­schimmer ans; ob Netter nahen? Charles ruft be­herzt:Holla he!"

Die Stimmen Fletscher's, Frank's und deS Jägers antworten freudig. Byron's Diener, zu Pferde und zu Fuß, mit Laternen versehen, kommen näher.

Mister Mathews? Gott sei Dank! Mylord sendet uns, Seine Herrlichkeit sind in großer Sorge wegen Euer Gnaden; besteigen Sie gefälligst den Braunen. Ach, wie froh wird Mylord sein!"

Und Charles ist, von hülfreichen Händen bedient, ans's Pferd gehoben und athmet tief, indem er sich aus dem Sattel hoch aufrichtet.

Nach einem scharfen Ritte von zehn Minuten ist May's Geliebter in Sicherheit. Der Kammer-

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