Heft 
(1885) 41
Seite
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Deutsche Roman-Bibliothek.

diener kniet vor ihm und schneidet ihm behutsam die Stiefeln auf, da das weiche, nasse Leder Zu fest anliegt, und Lord Byron trocknet die blonden Haare seines Lieblings und schilt ihn liebreichTollhäusler", Landstreicher".

Und als der Kammerdiener ging, dem Erretteten einen schwedischen Punsch brauen zu lassen, da lachte Seine Herrlichkeit dem staunenden, betäubten Charles in das lustangehauchte Antlitz.

Und nun umarme mich, Du schlechter Bursch', der mir ans dem Katersteig fast abhanden gekommen wäre! Küsse mich, und gratulire mir zur nenentdeckten Verwandtschaft: Deine May, ja, reiße nur die Angen überweit aus, ist meine Cousine ü 1a moäo äo Uretagneü"

Vergessen ist Angst und Drangsal; der Holzweg- tranm ist wahr geworden! Nasch in Uebermuth schlügt alles Zagen um.

Aber woher weißt Du denn?"

Davon später; erst in den Schlasrock hinein! Du bebst ja vor Frost."

O George, George!"

Still! Wenn Du nicht blindlings befolgst, was ich als Tyrann gebiete, so erfährst Du meine Ent­hüllungen nie, verstanden? Also geberde Dich nicht wie ein wildes Pferd, sondern laß Dich zudecken"

Aber George, ich bin doch kein altes Weib?"

Du bist ein bis auf die Seele durchnäßter Taugenichts, der einen Hexenschuß bekommt, wenn er sich nicht frottiren und erwärmen läßt."

Ueberlassen wir Charles den Händen seiner Pfleger und wenden wir uns zu Polly, der Friedens­störerin und moralischen Brandlegerin, zurück.

Unvermutheterweise hatte sich Tante Bell an­fangs mit Entschiedenheit gewehrt, an einenFehl­tritt" ihrer stillen, sittsamen May Zu glauben; sie schalt sogar Polly eineLügenkatze", der sie tüchtig heimleuchten" wollte; ja, sie war dermaßen empört, daß es Polly angst und bange ward. Allein das kecke Mädchen beharrte auf ihrer Aussage und be­schwur hoch und feierlich die Thatsache, May wandle auf schlechten Wegen. Da begab sich etwas Wunder­bares, nämlich die starren, wimperlosen Tantenaugen vergossen reichliche Thränen; Anabella schlug sich mit den köchernen Händen die spitzen Kniee und vertiefte sich in lange Selbstgespräche,'s ist ja undenkbar!" wiederholte sie in Einem fort,die Augen, diese Taubenangen heucheln, betrügen und kokettiren auch? War's denn nicht gestern erst, daß May als kleines, frommes Kind neben mir saß und stricken lernte und anflauschte, als ich die Geschichte von der Schönen und denl Bär erzählte? Sie jammerte über den armen, zottigen Gesellen, der plötzlich todt am Boden liegt, bis die Schöne sich über ihn wirst und schluchzend ruft: ,Erwache, Azor, ich will dein treues, gehorsames Weib sein? Und heute sollte bereits meine May leichtsinnig und verworfen sein?!"

Polly war dabei sehr unheimlich zu Muthe; die Tante erschien ihr förmlich geistesverwirrt. Als jedoch Anabella alle erdenklichen Maßregeln traf, May gegen Abend nicht aus dem Hause zu lassen.

triumphirte das falsche Consinenherz. Polly raunte der Alten in's Ohr:

Tantchen, laßt mich nach dem Erlengrunde springen und znschen, ob der bewußte junge Herr auf sein Schätzchen lauert."

Und die Tante hatte nur geantwortet:

Na, im Regen wird er's unterlassen."

Polly aber stiefelte waldeinwärts und kam nach zwanzig Minuten athemlos zurück, um Rapport ab- Zustatten: sie hatte mit demVerführer" gesprochen; auch Ralph hatte denselben gesehen undMay" rufen hören. Da überkam Pa Rushton's Schwester eine maßlose Wuth; sie lachte krampfhaft, rieb sich die langen, harten Hände und brachte zuletzt durch ihren teuflischen Knix und lauten Hohn die entsetzte May von Sinnen.

Und," verkündete der weibliche Minos in ama- ranthfarbener Kontusche,fortan hat das arge Ding Stubenarrest, natürlich bei Wasser und Brod, bis es auf das Evangelium schwört, den bösen Junker aus Cambridge und ähnliche Flausen zu vergessen."

Hätte der friedliebende Rushton sich nicht in's Mittel gelegt, so hätte Jungfer Anabella mit allen ihren Drohungen Ernst gemacht. Die beiden alten Geschwister geriethen hart aneinander und tobten, daß es zu May in das Stübchen hinauf schallte.

Läßt Du es dem Mädel so ohne Weiteres hin­gehen," krähte die Gestrenge,so verlasse ich Dein Hans! Dann kannst Du Dich nach einer andern Schwester umsehen!"

Gesegnet sei die Stunde, die Dich entfernt!" sprudelte der Gereizte.

Gut, mein liebes Brüderchen, ich gehe! Aber dann geht auch mein Geld, und das Hnngerleider- leben beginnt von Neuem in diesem Wanzennest von einem Pächterhause."

Damit warBrüderchen" zum Schweigen ge­bracht.

Winny stopfte dem Vater eine frische Thonpfeise und sagte dabei:

Ach, mir wäre Alles einerlei, thäte nur mein Zahl: nicht weh!"

May blieb während der ganzen Nacht aus dem­selben Fleck sitzen, ihr Häschen fest an sich gedrückt; sie sann auf Befreiung oder auf Tod.

-i-

Während Charles noch im Forste nmherirrte und Lord Byron die Verse seiner fast vollendeten Satire hier und da feilte, war plötzlich Joe Murrey vor seinem jungen Gebieter erschienen, in seiner schlichten, ehrlichen Weise um Vergebung bittend wegen der Wortkargheit, die er den Fragen Mr. Mathews' ent­gegengesetzt habe.

Wie aus einem Traume fuhr der Lord ans.

Welche Fragen, Joe?"

In Betreff jenes Zimmers, das früher

Ja richtig!" Lebhaft, fast freudig und nun selber von Neugier ergriffen, rief es George, die Feder bei­seite werfend. Jetzt galt es, den schweigsamen Diener, der nur beredt war als Knstode der Abtei, gleichsam durch Entschlossenheit zu magnetisiren und zum Sprechen zu bringen.