Kinder der Flamme van Günther von Freiberg.
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Selten genug hatte der Erbe von Newstead vereinzelte Mittheilungen über den Oheim William erhascht; gerade dessen finsterer, heftiger Charakter zog ihn an; George Byron's elastisches, hochproble- matischcs Naturell fühlte sich allem Bizarren, Regellosen verwandt, indem er gleichzeitig der frischen, kerngesunden Seele eines Charles Mathews einen Kultus weihte.
Geschickt verstand er es, die Stimmung des wunderlichen „Seebärs" zu benutzen; die bezaubernd leutselige Art, von welcher Byron's Untergebene stets Zeugniß ablegten, und die mit seinem Hochmuth gegen Standesgenossen auf das Schärfste kontrastirte, jene Art brachte Mnrrey dahin, gleichsam unbewußt den raschen, energischen Fragen des Schloßherrn Rede zu stehen, mehr noch: Joe Murr's stockende Redeweise wich einem echten Herzensergnß; die Skrupel der Morgenstunde schienen vor dein glänzenden Neffen des „bösen" William verschwunden zu sein.
In möglichster Kürze mögen seine Aussagen hier Platz finden, um sich unserer Erzählung einzureihen. Die Fakta des Murreystyls, seiner Vor- und Nachwörter entkleidet, lauteten folgendermaßen:
„Nachdem der Großvater George Byron's, Sir John, 1786 gestorben, hatte Joe Murrey den Seedienst quittirt und war, um den Byrons treu zu bleiben, in den Dienst des verrufenen Oberjägermeisters Lord William getreten. Ohne die Engelsmilde der Lady hätte es der rechtschaffene Seemann schwerlich in Newstead ansgehalten, denn der Gutsherr war ein Spieler, ein Raufbold dessen Despotenlaunen schwer zu ertragen waren. Schon seit langen Jahren hatte sich alle Welt von ihm zurückgezogen in Folge des Duells mit Herrn Chaworth*, welches einfach ein Todtschlag war. Die ihm vermählte Dulderin war einst wild und leidenschaftlich von dem tyrannischen Manne geliebt worden, dergestalt, daß Lord William eifersüchtig auf seinen eigenen Sohn gewesen, bereits als diesen die Mutter unter dem Herzen trug. Als der kleine Erbe wenige Tage zählte, war seinem Vater plötzlich der wahnsinnige Verdacht gekommen, ob es sein leiblicher Sohn sei und nicht etwa der Sohn seines Bruders, welcher für die unbescholtene, reine Lady Byron eine tiefe, stumme, doch gänzlich unerwiderte Neigung hegte. Genug, Lord William haßte sein einziges Kind, entfernte es bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand von der verzweifelnden Mutter, gab es den Launen gewissenloser Zuchtmeister Preis und untergrub — bedacht oder unbedacht? — die zarte Gesundheit des schönen, anmuthigen Knaben. In toller Weinlaune gab er ihm oft einen Namen, der die Zuhörer empörte und allen Verehrern der Lady das Blut heiß in die Wangen trieb.
„Die unglückliche Frau lebte selbstverständlich in tiefster Abgeschiedenheit. Ihre einzige Freude war, ein schönes Bild zu besitzen oder es mit künstlerischer
* In: Jahre 1765 gerieth William Byron mit seinem Verwandten Chaworth in Streit; Ersterer drängte Letzteren in ein Gasthofszimmer, schloß ab, und ohne Sekundanten oder Zeugen ging ein Duell vor sich, in welchem Chaworth fiel. Byron wurde in den Tower gesetzt und des Todtschlags beschuldigt. Er machte jedoch sein Privilegium als Peer geltend und wurde demgemäß straffrei entlassen.
Feinfühligkeit zu kopiren. Ganz besonders, mit einer Art persönlicher Zärtlichkeit, liebte sie das dunkeläugige Mädchenbild, welches im gothischen Wohnzimmer, später Speisesaal, der Wand eiugefügt war. Dieses Bild, seit Karl's I. Zeit in Newstead anwesend, blieb den darauffolgenden Generationen ein Näthsel; Niemand hat je ergründet, ob es Porträt oder Phantasiegemälde.
„Seit vier Jahren befand sich Murrey im Dienste der seltsamen Familie, als die Lady in London ein Mädchen sah, eine Stickerin, welche das wandelnde Bild aus dem Wohnzimmer schien. Sie nahm das schöne, verwaiste Geschöpf als Kammerjungfer nach Newstead.
„lieber den wettergebräunten, bereits ältlichen Murrey stahl sich ein süßer Zauber beim Anblick des fremden, stillen Mädchens. Er trachtete, von seinen Ersparnissen ein Bauerngütchen zu kaufen und sprach unbeholfen zur madonnenschönen Lydia von seinen Plänen, noch viel schüchterner und unbeholfener sprach er von seiner Neigung; sie hörte ihn gütig lächelnd an, sagte nicht „Ja", nicht „Nein" und wußte ihn in ehrerbietiger Ferne zu halten, ihn, alle übrigen Diener und Gutsverwalter. Joe Murrey aber betrachtete sie wie seine Braut, wie das Kleinod seines rechtschaffenen, goldtreuen Herzens; mit reizenden Farben malte er sich die Zukunft aus, wie er immer arbeiten und rüstig schaffen würde und wie die kleine, seine Frau im frischen Tüllhäubchen auf dem Sopha sitzen und Thee trinken sollte.
„Bald genug wurden seine Träume zerstört: Lady Byron hatte Lydia Zu ihrer Gesellschafterin erhoben; die Stickerin war eine vornehme Dame geworden.
„Doch nicht diese Scheidewand allein trennte den ehrlicheil Bewerber von der zurückhaltenden ,Braut'. Murrey sah, wie der junge Lord, der seinen Hofmeistern längst entwachsen war, die Augen gar nicht mehr abwendeu konnte von all' dein Liebreiz, der die düstere Szenerie von Newstead erhellte. Schmucke, hochgeborene junge Herren seufzen nicht lange vergeblich.
„Da drückte der ehemalige Matrose die Nägel in die Brust, würgte sein Herzeleid hinunter und wurde unwirsch und menschenscheu. Angeschaut hat er die schöne Lydia nicht mehr, aber gram vermochte er ihr nicht zu werden; heimlich, wenn's Keiner sah, küßte er wohl gar die Spuren ihrer schmalen Füße im knirschenden Sande. Er wollte wieder Hinalls aus das tiefaufbrausende Meer, doch hielt ihn eine Ahnung zurück. ,Jhr droht Gefahr und Drangsal/ sagten ihm innere Stimmen. Und er blieb, Lydia nöthigen- falls zu beschützen.
„Eiskalt überlief es ihn, als er Lord William, den von der Gesellschaft Ausgestoßenen, thörichte, trunkene Worte über die Gesellschafterin seiner Gemahlin reden hörte.
„Vater und Sohn, von jeher Feinde, waren Nebenbuhler! Vor dem böseu Lord aber zitterte die ent- setzte Lydia, wie manche Zofe, manches Hoffräulein gezittert haben mag unter dem versengenden Blick Heinrich's II. von England, dem der wildverwegene Sohn, Richard Löwenherz, oft genug in's Gehege kam, wo der König gern Alleinherrscher geblieben wäre.