Heft 
(1885) 41
Seite
972
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Deutsche Roman-Bibliothek.

Lord William hätte blind sein müssen, um nicht alsbald hinter den Liebeshandel der beiden un­erfahrenen jungen Seelen zu kommen. Seine Wuth kannte keine Grenzen; das ungezügelte Normannen­blut tobte in seinen Adern, er warf sich mit blankem Hirschfänger auf feinen Sohn, verwundete denselben, ja hätte ihn getödtet, wäre Joe Mnrrey ihm nicht in den Arm gefallen. Die herbeigeeilte Lady nahm Partei für den Liebling ihres Herzens, und da ge­schah es, daß der wuthblinde Gatte die schmächtige Frau ergriff und vom Balkon weit hinab in den Teich schleuderte. Die Wellen gingen hoch, die Lady verschwand unter dem Wasser. Einem der Gärtner gelang es, sie zu retten.

Welch' ein Aufruhr im ganzen Schlosse!

Daß der damalige Erbe von Newstead-Abbey nach Gretnagreen mit Lydia entweichen wollte, um sich daselbst mit der Heißbegehrten trauen zu lassen, war vorauszusehen. Er vertrante sich Mnrrey an, vor dem Diener Thronen vergießend, ihm das übervolle Herz wie einen: Bruder eröffnend. Joe's stumm zurückgedrängte Qualen steigerten sich Lei jedem Worte des jungen Edelmanns. Dennoch wollte der Verschmähte den Liebenden zur Flucht verhelfen. Dieselbe wurde vereitelt durch den schrecklichen Lord William, diese Geißel der Seinigen!

Trotzdem der Name William Byron' versehmt war in ganz Großbritannien, wollte dennoch der Peer und Lord mit seinem Sohne hoch hinaus, abgesehen von der ungestümen Eifersucht, welche alle seine unedlen Gefühle zur Rache ausstachelten.

Er hielt Lydia und den widerspenstigen Sohn auf, mittelalterliche Weise unter Schloß und Riegel, ,bis zur Stunde ihrer Ergebung in seinen Willen', schwur er.

Newstead-Abbey war in eine Zwingburg ver­wandelt, Newstead, gegründet, um den Mord des Kanzlers und Heiligen, Thomas a Decket, zu sühnen! Was war aus dem Friedensbau, dem Heiligthum geworden!

Lady Byron durfte nur in Begleitung des spähenden Argus zu den Gefangenen. Joe Mnrrey aber trug zwischen den getrennten Liebenden die Briefchen hin und her und war unerschöpflich an Erfindungen, die Weinenden zu trösten.

Da sang eines Tages im Hofe der Abtei eine wandernde Harfenspielerin eine uralte Ballade ,vom schlimmen Grafen und seinem Sohn': wie der Junker sein Herz an eine schöne Landstreichern: verloren, wie er sie ehelichen wollte als rechtmäßiges Weib, ihr sein Gesinde, seine Vasallen unterthan machen wollte. Der alte Burgherr ließ die Dirne aufgreisen und in ein hochgelegenes Thurmgemach einsperren und seinen Junker mit ihr, ans daß sie vor einander einen Ekel bekämen vom steten Beisammensein, und nach wenigen Tagen fällt dem Alten ein blutig Messer vom Thurm herab zu Füßen. Die dort oben haben sich nmgebracht, um den Augenblick des Ueberdrusses nicht Zu erleben.

Dergleichen Schauermären aus wilden, ent­schwundenen Zeiten behagten dem Lord William; er lachte roh, überschüttete die Bänkelsängern: mit Geld, war vergnügt und that wie der schlimme Gras: in

den Terraffenzimmern schloß er das Mägdlein und den jungen Feuerbrand ein, ohne daß cs irgend wer verhindern konnte. ,Uebersteht die Prüfung, wenn ihr könnt!' höhnte er und fügte mit faunischem Lächeln hinzu: ,Bleibt sie Deine unberührte Braut bis zu bestimmter Frist, so habt ihr gewonnen und mögt ein Paar werden!' Selbstverständlich rechnete er auf die Gefahr solcher Nähe in solcher Jsolirung, auf die Jugend und den Siedegrad einer verbotenen gegenseitigen Leidenschaft.

Allein der Sohn, als Abkömmling erprobter Ritter, die aus dem Felde der Ehre glänzende Thaten verrichtet hatten, zeigte sich stark und sagte mit einen: Kuß ans Lydia's reine Stirn: .So lauge wir in der Macht dieses Dämons sind, sehe ich in Dir eine Schwester.'

Allerdings bezahlte der Jüngling diese fast über­menschliche Beherrschung seiner Gefühle und Sinne mit den letzten Resten seiner angegriffenen Gesund­heit; er, an freie Luft, stete Bewegung und Kraft­übung gewöhnt, schwand in kürzester Zeit durch die Stubenlust zum Schatten dahin. Seine Mutter wagte in ihrem Gram, ihrer Besorgniß das Aeußerste. Ans die Gefahr hin, abermals ertränkt zu werden, sendete sie nach einem Priester. Dieser kan: und traute unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit den jungen Lord und Lydia im Beisein der Lady und Murrey's.

William, der Wütherich, that, als wisse er von dem ganzen Vorgang nichts; insgeheim hatte er jedoch auf diesen Augenblick gelauert, um sein teuf­lisch angelegtes Spiel zu vollenden: den Priester, das heißt einen verkleideten, nicht einmal besonders hoch erkauften Gauner, hatte er gesendet, zn der gotteslästerlichen Komödie hell auflachend.

Ein letztes Mal stammte das Leben in den: Neuvermählten empor. Ein kurzer Wonnerausch war ihn: und Lydia unter den seltsamsten Verhält­nissen gegönnt. Ihr boisirtes Nokokogefängniß weitete sich, nicht nur die blumenbesetzte Terrasse stand ihnen wie bisher offen, sondern ein Stück Park, denn Lord William, der scheinbar auf das Günstigste verändert schien, hatte Newstead von seiner Gegenwart befreit und sich nach Rochdale begeben. Aber seine beiden Opfer liebten ihren Kerker, der sich in ein Braut­gemach verwandelt hatte; sie begehrten nicht nach der Außenwelt, mochte diese noch so grün und lockend sein.

Ach, da traf ein Nerveuschlag das Schmerzens­kind Lady Byron's an der Seite seiner vergötterten Lydia!

Und diese Unglückliche war nicht, wie sie wähnte, seine rechtmäßige Wittwe, sie blieb zurück als ver­lorenes, schütz- und hülfloses Weib; all' die herbsten Schmerzen, Verluste und Enttäuschungen stürmten aus sie ein, als sie sich im Anfang einer Schwanger­schaft befand. Was sollte aus ihrer und ihres Kindes Zukunft werden? Selbst an der Lady hatte sie keine Stütze mehr, da mit dem Leben des jungen Schloßherrn gleichzeitig jedes geistige, klare Verständnis; in dessen Mutter erloschen war; für die Lady selbst gewissermaßen ein Segen: so erfuhr sie nie von der Schmach, welche Lydia widerfahren war.

Eine einzige Rettung hätte es für die trostlose