Kinder der Flamme von Günther von Freibcrg.
973
Bedrängte gegeben: Joe Mnrrey die Hand zu reichen. Flehentlich bat er Lydia darum, sie wies ihn ab, weil sie sich nicht für berechtigt hielt, das Leben eines braven Mannes zu verwirren und ihm Lasten ansznbürden. Obenein hatte der Rechtschaffene ohne seine Schuld bei einer verunglückten Unternehmung sein kleines Kapital eingebüßt. Die Summe Geldes, die Lord William ihr sendete, schickte sie ihm unberührt zurück. Mnrrey blieb in Lydia's Nähe als ihr Bruder, ihr Diener, als der Einzige, mit dem sie von ihrem Heimgegangenen Geliebten sprechen konnte. Er geleitete sie von der Unglücksstätte fort in ein freundlich grünes Oertchen Zwischen Newstead und Nottingham und begegnete der Tiefgedemüthigten mit einer Ehrerbietung, als wäre sie eine regierende Königin gewesen.
„Eine in London verheirathete, kinderlose Freundin Lydia's, die Schwägerin des Pächters Nushton, hatte sich das Schicksal der Schwergeprüften zu Herzen genommen und die frühere Gefährtin ausgesucht. Beim Anblick der rosigen, fröhlichen kleinen Frau ging ein Lächeln über Lydia's abgehärmte Züge, das erste Lächeln seit des Geliebten Tode. .Vertraue mir Dein Kind an/ drang Mistreß Rushton in die Unbemittelte, .ich will es lieben, hegen und pflegen wie mein eigen Blut/
„Und sie hielt Wort. Als Lydia starb, indem sie einem wunderschönen Zwillingspärchen das Leben gab, wurde die Gattin des Londoner Fruchthändlers der kleinen May eine hingebende, musterhafte Mutter, eine wahre Caritas. Die Anwesenheit des Bübchens hatte ihr anfangs einige Verlegenheit bereitet; es schien ihr grausam, die Geschwister absolut zn trennen. Schlau, wie sie war, und mit Menschenkenntniß ausgerüstet, speknlirte sie ans den etwas überspannten Charakter ihres Schwagers, Pa Rushton's, auf seine Vorliebe für alles Abenteuerliche und für kleine Knaben insbesondere. Sie wußte Mnrrey zn überreden, klein Bob in einem Korbe, auf feines Linnen gebettet, bei dunkler Nacht auf die Schwelle des Pächterhanses ausznsetzen. Den Namen Robert, den Lydia noch gewählt hatte, stickte sie mit den goldbraunen, seidenen Haaren der Verstorbenen auf ein Tüchlein und legte es dem Säugling unter das Köpfchen.
„May und Bob galten vor aller Welt für die leiblichen Kinder der Nushtons und nur ausnahmsweise erinnerten sich ihre Pflegeeltern an die That- sache, daß der Knabe ein Findling sei und May dessen Schwesterchen.
„Lord William aber ließ die Terrassenzimmer vermauern und mied den Saal, wo das gemalte Müdchenbild mit stillem Vorwurf auf ihn blickte. Das schöne Newstead wollte er seinen Erben, Mistreß Byron und George Gordon Byron, nicht anders als verwahrlost und verwildert znrücklassen. Er entholzte den Park und verkaufte widerrechtlich die Besitzung Rochdale. Die Lady konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen und hatte sich — mehr instinktmäßig als durch freien Willen — von dem gottlosen Manne getrennt. So blieb der Verhaßte in tiefster Einsamkeit; sogar seine Untergebenen verabscheuten ihn dergestalt, daß Keiner von ihnen dein
,bösen, tollen Lord° mehr Gesellschaft leisten wollte. Seine einzigen Gefährten waren Heimchen, welche er eigenhändig fütterte und zähmte. Er liebte diese Insekten, wie andere fnnfsinnige Menschen Vögel lieben. Bei seinem Tode verließen sie das Hans in Schaaren.
„Dieß, Mylord, ist die Geschichte der verrathenen schöneil Lydia," schloß Joe; „seit sie begraben ist, kam ihr Name nicht mehr über meine im Reden ungeübten Lippen. Dem Befehl Eurer Herrlichkeit aber gehorchte ich."
„Laß es Dich nicht gereuen, olä Nm-r," erwiderte Lord William's Großneffe tief ergriffen, „von der zertretenen Blume zn mir gesprochen zn haben. Aber," setzte er düster, wie im Selbstgespräch, hinzu, „die Liebe der Byrons bringt Unglück, und eiil Fluch ruht ans allen Wesen, die sich uns ergeben! — Wer bestellt schön Lydia's Grab, Mnrrey?" fragte er sanft.
„Schon will es einsinken, Mylord, und auf der Gedenktafel ist die Inschrift verwittert; allein ich -—"
„Forian sorgt der Besitzer von Newstead für die Ruhestätte der Dulderin."
Joe's Augen glänzten; er beugte sich über die Hand seines Gebieters und preßte die rauhen Lippen aus die seine, gepflegte Haut des schönen Sybariten. Sinnend sagte dieser:
„Also nicht Gespensterfnrcht ließ Dich jene Terrassenzimmer meiden, sondern die Erinnerung!"
Beistimmend nickte der Diener.
„Das Geistergrauen, gnädiger Herr, überlasse ich Mrs. Marsdon und den Stubenmädchen: wenn die Schatten unserer Eschen, die im Hofe stehen, Abends im Winde zittern, so scheinen sie ihnen die Gestalt eines Mönches anznnehmen, der aus seiner Zelle nach der Kirche geht."
„Die Marsdon stammt aus Schottland, sie muß an das .zweite GesichU (tbo seeonä siZbt), all Ahnungen und Erscheinungen glauben," wendete Lord Byron ein, er selbst, als Abkömmling der Clans, glaubte an die Offenbarungen der Geisterwelt.
„Nun," sagte Mnrrey einlenkend, „mehr oder weniger hat wohl jeder Mensch seine fixen Ideen und Sonderbarkeiten: beim Aufbrechen der Terrassenzimmer, an denen Eurer Herrlichkeit so viel gelegen war, fürchtete ich thörichterweise, irgend ein Unglück möchte über Newstead Hereinbrechen, was weiß ich? Fenersbrunst, Einsturz des Nebenflügels. Thorheit! Nach besserem Einsehen schien es mir eher eine Aussöhnung mit der Vergangenheit, daß Eure Lordschaft den moderigen Räumen Licht und Helle, insbesondere die eigeile Gegenwart gönnten."
„Und vielleicht wirst Du den Zufall segnen, Murr, der mich zu jener vermauerten Thüre geführt und dieselbe öffnen ließ," sagte Byron mit süß melancholischem Lächeln; er dachte an Charles und an May, die Tochter Lydia's.
*
Der Sturm, der dem blonden Freunde übel mit- gespielt hatte, legte sich gegen Morgen. Erklärlicherweise hatte der Student vom Cam während der ganzen Nacht kein Auge zugethan. Er fieberte dem kommenden Tage entgegen. Für ilm und May war