innder der Flamme von Günther von Freiberg.
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entgegnet: daß Menschen seines Schlages einer Hoheit der Anschauung, einer Allmacht, das heißt Selbstlosigkeit der Liebe fähig sind, wie ruhige, nüchterne Alltagsmenschen es nicht im entferntesten ahnen.
„Sie lieben die Länder des Mittelmeers und der Levante," nahm Lady Nancy das Hauptthema ihres Gesprächs wieder aus, „ich erfuhr es aus einzelnen abgerissenen Strophen, welche Arthur mir ans dem Gedächtniß rezitirte, nachdem er in New- stead-Abbey gewesen war. Ziehen Sie nach dem Lande Homer's, nach Asiens geheiligtem Boden. Ich sah als Kind den griechischen Tempel zu Pästum in seiner vollendeten Reinheit und Schönheit, bei seinem Anblick fühlt' ich mein Herz ahnungsvoll schlagen; zwar vermochte ich die Vergangenheit großer Völker noch nicht zu verstehen, dennoch fühlte ich mich freier, glücklicher im Anscheinen dieser schlanken Säulen, dieser einfach edlen Formenpracht. O Mylord, geben Sie uns ein poetisches Reisetagebuch!"
„Werd' ich Ihren begeisterten Hoffnungen entsprechen? Ach, vielleicht wird nur Stückwerk zu Tage kommen, denn mein Geist ist Stückwerk, ich werde nie der Mann der geschlossenen Form wie Scott sein; ich weiß nicht einmal, was die Rezensenten unter Ausarbeiten verstehen! Allein Sie gebieten, hohe Muse, Janthe meiner Träume, Ihnen soll gehorcht werden, ich bin zur Pilgerfahrt entschlossen!"
Frohlockend rief Nancy: „Also ich habe Ihr Versprechen, Mylord! Sie reisen!" und dankerfüllt blickte sie zum Himmel auf; es war ihr gelungen, frei vom Herzen weg mit ihm, an den sie insgeheim immer und immer dachte, zu sprechen, ihn anzuseuern für ein Leben, das ihm tiefgehenden, weitverzweigten Einfluß verschaffen mußte. Ihre stille, treue Liebe forderte nichts weiter von Gegenwart und Zukunft.
Nur die erste Jugend ist der Entsagung fähig und findet ihr Glück in einer Neigung ohne Besitz; später verfliegt der zarte Blütenstaub des Lenzes, da blühen schwülduftende Rosen und gleißende Tollkirschen an der Stelle des Veilchens und Augentrostes. —
Nancy hatte über die verhängnißvolle Begegnung Zeit und Weile vergessen, endlich besann sie sich. Die Schicklichkeit forderte die Entfernung des jungen Mädchens, ihr kleiner Jockey zeigte sich hinter den Baumstämmen.
Aber noch ein zweites Anliegen brannte auf ihren Lippen; indessen sie verwirrte sich und schlug beschämt die Augen nieder, ohne sich zu entschließen, ohne passende Worte für jene Bitte zu finden.
George ängstigte sich vor dem Augenblick des Scheidens, eine wiederholte Zusammenkunft zu erflehen, widersprach seinem Zartgefühl, es hätte einem Stelldichein geglichen, und er durfte nicht nach Oxford- Hall!
„Mylord," begann die junge Lady, welche vorhin so überzeugend, so enthusiastisch gesprochen hatte, im leisen Tone fassungsloser Verlegenheit, „bevor ich Ihnen Lebewohl sage, möchte ich Sie um die Gefälligkeit ersuchen, eine kleine Geschichte anzuhören; nur fürchte ich. Sie werden zürnen —"
„Lady Nancy!!" Hätte er gesagt: „Zertritt mich
Deutsche Roman-Bibliothek. XII. 22.
mit Deinem kleinen Fuße," er hätte dabei nicht hingebender, liebevoller aussehen können.
Mit stockendem Athem sagte sie gedämpften Tones:
„Als ich kaum erwachsen war, kam oft ein wundervoll schönes Mädchen zum Besuch nach Oxfordhall; sie besaß ein stolzes, energisches und doch feines Gesicht, dazu einen männlich kühnen Geist, auch wählte sie bei lebenden Bildern und Charaden mit Vorliebe Knabenrollen: den Endymion, den Mazeppa; ich war dann immer ihre Geliebte."
Byron errieth ohne Mühe, von wem Nancy Harleigh sprach; er ahnte, wo sie hinaus wollte.
„Sie war herrisch, eigenmächtig, von einer Großmutter verhätschelt," sagte die liebe, verlegene Stimme nach kurzem Stillschweigen, „jeder Gehorsam, jede Fügsamkeit war ihr fremd, ich aber bewunderte das eigenartige Wesen und trieb geradezu Abgötterei mit ihr, die sich wenig um mich kümmerte. Mären wir Männer/ sagte sie einst Zu mir, ,so wären wir frei und zögen in die weite Welt hinaus, aber Du bist nun so ein zerbrechliches, dummes kleines Ding/ Sie besaß ein Medaillon mit dem Miniaturbild der abenteuerlichen Gräfin Southampton in Pagentracht und erzählte, wie die Gräfin dem Johann Otto Königsmark über's Meer in heiße Länder auf allen Feldzügen gefolgt sei."
Wohl kannte George das Medaillon und das Miniaturbild!
„Mama sagte unserer schönen Freundin, daß der Günstling Karl's II. nur zu bald des reizenden Pagen überdrüssig gewesen wäre, ja endlich die Southampton verlassen habe, um einer reichen Erbin den Hof zu machen; ,thnt nichts, ich beneide sie doch/ lautete die Antwort."
Wieder verstummte Nancy in der Ungewißheit, ob Byron ihr zürne; sie wagte nicht, ihn anzusehen.
Er aber kam der Zagenden männlich entschlossen entgegen, indem er sprach:
„Wenn mich nicht Alles täuscht, liebe, holde Fee, so fand Ihre Freundin einen Königsmark, — freilich einen minder brillanten, doch ebenso undankbaren, wilden, rauflustigen Kavalier, der sich um den meisten seiner Freunde duellirte, bevor sie sich ihm verbündeten als Gesinnungsgenossen. Wohl war es ein entschiedenes Unglück, an keinen Besseren gerathen zu sein. Aber glauben Sie mir, Blume der Reinheit, welche gegen rauhe Winde geschützt blieb, glauben Sie mir, jene Frauen L 1a Southampton, welche der Weltordnung spotten, haben ihre Lust daran, die gefährlichen Anlagen eines Mannes zum Schlimmsten zu entwickeln, statt sie zu veredeln, was ja so leicht wäre! Daher der Fluch excentrischer Bündnisse, daher die bittere Hefe zu Grunde des Tanmelkelches! Ach, die Reue folgt immer zu spät!"
„Nein, Mylord, nein," siel Nancy ihm in's Wort, und ihre Mienen strahlten wie zuvor, „ es ist nie zu spät, um Frieden zu schließen, ich meine: sich ohne Haß zu trennen! Jene Beiden, von denen Sie soeben sprachen, sollten die Kraft haben, versöhnt auseinanderzugehen, >— nicht? Die Verirrte fände Asyl bei der Duldsamkeit und Treue. Mylord, alle fernere Verantwortung nehme ich aus mich!"
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