Heft 
(1885) 43
Seite
1018
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Deutsche Nonian-Sibliothek.

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Lady Nancy, wie, Sie wollten"

Sie befreien und Flora Gordon rehabilitiren."

Jst's möglich? Miß Gordon fände in Ihnen"

Eine Schwester! Helfen Sie mir zur Er­füllung dieses Traumes."

O Lady Nancy, Sie sind größer als Ihr Ge­schlecht, Niemand ist würdig, den Saum Ihres Kleides Zu küssen."

George neigte sich über Nancy's Hand, sie aber blickte starr in den Wald hinein, dann stieß sie einen Freudenschrei aus:Flora!!" riß sich los und stürzte ans eine Beschämte, in Thränen Zerfließende zu.O liebe, liebe Flora!"

Die reuige Flora Gordon, welche George ängstlich suchend nachgeschlichen war, lag in Nancy's Armen.

Kaled war todt. Edward's Cousine war auf­erstanden.

Willenlos, wie ein Kind, ließ sich die Hochmüthige, Widerspenstige von der sanften, diskreten Nancy fort­führen. Flora blickte nicht Zu Lord Byron zurück; ohne Zögern, ohne Frage folgte sie, wie eine ver­lorene Seele dem wiedergefundenen Schutzengel folgt.

So hatte Lady Harleigh eingegriffen in Byron's Schicksal wie eine befreiende Gottheit, die schwärzesten Wolken durch einen Wink ihrer Hand zertheilend.

Dem schwülen Fiebertraum folgte ein glück­verheißendes Morgenroth. George fühlte sich durch diese Begegnung und Ansprache von allen Schlacken gereinigt, ein hohes Wunder hatte die letzte Stunde an ihm vollzogen; er war nicht mehr eifersüchtig auf May, er grüßte und umarmte in Gedanken Charles, ihn beseelte jene überwallende Empfindung, für welche Schiller den wnnderhohen Ausdruck:Seid umschlungen, Millionen!" fand.

Nach Newstead direkt heimznkehren fühlte er sich nicht aufgelegt, er schickte nach seinem Reitpferde und jagte dem Jägerhänschen zu, wo tagsüber Niemand einkehrte und die Einsamkeit störte; unter feiner Pilgereiche nahm er ein leichtes ländliches Mahl ein, schwelgend in Neiseplänen, staunend, daß die Welt ihm plötzlich so schön und gar nicht mehr stiefmütter­lich erschien.

Der Wunsch zu sterben wich dem Drange nach Licht, Liebe, Leben".

Erst als der Tag sich neigte, ritt er heim. Die Wipfel über ihm glänzten in feurigem Golde, während erquickende Kühle ans der Erde Tiefen stieg; ihn freute der blaue Rauch der Hütten, sogar der Klang der Glocken von Hncknell.

Am Rande des weitansgedehnten Schloßteichs hielt er fein Roß an. Das Wasser schien in momen­taner Regungslosigkeit wie eine riesige durchsichtige Glasfläche. Horazius' Vers:

0 lous LaiiäuÄao, L^Ioaäiäior vitro W

kam dem ehemaligen Schüler von Harrow auf die Lippen.

Jenseits des Wassers erhob sich aus dunklen Baum- mafsen die gothifche, würdevolle Fassade der Abtei, ihre Zinnen im klaren Elemente spiegelnd. Die Scheiben der großen Spitzbogenfenster und Rosetten

glühten rubinroth, der imposante Bau, den einst Königs­wort hervorgerufen hatte zur Sühne übereilter Töd- tung, schien von innen wie von außen durch bengalische Flammen erhellt.

An einem ähnlichen Abend malte später der Land­schafter Danby fein bekanntes reizendes Bild: New- stead-Abbey bei Sonnenuntergang.

John Hobhonse, der sich im Bade erfrischt hatte, kam dem heimkehrenden Reiter entgegen; war es der Rosenabglanz des Himmels, der George Byron's Antlitz gar so wundersam verklärte und verjüngte? Hobhonse traute feinen Augen nicht; er dachte an die aufregende Szene bei Tagesanbruch, an das ver­störte Aussehen des Freundes.

Letzterer rief unbefangen:Hobby, gehst Du mit mir auf Reisen?"

Wohin Du willst, George."

Topp! nun, so rüste Dich. Aber es geht weiter als zu Deinem Zeus von Weimar."

Mit Dir nach dem ultima Ibulo!"

Unser erstes Ziel sei Lissabon, dann über Malta nach Kleinasien."

Vogue 1a galere! Ein gescheidter Entschluß!"

Indem sich George vom Sattel schwang, über­brachte ihm der Postbote einen Brief von Charles, welcher außer flüchtigen Dankesworten eine schöne, noch ganz frische, zartblühende Grasart enthielt. Charlic's Nachschrift lautete:

Ich sende Dir dieß Büschelchen Asphodil, im hiesigen Treibhaus gepflückt, als Kuriosum. Wie oft haben wir uns, über die griechischen Klassiker geneigt, die Köpfe zerbrochen wegen dieser Elysiumspflanze! Der Gärtner erhielt den Samen direkt von der Insel Euböa."

Asphodelns," gedankenvoll sprach es George vor sich hin,das momouto morl der Griechen! Wäre es eine Mahnung des schönen, stillen Gottes mit gesenkter Fackel?"

Sechzehntes Kapitel.

Epilog.

Der düstere Novcmberhimmel spannt sich wie ein schwarzes Bahrtuch über den Gottesacker von Hncknell. Schon fiel der erste Reif in das Immergrün, in den Epheu der Gräber, auf die Jmmortellenkränze der eisernen und steinernen Kreuze.

Bald wird Alles unterm Froste erstarren, Schnee die goldblinkenden Namen der Leichensteine umwirbeln und den Eingang Zum Byron'schen Erbbegräbnis) verwehen, Schnee wird über das frische Grab daneben eine fleckenlose, schimmernde Hülle breiten bis zum wiederkehrenden Lenze.

Ileguioseat iu paeo!

Ruhet, ihr sturmerprobten Herzen, ruhet aus im Sarkophage, in schlnmmerstiller Erde! Ob der Nord­wind sause, ob Krähenrnf durch die Einöde schrillt, ob Ströme Thauwassers euch nmfluten, ihr ruhet in Gott!

Den Blick unbeweglich auf einen mit Blumen lose bestreuten Erdhügel geheftet stand Edward Gor­don, den wir vor beinahe drei Jahren im Gespräch mit Arthur King zu Oxfordhall verließen.