Kinder der Flamme von Günther von Freiberg.
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Sein bartloses, durchgeistigtes Gesicht hatte noch immer die Jugendlichkeit des Leonardo'schen Johannes- kopfes, wenn schon tiefer Herzensgram seinen Zügen, seiner Haltung unverkennbare Spuren aufgedrückt hatte.
Während langer Wochen hatte er die in Folge eines Sturzes vom Pferde schwerverwundete Flora dem Tode abgerungen, sie dem Leben zu erhalten gehofft.
Umsonst! Seit vierundzwanzig Stunden lag sie versenkt in der Erde Tiefen.
Und Edward allein wußte, daß Flora freiwillig ihr frühes Ende herbeigeführt hatte; sie war ja nicht im Stande gewesen, die friedlich geebnete, einförmige Existenz ferne von Newstead, ferne von George Byron, zu ertragen, trotzdem sie anfangs ihren wiedergefundenen Freunden resiguirt, reuig und dankbar begegnete.
Der schöne Schloßherr von Newstead war nach zweijähriger Abwesenheit erfrischt und veredelt ans der Levante heimgekehrt mit den beiden ersten Gesängen des „Childe Harold", welche hochanflodernde Feuerbrände der Begeisterung in England und mit Blitzesschnelle in ganz Europa entfachten. „Der düstere Glutgeist" wurde der heißerjagte Liebling der Aristokratie, der leidenschaftlich bewunderte Poet der literarischen Tribunale, der Abgott aller Frauen und der jungen Modewelt. Flora sah alle Parteien, ob Whigs, ob Tories, dem dreiundzwanzigjährigen Jüngling Zuströmen, sah dessen Gegner in Enthusiasten umgewandelt und vom allgemeinen Taumel fortgerisfen, ja, sie sah Byron sogar — ans der Ferne — als Gast in Oxsordhall hochgeseiert; sie wußte, daß zartgesponnene, unsichtbare, doch unauflösliche Fäden ihn mit Nancy verknüpften, daß Letztere die „Janthe" des Childe Harold; mochten Andere immerhin behaupten, der originelle Dichter habe sein Lied einem Kinde, der kleinen Lady Charlotte Harleigh gewidmet, mit Fleiß auch hierin vom Herkömmlichen abweichend.
Die „Spuren der alten Flamme" begannen auf's Neue Zu schmerzen. Flora Gordon suchte dem Helden des Tages zu begegnen; es gelang nicht, da Lord Byron, in London wohnend, nur zeitweise nach der Abtei hinauskam. Die Ritter Zum Todtenschädel waren bereits Legende geworden.
Edward's felsenfeste, unerschütterliche Treue bot der stets unbefriedigten, rastlosen Cousine keinen Halt, keinen Ersatz für den Verkehr mit den Kindern der Flamme. Flora verzehrte sich in sich selbst, sie fand keine andere Lösung für ihr Schicksal, als den Tod.
Ihre letzte Bitte an Edward hatte gelautet, ans dem Friedhof zu Hucknell nahe der Byron'schen Familiengruft begraben zu werden.
Der junge Pfarrherr hatte ihren Wunsch erfüllt.
In der vergangenen bitterkalten Spätherbstnacht sahen ihn die Sterne an dem geliebten Grabe Wache halten; vergeblich hatte der Todtengräber sich bemüht, ihn zu entfernen; Edward hatte sich auf der kühlen, lockern Erde gebettet, thränenlos, stumm, ohne Klage.
Nur dem sanften Zuspruch der Lady Medora Oxford war es gelungen, den Tiefgebeugten, Untröstlichen auf einige Stunden von dem Kirchhofe wegznfnhren; statt in sein Wohnhaus war der junge
Seelsorger auf's Neue zu feiner begrabenen Liebe znrückgekehrt.
Und wie er nun stand und sann, fühllos gegen den rauhen Novemberwind, wie er zurückdachte an das treulose, wetterwendische Glück der letzten peinvoll seligen Zeiten, da ging eine ältliche Frau, schwarz gekleidet, an ihm vorüber; sie trug eine Gnirlande aus Tannengrün, weißen Rosen und Weißen Hyazinthen; ihr folgte ein junger Mann in Trauerlivroe, der ein großes, ans Myrtenblüten Zusammengefügtes Kreuz im Arme hielt. Die Frau, anscheinend eine herrschaftliche Dienerin, begab sich in das tempelförmige Erbbegräbnis;, wo seit dem vergangenen Sommer die in Newstead gestorbene Mistreß Byron beigesetzt war.
Der junge Mann blieb unterdessen im Freien. Unschlüssig blickte er um sich, als suche er etwas ani Erdboden. Zuletzt näherte er sich mit abgezogenem Hute Edward Gordon. „Um Entschuldigung, Sir, dürfte dieß Grab hier Miß Flora Gordon's Ruhestätte sein?"
Edward neigte bejahend das Haupt. Der von südlicher Sonne gebräunte, hochaufgeschossene Bob Nnshton dankte und legte das schimmernde Blütenkreuz auf den Erdhügel nieder.
Mistreß Marsdon trat aus dem Mausoleum heraus und kniete am Grabe „Kaled's" nieder, wobei sie eine pflichtschuldige Thräne zerdrückte. Auch Bob sammelte sich zu einem stillen Gebet, das heißt, er dachte dabei an das gute Glas Grog, das ihn Zu Hause erwartete, und daß Kirchhofspromenaden gar nicht nach seinem Gefallen waren.
Mit kurzem Gruße entfernten sich die Haushälterin Lord Byron's und der einstige „Page", aus dem in der Fremde so wenig wie auf heimischem Gebiete geworden war.
Edward blickte Beiden sinnend nach, daß sie Bewohner von Newstead-Abbey waren, schien ihm nicht zweifelhaft.
„Also von Bedientenhänden läßt der erste Poet seines Zeitalters das Grab der Jugendgeliebten schmücken," dachte er mit Bitterkeit. Der langjährige Groll, der eingeschläfert worden war durch das Saitenspiel des jungen Barden, erwachte von Neuem, wie eine Schlange ans winterlicher Erstarrung, in Edward's Brust. Mochte das allgemeine Feldgeschrei lauten: „Man kann dem Dichter des Childe Harold nicht zürnen," — mochten Diejenigen, welche Byron in seiner Satire öffentlich gegeißelt hatte, wie Lord Holland, Mr. Fitzgerald und Andere, ihm versöhnend entgegenkommeu, Edward war nicht im Stande, dem Gefeierten Zu vergeben, Flora's Lebensglück vernichtet zu haben, ja, er zweifelte an der Vorsehung und göttlichen Gerechtigkeit, den einst verrufenen, übelberüchtigten Wildling von Newstead bis an die Sterne erhoben Zu sehen.
Schon senkte sich das Zwielicht herab, und von Weitem glänzten hier und da Lichter auf. Der junge Pfarrherr kannte fast jedes Haus, jede Hütte im Dorfe Hucknell. Ach, unter all' den Dächern wohnten nur Unglückliche; noch unlängst hatte er zwischen einem zänkischen Ehepaar gestanden, dasselbe zu ermahnen. Die große, unverträgliche Frau Polly lebte mit Ralph, dem kleinen, schmächtigen Ehemann, auf