Heft 
(1885) 43
Seite
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Deutsche Roman-Bibliothek.

stetem Kriegsfuß; weit und breit kein Winkelchen ohne Harm, ohne Schuldbewußtsein!

Muthlos in jeder Hinsicht wandelte Edward zwischen den Vuchsbaumeinsassungen der Gräber hin und her; magnetisch Zog es ihn immer und immer zu der einen Stätte zurück, der mannigfachen Amtspflichten entsann er sich nur noch wie im Traume. Flora's Grab mit Marmor kunstvoll zu überwölben, mit einem vergoldeten Gitter und einem reichen Kranze ihrer Lieblingsblumen zu umgeben, darauf allein war er zunächst bedacht.

Raschen Schrittes, einen Trauermantel um­geschlagen, trat Jemand hinter einem Monumente hervor.

Edward wich zurück, wie von einer Natter ge­stochen; sofort hatte er Lord Byron erkannt, trotzdem dieser viel imposanter, männlicher und schöner als früher erschien.

Nach einem raschen, forschenden Blick rief der frühere Nebenbuhler des Geistlichen:

Reverend Gordon, o meiden Sie mich nicht wie einen Verpesteten, da wir uns hier wie schon einmal im Leben an frischen Gräbern begegnen! Bezwingen Sie Ihren Widerwillen! Angesichts dieser Mauern, welche meine entschlafene Mutter in sich schließen, schwöre ich Ihnen zu, daß alle Ruhmes­posaunen meine lauten Selbstanklagen nicht zum Schweigen bringen, daß ich jedes böse Wort bereue, womit ich einst, jung, trotzig, herzensroh, Flora Gordon gekränkt habe!"

Edward lehnte mit abgewendetem Gesicht an einer Trauerurne, er wollte sich durch die zum Herzen gehende Stimme nicht versöhnen lassen. Byron, der Freigeist, der Stifter der satanischen Schule, durfte ihn nicht besiegen.

Verurtheilen Sie mich nicht, Reverend! Glauben Sie mir, jedwede Schuld habe ich dreifach, zehnfach durch wüthende Seelenpein abbüßen müssen"

Sie stehen, Mylord, auf dem Gipfelpunkte des Glücks," unterbrach ihn Edward dumpf,dieß stimmt Sie vielleicht versöhnlich, indessen"

Nicht in diesem Tone, Mr. Gordon! Ans dem Gipfelpunkte des Glücks, sagen Sie? Wissen Sie denn mit diesem Glück so genau Bescheid? Ich habe die Welt zufällig ein wenig verblüfft durch eine kecke Satire, der ein sentimentales, sehr subjektives Gedicht folgte, ich bin Mode geworden, das heißt: der allgemeinen Vernachlässigung und Gehässigkeit folgte eine Reaktion; man überhäuft mich jetzt mit Visitenkarten und Einladungen, und Prinzessin Char­lotte ließ sich ein Exemplar des ,Child/ prächtig einbinden und somit hätten wir die ganze Herrlichkeit erschöpft! Und dafür mußte ich Ringe in's Meer werfen, wie nie zuvor ein Sterblicher; es ist bei Gott nicht übertrieben, weun ich wie Macbeth sage: ,Jch bin gesättigt mit Schrecken/ und zwar so, daß

ich ganz unempfindlich geworden bin; scheint es nicht, daß ich in jungen Jahren das größte Leid des Alters erfahren soll? Meine Freunde sterben um mich her, und ich stehe, ein einsamer Baum, da, noch bevor der Herbst kommt!"

Dieß war nicht die Sprache eines Komödianten, sondern das volle, ehrliche Bekenntniß eines im Schmerze geläuterten Mannes. Edward mochte wollen oder nicht, er konnte sich der Theilnahme nicht länger verschließen.

Andere," fuhr Lord Byron fort,können im Schooß ihrer Familie Trost suchen, ich habe keine Erleichterung als meine Gedanken, und diese ge­statten keine Aussicht auf jetzt und künftig, da ich die besseren Freunde überlebe. Als ich heimkehrte von meiner Reise, war meine Mutter seit vierund­zwanzig Stunden eine Leiche; einen Tag nach ihrem Tode ertrank mein geliebtester Freund Charles Mathews beim Baden im Cam, dessen Wellen von jeher dem Genius abhold! Freund Wiugsield war bereits dem Fieber zu Coimbra im Mai dieses Jahres erlegen, und Eddlestone raffte wenige Wochen später die Schwindsucht dahin; allen diesen Theureu, Unersetzlichen ging Edward Long voran! In der That, mein Herr, ich bin sehr elend; nicht einmal meine Lieblingsthiere bleiben am Leben, sondern verenden unter Zuckungen.".

Edward stand noch immer kämpfend.

Ich kann von Ihnen, edler junger Manu, keine Liebe verlangen, kann Ihnen meine Freund­schaft nicht ausdrängen, wohl fühle ich dieß! Ach, ein Fluch hängt über den Meinen und erfüllt sich an mir: er heißt Vereinsamung; ich lebe isolirt, ich werde vereinsamt sterben!"

Nimmermehr!" ries Edward, seinem zugäng­lichen, versöhnlichen Temperament zurückgcgebeu, in­dem heiße Thränen seinen Augen entströmten.

Beide gaben sich die Hände und standen lange Zeit schweigend neben Flora's Grabe. Dunkelheit brach herein, nur das weiße Blütenkreuz leuchtete noch hell aus dunklem Grunde.

Ehrwürden," ließ eine frische, kräftige Stimme sich vernehmen,Mistreß Graut schickte zum zweiten Male den Wagen!"

Edward's junger Bursche kam mit einer Laterne den breiten Pfad zwischen den Gräbern daher.Und der Kutscher sagt, es stände schlecht um das junge Fräulein."

Armes Kind, beklagenswerthe May!" seufzte George Byron, sein Antlitz verhüllend,auch ihr wird man den symbolischen Myrtenkranz auf das GraüUegen! Eilen Sie, Mister Gordon, eilen Sie!"

Und sich dem frischen Erdhügel und dem Mausoleum zuwendend rief er wehklagend:Und wir Lebenden? Wir müssen weiterschwimmen im Zeitenstrom, bis das Schicksal auch uns überwältigt!"