Heft 
(1885) 48
Seite
1143
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Die tolle Setty von Hans Wachenhusen.

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Sie schaute zu, wie Bettina die Stirn in die Hände legte, dann das Haupt wieder erhob und mit Ekstase vor sich hinsprach:

Ja, ich komme, Camill! Wie die Königin Arabiens komme ich zu Dir! Ich bin frei, und auch Du sollst es sein! Ich bin reich, und was mein ist, soll Dein sein! . . . Wie die Königin Arabiens!" wiederholte sie in Verzückung, dann er­hob sie sich feierlich und starrte mit zürnendem Auge auf Lola.

Du hier!" rief sie unwillig, während diese sich mühsam aufrichtete.Warum suchtest Du nicht Dein Zimmer?"

Bettina, erinnerst Du Dich nicht... was gestern Abend geschehen? Begreifst Du, wie es möglich war, dies; Entsetzliche?"

Bettina schüttelte das Haupt; ihr Haar sank über die Schläfen, das vor Aufregung ermattete Antlitz be­deckend. Die Frage schien sie dennoch Zu erschüttern.

Es hat so sein sollen!" sprach sie halblaut und dumpf vor sich hin.Sie sind jetzt Beide todt und... mir graut vor diesen Wänden, als könne der Tod auch nach mir seine Hand ausstrecken!"

Der Arzt überhäufte mich mit den schrecklichsten Vorwürfen... ich sei schuld. . . Bettina, sag' mir Zn meiner Beruhigung, wie es geschehen konnte!... Und eine Diebin nannte er mich! Ich werde keine Ruhe mehr vor meinem Gewissen haben!"

Er sprach mir täglich vom Sterben; er wußte, wie nahe sein Tod, und bestimmte, daß ich Camill heirathen solle, sobald er nicht mehr . . . Ich werde ihn nicht sehen können, denn ich kann keinen Tobten sehen... Aber geh', geh' in Dein Zimmer, ich möchte allein sein, bis der Tag anbricht."

Aber was wird aus mir, wenn man kommt und..."

Bettina schritt zum Gueridon und nahm ein Elsenbeincarnet von demselben.

Hier nimm," sagte sie, ihr das kleine Porte­feuille hinreichend.Du wirst nicht in Noth sein, wenn ich..." Nach ihrer Ueberzeugung war durch Geld Alles zu heilen.

Nein, nein! Dein Geld bringt mir Unglück! Lola wies ihre Hand ängstlich Zurück. Bettina warf das Carnet auf den Tisch.

So geh', ich bitte Dich!" Die Aufregung be­fiel sie von Neuem.Ruhe Dich aus, bis es Tag, und kümmere Dich nicht um mich. Bis sie kommen und die Wohnung schließen, wirst auch Du hier ein Obdach haben. Mir graut vor derselben! Ich höre fortwährend Schritte drüben; mir ist, als schleiche der Tod wie ein Gespenst durch die Zimmer! Ich wollt', es wäre Tag; die Nacht ist so entsetzlich lang!... Aber so gehe doch! Ich kann ja nicht mehr für Dich thun, als eben geschehen! Wir sprechen uns noch, wenn es Tag ist!"

Lola schwankte mit niedergeschlagenen Augen hinaus; sie fürchtete Bettina's Heftigkeit. Die Letztere stand noch minutenlang da, unschlüssig und unruhig sinnend. Dann ergriff sie einen der Kandelaber und trat in ihr Ankleidezimmer. Hier warf sie das Nacht­gewand von sich und kleidete sich in die schwarze Trauer­robe, die sie nach dem Tode der Mutter angelegt.

Seit mehreren Tagen stand hier schon Alles zur Reise gepackt. Der Dahingeschiedene hatte sie täglich getröstet:Morgen reisen wir!" und der Diener hatte auch seine Koffer bereits gefüllt. Sie kehrte in ihr Schlafgemach Zurück, griff mit fieberhaft flüchtigen Händen in das Maroquintäschchen, welches in dem zierlichen Bouleschrank ebenfalls schon bereit war, trat dann an's Fenster, öffnete die Jalousieen und schaute in das Halbdunkel des langsam anfgrauenden Morgens hinaus.

Ein Schauer überlief sie; sie öffnete das Fenster und drängte sich dicht an dasselbe. Drüben auf der andern Seite des Hauses lag der Mann, der sie mit so unendlichen Wohlthaten überhäuft, im ewigen Schlummer; es mußten Leute bei ihm sein. Hinüber­gegangen waren sie Beide, in denen sie nur ein Hemmniß ihres Glücks gesehen, ihr die Bahn öffnend, auf die es sie hinausdrängte.

Die Stunden krochen in unerträglicher Langsam­keit, bis endlich der erste matte Sonnenschimmer den grauen Wolkenschleier durchbrach und das Geräusch von Stimmen, die den Portier weckten, durch das offene Fenster heraufdrang.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Mit besorgtem Herzen hatte sich Walbeck noch am Nachmittag, nachdem ihn sein Bruder verlassen, auf die Reise begeben, um seinen Vetter Dagobert in seiner nur zwei Stunden entfernten Garnison anf- zusuchen und ihn im Interesse seiner Mutter Zu einem Vergleich zu bewegen.

Der junge Dragonerlieutenant, ein leichtes, irohes Gemüth, hatte auch seinerseits und mit mehr Be­rechtigung auf eine endliche günstige Entscheidung des Prozesses gewartet, nicht eigentlich des Geldes wegen, sondern aus Groll gegen diese anderen Wal­becks, die so zäh ihre schon in Zwei Instanzen ver­lorenen Ansprüche auf das Gut verteidigten. Er grollte namentlich diesem einen der beiden Vettern, dem Jobst, der sich mit der schwerreichen Adoptiv­tochter des Baron Oppenstein verheirathet, ohne ihn, seinen Jugendfreund, auch nur einer Anzeige ge­würdigt zu haben.

Dagobert von Walbeck saß eben mit einem Kameraden beim Souper, als er Jobst eintreten sah, den er noch auf seiner Hochzeitsreise vermuthete. Er empfing ihn etwas kühl und verlegen, denn Beide waren ja Gegner durch den Prozeß geworden.

So schnell schon zurück und im Stande, sich von der schönen Frau zu trennen, von der ich so viel schwärmen hörte?" fragte er.Ich hätte jeden andern Besuch eher erwartet! Uebrigens gestatte mir, Dich mit einem Verwandten von Dir bekannt zu machen: Baron Albert von Oppenstein!" stellte er den Kameraden vor, der sich mit kalter Zurückhaltung vor Walbeck verbeugte.Herr von Oppenstein ist der Sohn eines Vetters Deines Schwiegerpflegevaters, von der andern Linie," setzte er lächelnd hinzu.Aber Du bist so genirt, hast Du mit mir Besonderes zu sprechen?"

Allerdings!" Jobst hätte ihn lieber allein ge­sehen.Aber wir können ja später... Du erräthst