Heft 
(1885) 49
Seite
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Die tolle Setty von Hans Wachenhusen.

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großen, erschrockenen Augen auf seine Begleiterin starrte.

Mit einem vorwurfsvollen Blick auf Gianetti hatte sich Lola furchtsam gegen die Außenthür zurück­gezogen; während aber der Erstere verwirrt in den Salon blickte, rauschte Bettina aus Lola zu.

Du hier! Was führt Dich..."

Lola erschrak vor Bettina's stürmischem Wesen: unheimlich war ihr das so aufgeregt blasse Gesicht derselben. Sich bewußt, daß sie nicht aus eigenem Antriebe hier sei, sah sie sich doch ohne Schutz durch ihren Führer, der sich in den Salon gedrängt. Ihre Verlegenheit wuchs. ,

Herr Gianetti ersuchte mich..." antwortete sie halblaut.Ich hatte keine Ahnung..."

Was führt Dich nach Wien?" Bettina hatte ihren Arm ergriffen; sie war so heftig.

Nicht jetzt!" bat Lola.Du wirst es ja erfahren! Laß mich fort! Warum führte man mich hieher?"

Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen und in Ihr Zimmer zu gehen! Es ist etwas Ungewöhn­liches ... Ich wußte nicht und weiß auch jetzt noch nicht. . ." vernahm sie die Stimme Gianetti's, der hastig wieder zu ihr getreten.

Sie verzeihen, meine Gnädigste..." Sich in nervöser Hast gegen Bettina wendend, erlöste er Lola, indem er die Thür hinter ihr öffnete, sie vor dieselbe geleitete und dann nach flüchtigem, zer­streutem Gruß wieder in's Zimmer zurücktrat.

Lola athmete draußen auf. Dieß Begegnen mit Bettina hatte sie verwirrt, haltlos gemacht; es war der Aufregung zu viel. Sie fand schwankend ihr Zimmer und warf sich erschöpft in einen Sessel.

Bettina ... bei ihm . .. Und was kann ge­schehen sein? Aber was denke ich an sie! Mir ist wie ein Traum, was heute mit mir geschehen!" Sie legte die Hände vor die Augen, um über den Inhalt des Tages nachzudenken. War sie sie selbst es gewesen, die heute, mit so viel Angst er­wacht, mit Zagen vor die Richter geführt worden, dann der Gegenstand von so viel erdrückender Artig­keit gewesen? War sie es gewesen, der diese Herren mit den ernsten, wichtigen Mienen so artig die Hand geküßt, der sie so viel berauschende Worte gesagt? Hatte sie geträumt, daß Gianetti ihr ein Telegramm an ihre Mutter vorgelesen:Glänzender Erfolg des Fräulein Lola bei ihrer heutigen Gesangsprüfung, die Zu den höchsten Erwartungen berechtigt?" Hatte er zu ihr gesagt:Ich begleite Sie selbst nach Mailand?" Aberdas blitzende Armband bestätigte ja Alles! Und wie sie auf- und umherblickte, sah sie einen neuen, eleganten Reiseanzug an den Stühlen hängen und auf dem Tisch im Fond des Zimmers eine ganze Frauenausstattung an Wäsche und Toilette... Mit großen Augen trat sie heran. Das kam von ihm, von Gianetti; er hatte so umsichtig für Alles gesorgt, da er wohl bemerkt, wie bescheiden ihre Ausrüstung.

Ueberglücklich sprang sie im Zimmer umher; bald lachend, bald weinend gab sie sich ihrer Freude hin und verschloß endlich das Zimmer, um in der­selben von Niemand gestört zu werden.

Das Alles ist für die Reise!" rief sie, die Aus-

Deutsche Noman-Bibliothek. XII. 25.

stattung betrachtend.Es geht nach Italien! Wer mir vor wenigen Tagen noch gesagt hätte, daß ich nach Italien reise! Und wie froh, wie stolz die Mutter sein wird! Und Egon! O, er wird mir im Geiste Abbitte thun für sein Unrecht! Ich will schreiben bis in die Nacht hinein, will ihnen Alles erzählen, was heute geschehen, denn an Schlaf ist für mich nicht zu denken!

Was nur da drüben geschehen sein mag?" überlegte sie, als sie sich sammelte, um der Mutter zu schreiben.Gianetti war so erschrocken, und Bettina... Ich fürchte mich wirklich vor ihr, oder eigentlich: ich fürchte mich für sie! Was thut sie bei den Männern, die ich in Balfado's Zimmer sah, und was ... Es muß irgend etwas geschehen sein, was sie dahin führte und in solche Aufregung ver­setzte ... Aber ich will ja schreiben, ich habe so viel an mich selbst zu denken!"

Inzwischen hatte Gianetti sein Zimmer erreicht. Mit heftigen Schritten, die Hände auf dem Rücken ineinander geklammert, schritt der kleine Mann auf und ab.

Welch' ein Tölpel gehörte dazu, diesen göttlichen Arm Zu verunglimpfen, der vielleicht nie den Bogen wieder führen kann!" rief er außer sich .. .Und wie konnte er so thöricht sein, der, wenn er auch Marquis ist, in Pinelli's Schule doch sicher nichts Anderes als den Bogen führen gelernt! Es ist eine Blasphemie, dieses göttliche Talent zu zerstören!

Da liegen jetzt alle die Wische!" rief er, an den Tisch tretend und mit der Hand über die Briefe und Depeschen fahrend.Sie warten auf ihn, sie drängen ihn, zu kommen! Tausende und Aber­tausende... Hunderttausende von Rubeln standen in Aussicht, und diese Tournee in Amerika.. .

Ich verstehe nichts davon, aber die Kugel muß mit diabolischer Bosheit gerichtet worden sein! Hat denn ein Künstler mit dieser Gottbegnadung die Pflicht, ein Raufbold zu fein und sich um eines Weibes willen kein Zweifel, daß sie mit im Spiel! vor die Pistole eines andern Raufbolds fordern zu lassen? Freude und Verdruß an einem Tage!" Ein anderer Gedanke wirkte beruhigend auf ihn. Dieses schöne Mädchen heute hat meine Erwartungen übertroffen! Die strengsten, zuverlässigsten Beurtheiler hatte ich ausgewählt! Die Stimme hat eine Kraft, eine Ausgiebigkeit, einen Umfang, durch die sie alle ihre Konkurrentinnen schlagen wird! Aber zwei Jahre wer­den vergehen müssen, ehe sie fertig; inzwischen hätte ich mit Balsado die Welt durchziehen können. Mein ganzes Kalkül ist in die Brüche gerathen und ich selbst bin mit schuld daran; ich hätte ihn während dieser verwünschten paar Tage nicht aus den Augen lassen sollen. Aber wer konnte denn auf eine solche Dummheit gefaßt sein!"

Als Gianetti's Blick wieder auf all' die Briefe und Depeschen fiel, gerieth er in neuen Zorn über Balsado, der ihn um Alles bringe. Er nannte ihn einen Undankbaren, dem plötzlich der Marquis in den Kopf gestiegen sein müsse, während doch in Italien die Marquis und Grafen wie die Rastelbinder um­herliefen. Seine erste Rücksicht habe für ihn sein

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