1204
Deutsche Roman-Bibliothek.
selbstlose, aufopfernde Tochter; ich, der schlechte Sohn, konnte mich nicht vermessen, Ihre Pläne zu kreuzen, wenigstens in der ersten Bestürzung nicht. Auch wußt' ich wahrlich nicht, wie Werth Sie mir waren. Erst heut Abend, während ich die Denkwürdigkeiten meines Vaters las, merkt' ich's. Eindringlich wiesen sie mich an das Vaterland; sie mahnten mich, das abgerissene Band an alter Stelle auf's Neue anzu- knüpsen. Solchen Rath hätt' ich noch vor wenig Wochen ohne Zaudern von mir gewiesen; jetzt waren Sie mir dabei gegenwärtig; Sie sahen mich freundlich an und riefen: ,Bleibe!' Da Hab' ich Ihnen nachgegebcn. Ich überlegte. Wir können Ihren Vater, wir können das Kind hier irgendwo unterbringen, Klara; Sie würden fortwährend Beide nahe haben; keine Pflicht würden Sie zu vernachlässigen brauchen — nun, welche Bedenken könnten Sie noch haben?"
Gequält erwiederte das Mädchen: „Vergeblich mühen Sie sich, Alles nach Ihrem Sinne zu wenden
— es geht nicht, was Sie Vorschlägen — es ist etwas Unnatürliches darin — ich kann nicht sagen, was es ist, aber ich fühle ein heftiges Sträuben in mir —"
„Aber ich begreife nicht —"
„Warum muß ich's denn gerade sein, die Helsen soll, Sie hier heimisch zu machen? Was kann ich dazu beitragen? Sie erwarten mehr von mir, als ich geben kann. Arthur, es wäre ein falscher Schritt für Sie, für mich; Enttäuschung würde die Folge sein. Bleiben Sie, ja Wohl, bleiben Sie im Vaterlande! Aus voller Ueberzengung rathe ich's Ihnen
— unselig würden Sie werden, wenn Sie jetzt mit vertieftem Geiste, mit deutlicher Ahnung höheren Lebens zurückkehren wollten in das Land der Prosa und Nützlichkeit. Meißen Sie, Arthur! Aber mich, mich lassen Sie meines Weges ziehen!"
Unmuthig runzelte Arthur die Stirne. „Nein und abermals Nein höre ich von Ihnen, und immer wieder Nein! Nichts als Ausflüchte, räthselhaste Einreden, nebelhafte Rathschlüge! Wozu noch länger Worte wechseln? Mein Entschluß war gefaßt, als ich zu Ihnen hinanssticg; er ist noch unerschüttert und wird es bleiben trotz Ihrer Beredsamkeit, Klara, und Ihrer flehenden Augen. Wenn Sie nicht einwilligen, mein Weib zu werden, so gehe ich dorthin zurück, woher ich gekommen bin, und was dann aus mir wird, ob ein Indianer oder ein Pelzjäger, ist mir gleichgültig!"
Wie gebrochen saß Klara dem heftigen Manne gegenüber. Endlich sagte sie fast tonlos: „Arthur, ich kann nicht, so wahr mir Gott helfe!"
Ungestüm erhob er sich und trat vor sie hin. „Gut denn," rief er aus, „so bleibt mir nichts übrig, als so bald als möglich den Ozean zwischen mich und die Stätte zu bringen, wo ein später Traum von Glück mich genarrt hat! Möchten Sie nie Ihr Verhalten in dieser Stunde bereuen!"
Klara hob die Hände vom Schooße, als ob sie um Erbarmen flehen wolle; aber sie ließ sie wieder sinken. Kein Wort brachte sie über die Lippen. Da wandte er sich von ihr und ging langsam zur Thür. Solche Trennung vermochte sie nicht zu ertragen; leise kam sie hinter ihm her; er hörte sie nicht.
„Arthur!" flüsterte es dicht hinter ihm. Rasch kehrte er sich der Stimme zu; das geliere Mädchen stand vor ihm mit in Thränen schwimmenden Augen und streckte ihm die Hand entgegen.
„Gute Nacht, Arthur! Laß uns in Freundschaft scheiden!"
Der finstere Ausdruck wich aus Arthur's Zügen. Er ergriff die dargebotene Hand und hielt sie fest. „Sage mir das Eine, unergründliches Mädchen," bat er, „wenn Du frei wärst wie der Vogel in der Luft, würdest Du auch dann verschmähen, Dich in meinem Schlage niederzulassen?"
Nur mit einem raschen Blick antwortete sie; aber dieser Blick machte den starken Mann erzittern. Sachte zog er sie an sich. „So liebst Du mich, Klara?"
Da umschlang sie ihn und barg den Kops auf seiner Schulter.
„Nun habe ich eine Hoffnung, die mich selig macht," flüsterte er hinab, und wie verhaltener Jubel klang es im Ton seiner Stimme. Er küßte sie auf das blonde Haar. „Erfülle Deine Pflicht, wie Du sie verstehst; ich sehe Dich ohne Bangen von mir gehen; Dein Herz wird mich schon finden, wenn die richtige Zeit da ist. Verhängt wird über mich, auszuharren und zu warten. Ich füge mich. Du willst mich noch etwas erziehen lassen, ehe Du Dich mir anvertrauen magst — sprich nicht, protestire nicht — Du weißt selbst nicht, welch' tiefe Einsicht Dir verliehen ist — gute Nacht — nein, laß mich allein gehen."
Regungslos blieb Klara stehen, wo er sie verlassen hatte, bis seine Tritte fern im Hause verhallten; dann warf sie sich in den Sessel und weinte bitterlich.
Zehntes Kapitel.
Der Meg ;ur Höhe.
Frühzeitig am nächsten Morgen erschien Arthur auf dem Comptoir und richtete sich an dem Schreibpulte seines Vaters zum Arbeiten ein. Zerstreuung von außen hatte er an diesem Platz nicht zu fürchten, wenn sie ihm nicht aus seinen Erinnerungen kam. Denn er sah durch das Fenster links neben ihm auf Hof und Garten, die Tummelplätze seiner Jugend. Auf den Steinplatten des Hofes hatte er seinen Kreisel getrieben; der alte Birnbaum in der Ecke war unzählige Male von ihm erklettert worden. Dort stand die kolossale Regentonne, in schreiend grüner Farbe prangend, wie früher auch; daneben der Kohlenkasten mit schwerem Deckel, unter dem er sich einst verborgen, als er, mit der Armbrust Tell spielend, im Nebenhause eine Scheibe zerschossen hatte. Den Hof abschließend, zog sich ein verschnörkeltes eisernes Gitter von Mauer Zu Mauer; die einst so gefürchteten Spitzen desselben waren verbogen, teilweise vom Rost abgesressen. Zwischen zwei mächtigen Steinpfeilern lag der Eingang zum Garten. Kann: hatte man ihn betreten, so war er auch schon zu Ende. Ein trauriger Garten mit seinen wenigen eckigen Rabatten, von verwildertem, besenartigem Buchsbaum eingefaßt, mit seinen kränklichen Spalier- bänmen an verwittertem Lattenwerk! Dennoch hatte ein närrischer Vorfahr einen Pavillon hineingebant,