Heft 
(1885) 51
Seite
1209
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Viele des Lebens von W. Berger.

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Anbeginn allen organischen Lebens an, wie er gerne that, so lenkte der Maler die Aufmerksamkeit dem reizvoll Gegenwärtigen zu. Unterhielt der Professor der Geschichte die Gefährten gar zu anhaltend von zeitlich entfernten Begebenheiten, an deren Schauplatz der Weg vorübersührte, so verhalf der Dichter durch feinsinnige Bemerkungen oder wohlgewählte Citate auch dem Gemüth zu seinem Recht. Arthur aber, obgleich an Allem innigen Antheil nehmend, spielte, jugendlich angeregt, den losen Vogel und ergötzte die Anderen durch Anmerkungen, wie sie nur der haus­backene Philistersinn hervorzubringen vermag.

Durch Thüringen, durch den Harz wanderten die seltsamen Reisenden, und was ihre zehn Augen aus Nähe und Ferne, Vergangenheit und Zukunft, aus Wald und Gestein, von Menschen und Thieren Alles ablasen, war unglaublich. Mit einem fahrenden Schüler verglich sich Arthur, der die Universität bei sich führe. Alles gewann Leben und Bedeutung für ihn; immer reicher wurde sein Geist, immer schärfer sein Auge. Ueberall, wohin er blickte, sah er die goldenen Eimer steigen und niedergleiten. Ein Schauer überlies ihn, als er auf dem Brockenthurme stand und umherschaute. Grenze war der Kreis des Horizonts nur seinem leiblichen Auge; darüber hin­aus sah er mit dem Auge des Geistes den Erdball sich runden mit seinen Meeren und Kontinenten, Wohnstätte beständig wechselnder, im unfaßbaren Kerne ihres Wesens ähnlicher Gebilde, darunter das Geschlecht der Menschen, einer Blüte zustrebend, deren Art und Form ein Geheimniß klein fühlte sich Arthur, ängstlich klein, und doch wieder groß in dem lebendigen Drange seines schwellenden Herzens. Er sprach sich den Gefährten aus.Wenn man sich mit diesem Gefühl doch imprägniren könnte!" meinte er.Vor dem Auflodern wäre man sein Lebenlang geschützt."

Sondermann lächelte.Auch die Leidenschaft ist eine Elementarkraft," sagteer,die in den Geschäften des Lebens nicht entbehrt werden kann."

Der Professor der Geschichte nahm das Wort. In der That steckt das bauende Prinzip," dozirte er,nicht im Beschauen."

Auch der Maler opponirte.Wenn sich die Geister alle in's Große verlieren, wer wird dann noch Geschmack an unseren Bildern haben?" fragte er. Aber ich bin nicht besorgt; die Freude am Sinn­lichen wird sich die Menschheit durch keinen philo­sophischen Grillenfänger jemals verkümmern lassen."

Und durch keine leibliche Sorge das eingeborene Bestreben, Unsichtbares in das Sichtbare hineinzu­tragen," ergänzte der Dichter.Ohne Ideale kein Leben. Unvergänglich ist nur, was niemals bestan­den hat: die Welt des Schönen und Guten, die, in Gott ruhend, über derjenigen schwebt, von der uns die Sinne Kunde geben."

Schon auf dem Brocken trennte sich die Reise­gesellschaft. Der Professor eilte zu seiner Familie, die in Grund Sommeraufenthalt genommen hatte;

den Maler trieb es zurück zu einigen Punkten, die er zu seinem Bedauern hatte passiren müssen, ohne Skizzen anfertigen zu können; dem Dichter hatte sich während des Manderns ein Stoff aufgedrängt, den er ungeduldig war, in stiller Zurückgezogenheit in poetische Form zu kleiden. Sondermann endlich hielt zwar an dem ursprünglichen Plane fest, die Reise durch einen achttägigen Aufenthalt ans der Nordsee­insel Borkum abzuschließen; aber er ließ Arthur merken, daß er diese Zeit zu Zoologischen Unter­suchungen zu verwenden gedenke.

Nun wohl," rief Arthur,der Kosmos löst sich in seine Bestandtheile auf; Jeder rennt aus dem Allgemeinen zurück in's Spezielle. So will denn auch ich heimfahren zu meiner Arbeit!"

Und er bedauerte hinterher nicht, daß die Centri- fugalkraft, die jeder Vereinigung von Menschen inne­wohnt, vorzeitig die Ueberhand bekommen hatte, denn er fand zu Hause ein kurzes, aber inhaltschweres Briefchen von Klara vor. Es war gestern gekommen und lautete:Wenn diese Zeilen Dich erreichen wer­den, weiß ich nicht; hoffentlich bald. Ich bedarf Deiner Hülse; komm', so bald Du kannst!"

Arthur telegraphirte zurück:Morgen Nachmittag bin ich bei Dir." Dann begab er sich still an seine Geschäfte und die Zuversicht wuchs in ihn: von Stunde zu Stunde, daß die Wendung in seinem Leben un­mittelbar bevorstehe, zu welcher ihn innerlich alles jüngst Erlebte vorbereitet hatte. Spät am Abend ging er noch in Klara's früheres Zimmer, um nach­zusehen, ob Mamsell Doris auch seiner Anweisung gemäß dasselbe so in Ordnung gehalten habe, wie es von der Entflohenen verlassen worden war. Er fand keinen Grund zur Klage; Klara konnte jeden Augenblick wieder einziehen. Als er indessen, in ihrem Sessel sich niederlassend, die Verhältnisse be­dachte, in denen Klara sich befand, schien ihm die Möglichkeit solchen Einzuges doch wieder zweifelhaft. Er würde mit ihr in's Hans aufnehmen müssen, was an ihr hing. Früher hatte er diesen Gedanken mit starkem Widerwillen abgcwiesen; jetzt traute er sich zu, auch mit Gustav Holder und seinem kleinen, wilden Sprößling fertig zu werden, wenn er nur Klara Zur Hausfrau gewann. Und er mußte sich wundern, daß er nicht vor Monaten, als er das Mädchen von sich ließ, auf diese einfache Lösung aller Schwierigkeiten gekommen war. Freilich, damals kam's ihm nicht in den Sinn, um ihretwillen sich persönliche Opfer aufzuerlegeu; lieber nannte er Verhäugniß und Schicksal, was doch nur sein Stolz war. Klara aber hatte diesen Defekt in seiner Liebe wohl er­kannt; sie mußte von ihm gehen, weil er engherzig, weil er selbstsüchtig war.

Schmerzliche Erkeuutniß! Aber wer begangene Fehler einsieht, ist inzwischen ein Anderer, Besserer geworden. Und wenn die goldene Frucht sich noch einmal zu ihm neigt, so wird er sie nicht wieder entweichen lassen, weil sie sich nicht bedingungslos ergreifen lassen will! (Schluß folgt.)

Deutsche Romau-Vibliothck. XII. 26.

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