1210
Deutsche Noinan-Oibtiothek.
Die toiie
ettr?
^ ,,
Roman
von
Hans Wachenhusen.
(Fortsetzung.)
ettinghaus hatte die Brücke hinter sich abgebrochen. Mit einem Kreditbrief für den Rest feines Vermögens traf er wieder in Florenz ein, und ein einziger Blick in ihre Augen, als sie ihn so herzlich, mit so warmem Vorwurf empfing, weckte in ihm das Gefühl der Beschämung vor ihr. Er lag vor ihr auf den Knieen und bat um Verzeihung.
Und wieder begann sie mit ihm dasselbe Spiel. Einen Rückfall befürchtend, vergönnte sie ihm wenigstens einen einzigen klaren Blick in ihre unruhige Seele, aber auch diesen nur wie in ein Clairobscur. Sie könne nicht mehr lieben, sie hasse Alles, was ihr begegne; sie hasse sich selbst; der Freund sollte ihr Helsen zu vergessen.
Oettinghaus packte sich endlich bei der Stirn, diese zermarternd durch die Frage, was er nur beginnen solle, um diesem Zustande ein Ende zu machen. Inzwischen wandte sie mit Verachtung ihm den Rücken, wenn er sie beschwor, sich diese Ruhe zu erringen, sie ward, als der Sommer zu Ende ging, täglich heftiger, unduldsamer, verließ die Villa, in deren kühlen, schattigen Park sie sich vor der Sonnenglut zu retten gesucht, und zog nach Neapel. Es schien ihr unmöglich, Italien zu verlassen; sie war gekettet an dieses Land.
Und jetzt sah er, wie sie mit fiebernder Unruhe im Hotel nach allen englischen und amerikanischen Zeitungen suchte, wie sie dieselben oft bleich wie ein Geist mit zitternden Händen in ihrem Kleide verbarg und dann die Einsamkeit suchte.
Eines Abends begehrte sie von ihm in ein Konzert geführt zu werden. Unruhig sah er sie dem Verlaus desselben folgen, bis endlich ein alter Künstler mit langem chokoladefarbigem Haar auftrat, der seine Adleraugen mit so seltsamem Ausdruck aus sie richtete, daß sie zu zittern begann, sich erhob und den Salon verließ.
Oettinghaus kannte den Meister Pinelli nicht, der Bettina wiedererkannt und sie mit seinen Augen verschlungen; aber der alte Mann hatte eine Bravournummer Balsado's gespielt; er erinnerte sich derselben, und das mochte sie in diesen Aufruhr versetzt haben.
Er folgte ihr, und erst als sie ihm gestattete, zu ihr in den Fiaker zu steigen, ergriff sie seine Hand; sie preßte dieselbe ganz wie damals mit demselben heißen, ihn durchzuckenden Druck und wandte sich marmorbleich von ihm ab, seine Hand wieder von
stoßend, als wolle sie sagen: „Willst Du mich denn nicht verstehend Ich hasse ja Alles, was mich an ihn erinnern kann, und suche es dennoch! Laß es mich nicht mehr finden, so werde ich Ruhe haben!"
An dem Abend fühlte sie das Bedürsniß, ihn noch spät in ihrem Zimmer zu sehen. Sie ließ ihn rufen und empfing ihn in weißem Neglige, verloren offenbar im Kampfe mit sich selber.
Ihr Haar war nur lose im Nacken aufgeheftet, ihre halbgeschlossenen Augen hatten einen dämonischen Glanz, wie sie zurückgelehnt auf den Eintretenden schaute; ihre Brust athmete matt; weiß und blutlos war der Arm, den sie ihm aus den Spitzen ihres Neglige entgegenreichte, und kalt war die Hand, die er an seine Lippen führte.
„Sie sehen mich krank, lieber Freund," sagte sie, das Haupt auf die Hand stützend. „Ich werde auch diese Nacht wieder keinen Schlummer finden; es ist das Gift, mit dem man mein armes Herz tödtet, und das schmerzt noch fort, es wird immer schmerzen bis..."
Sie lehnte das Haupt zurück über den Arm, ihr Haar sank mit seiner Wucht über die Lehne. Oettinghaus nahm die herabhängende Hand, bedeckte sie mit Küssen und beugte sich über sie.
Bettina erschien in der That wie halb bewußtlos; er sah, wie ihre geöffneten Lippen nur leise Athen: holten, wie ihre Augen sich geschlossen. Und er, der vorhin fieberhaft erregt, mit erhitztem Blut das Zimmer gemessen und sich einmal über das andere geschworen, es müsse Klarheit Zwischen ihr und ihm werden, sie müsse ihm sagen, was sie von ihm begehre, um ihn endlich zu erhören, — er legte den Arm unter ihr Haupt, hob es zu sich aus, sprach ihr die beschwörendsten Worte und preßte endlich, da sie regungslos blieb, seine Lippen auf die ihrigen.
Empfindungslos ließ sie ihn gewähren, und so verstrichen Minuten, bis sie die Augen aufschlug, matt das Haupt aus seinen Armen hob und zu ihm aufblickte.
„Es ist vorüber!" hauchte sie mit trübem Lächeln. „Nicht wahr, Sie haben recht viel Unruhe mit mir? Ich will diese Stadt doch verlassen! Warum ging ich hieher .. . Morgen schon! Alles bietet mir hier quälende, tödtende Mahnung!"
Und wie in einen Zustand des Traumsehens versinkend, die Augen weit öffnend, fuhr sie fort:
„Warum es Ihnen verbergen, Oettinghaus! Sie sind ja mein Freund! Ich sehe ihn drüben über dem weiten Wasser bewundert und gefeiert, ihn, der über mein armes Herz dahingeschritten, ohne auch nur