Heft 
(1885) 51
Seite
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Vre tolle Sctty von Hans Wachenhusen.

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einen Blick des Mitleids zurück zu werfen auf Die­jenige, die gläubig, thöricht genug gewesen, sich seiner Wahrhaftigkeit anzuvertrauen und tagelang, nur allein mit ihm, das Gift von seinen Lippen in das Herz zu saugen! Ich war glücklich, als ich während dieser Tage mit ihm über Berg und Thal zog, aber ich war wie ein harmloses Kind, das auf der Wiese die Herbstzeitlose bricht! Am nächsten Tage sah ich ihn blutend auf seinem Lager. Es war eine Strafe des Himmels, ich fühl' es erst jetzt, denn er trug den Verrath schon im Herzen, als er mich mit hinaus zog; aber wer erlöst mich von dem Gift, das mir in Herz und Gehirn tobt und mich wahnsinnig macht! Kann ein Weib denn noch lieben, das nicht ver­gessen kann, was ihr gethan worden, das keine Ver­geltung findet . . . Nein, niemals . . . niemals. . . Sie wissen Alles..."

In höchster Exaltation sprang sie auf, griff über beiden Schläfen in das Haar und klammerte ihre Hände in demselben lest; sie streckte ihre Brust vor, hob das Antlitz gen Himmel und stieß einen Schmerzens- laut aus den nach Lust suchenden Lippen; dann sank sie auf die Kniee und ließ das Antlitz ans den Rand des Divan sinken.

Oettinghaus war vor so wildem Ausbruch ihres Naturells betroffen zurückgetreten, aber mit Be­wunderung haftete sein Blick an ihr. Sie war so schön, so viel schöner in ihrer Aufregung; ein Weib, wie sie, konnte nur in so heroischem Style lieben oder hassen.

Was sie that, konnte seiner Meinung nach nicht nach dem gewöhnlichen Maßstab gemessen werden. Seine Leidenschaft für sie gewahrte ja nicht, aus wie kleinen und trüben Quellen die Mächtigkeit ihrer Empfindungen oft angeschwollen, wie nur das eigene Interesse ihr diktirte, was ihm oft erhaben und seelen­groß erschien.

Und wie er sie jetzt da knieen sah, gebrochen in dem Uebermaß ihres Empfindens, wagte er es, sich wieder zu ihr hinabzubeugen. Er schaute auf das wild herabhängende, im Lichte knisternde, dunkelgoldige Haar, strich es mit beiden Händen von ihrer Stirn zurück, kniete neben ihr, leise den Arm um ihren Leib legend und flüsterte ihr in's Ohr.

Sekunden kniete noch Bettina, dann hob sie auf­horchend, sich die Stimme vergegenwärtigend, das Antlitz und stützte es in die Hand; ihr Auge schaute still verklärt. Sie erhob sich langsam und majestätisch; dann sich zu ihm wendend, kündete ihm ein einziger Blick, sie habe ihn verstanden. Ihre Hand drückte zufrieden die seine.

Ich bin müde," flüsterte sie vor sich hin.Ich will zur Ruhe gehen!" Sie verließ ihn und trat in ihr Schlasgemach.

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Seitdem verstrichen wieder unruhige Wochen. Allein, wie sie war, unanfechtbar durch alle die Huldigungen, die ihr, der schönen, junonischen Frau, die Männerwelt in achtungsvoller Ferne brachte, ward ihr die Musik, die ihr bis dahin nur das zeitweise Austoben eines ihr gegebenen ungewöhnlichen Talentes gewesen, Zerstreuung. Stundenlang beschäftigte sie sich am Piano; bald stürmische, bald tief melan­

cholische Phantasieen entlockte sie dem Instrument, bis sie überdrüssig aufsprang und hinaus in's Freie be­gehrte, um ohne jede Begleitung in der Umgegend umher zu streifen.

Oettinghaus wich ihr nicht aus der Sehweite. Als sie Neapel verließ, um nach Palermo zu gehen, folgte auch er; er folgte ihr von da nach Rom zurück, durchzog mit ihr das Albanergebirge und ging mit ihr wieder nach Florenz.

Seit jenem Abend legte er in seine Stellung ihr gegenüber mehr Anspruch; er erschien bei ihr mit einigem Rechtsbewußtsein, dem sie nichts entgegen­setzte; Beide schienen nach einem stummen Akkorde zu handeln.

In dieser Stimmung war Oettinghaus Bettina auch nach Mailand gefolgt. Aber jener überwundene moralische Druck wälzte sich hier wieder auf ihn, als er dem jungen Majoratsherrn auf dem Korso begegnen mußte. Er wich ihm auch hier aus, ob­gleich er ihm so gerne die Hand gedrückt hätte. Es sollte ein Ende haben mit dieser unseligen, beschämenden Situation, und bald, so beschloß er, denn Balsado, so hatte er in Florenz in einer amerikanischen Zeitung gelesen, hatte seinen Triumphzug durch die Vereinigten Staaten beendet und sollte sich nach Europa ein­schiffen. Bettina selbst hatte ihm jenes Blatt schweigend gereicht und ihm darnach ihre Abreise nach Mailand verkündet. Hier also sollte seine Prüfungszeit ihr Ende haben warum gerade hier? Sie mußte es wissen.

Vierundvierzigstes Kapitel.

Der Tag, an welchem Lola so unerwartet Albert von Oppenstein und Bettina wiedergesehen, sollte ihr noch eine dritte Ueberraschung bringen.

Als sie in dem ihr von Bettina gesandten Fiaker vor dem großen Hotel eintraf, streckte ihr ein eben aus dem Portal tretender kleiner Herr freudig die Hände entgegen.

Fräulein Lola!" rief er.Welch' ein Glück, daß ich Sie so frisch und blühend Wiedersehen darf! Ich bin vor einer Stunde erst eingetroffen und wollte heute wenigstens Ihnen und Ihrer Meisterin noch meinen Besuch machen, um mir von Ihnen erzählen zu lassen."

Gianetti war's, bei dessen Anblick Lola hoch und freudig erröthete, dem sie bei diesem Wiedersehen ihren Dank für all' das zu sagen versuchte, was er für sie inzwischen so freigebig gethan.

Eine Freundin wollen Sie besuchen?" fragte er, als sie ihm ihr Erscheinen vor dem Hotel er­klärt.Aber Sie werden ja einige Minuten noch übrig haben, um mir von Ihnen zu erzählen, über Ihre künstlerischen Fortschritte, meine ich, denn alles Uebrige sagt mir Ihr liebes Gesicht!"

Er drückte ihr die Hände, nahm ihren Arm nnd führte sie in das Konversationszimmer des Hotels. Und hier mußte Lola erzählen, und sie that es mit frohem Herzen.

O, ich werde während der nächsten Monate hören, was Sie leisten können!" rief er, wieder ihre Hände nehmend und ihr in's Antlitz blickend, indem er heimlich taxirte, welche Summen dieß hübsche Mädchen