Heft 
(1885) 51
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Deutsche Noman-Sibliothck.

einbringen müsse, wenn es wirklich künstlerisch seine Erwartungen erfüllte.Ich gehe von hier an den Fuß der Alpen, um eine Lieblingsidee auszuführen, die schöne Villa am Lago Maggiore zu kaufen, die schon seit Jahren meine Sehnsucht ist. Sie werden mich dort besuchen mit Ihren Lehrerinnen; wir wer­den recht frohe Tage haben, und will's Gott, so führe ich Sie schon im nächsten Jahre dem Publi­kum vor."

Lola erschrak vor dem Gedanken.

Nur keine Angst!" tröstete er.Ich kenne das; überlassen Sie nur Alles mir; ich stelle Sie nicht früher hinaus, als Sie fertig sind. Wie schade, daß wir nicht zusammen soupiren können; ich würde die Damen Ihres Hauses dazu einladen ... Ist denn Ihr Besuch so wichtig?"

Lola erzählte ihm treuherzig und ahnungslos von der Baronin von Oppenstein, einer Freundin, die sie erwarte.

So, so! Freilich, Sie kennen diese Dame.. . dieselbe, die im vorigen Herbst in Wien..."

Dieselbe!" Lola erinnerte sich jetzt erst jenes Auftritts in dem Vorzimmer des Geigers und er­schrak über sich selbst, ohne zu wissen, was damals Zwischen Bettina und Gianetti vorgegangen.

Sie brauchen ihr nichts von mir zu sagen," meinte dieser nachdenklich.Meine Person würde sie nur an Balsado erinnern. Es war ein glän­zendes Geschäft, das in Amerika!" rief er mit glitzernden Augen.

Darf ich wissen, ob auch er mit Ihnen zurück­gekehrt? Ich kenne ihn ja persönlich kaum."

Ich habe keine Idee, wo er augenblicklich sein mag. Ich reiste von Havre über Deutschland hie- her. Aber Sie werden dieser Tage etwas ganz Ueberraschendes von ihm hören," setzte er lachend hinzu.Es war für mich unerläßlich, zu wissen, was ich Ihrer Carriere zum nächsten Herbst schuldig fein werde, und das wird sich morgen zeigen. Ich darf Sie doch zum Diner erwarten und werde das Nöthige in Ihrem Hause besprechen . . . Also nichts von mir der Frau Baronin!" bat er, sie selbst bis an die Treppe führend.

In einem Salon der Beletage erwartete Bettina sie schon mit Ungeduld. Ausgeregt kam sie ihr ent­gegen.

Ich sah Dich vom Fenster aus unten mit einem Herrn... Es war..."

Gianetti!" bestätigte Lola unbefangen.Er kam, um mich zu sehen."

Bettina biß die Lippen zusammen und wandte sich ab. Es lag ihr eine Frage auf der Zunge, die nicht über dieselbe wollte.

Er sprach Dir nichts von ... von ihm . . ."

Nichts!"

Du wirst aber von ihm erfahren können!" rief Bettina in ihrer gewohnten herrischen Weise.

Aber Bettina!..." Lola schaute sie betroffen und vorwurfsvoll an.Ich glaubte..."

Du hast nichts Zu glauben! Du hörtest, um was ich Dich bat."

Ich muß fast annehmen, er sei noch drüben in ..."

Bettina zuckte leise zusammen, ihre Hand preßte heftig das Taschentuch.

Es ist unmöglich! Es kann nicht sein!" rief sie heftig.Daß Gianetti hieher komme, hatte ich gelesen."

Aber Bettina, liebst Du denn diesen Mann noch immer?"

Was fragst Du so albern! ... Nein, tausend­mal nein!... Wie kannst Du nur denken!... Ich hasse ihn, ich verachte ihn! Bin ich ein Insekt, das sich mit Füßen zertreten läßt?"

Sei nicht so aufgeregt!" bat Lola verletzt. Ich kam aus Deinen Wunsch, um mit Dir in freundschaftlicher Weise..."

In freundschaftlicher Weise! Und Du thatest nicht einmal so viel aus Freundschaft für mich, zu fragen..."

Aber Bettina, wie konnte ich ahnen?"

Du mußtest ahnen!... Uebrigens begegnen mir durch Dich lauter mir unangenehme Personen; dieser Oppenstein, dieser Gianetti, der elende Be­trüger, an dem Du auch etwas erleben wirst! Gott weiß, was er für Schlechtigkeiten mit Dir im Sinne haben mag!... Ich biete es Dir noch einmal, ein letztes Mal!" rief sie drängend, ihr die Hand auf die Schulter legend.Geh'mit mir! Ich gebe Dir, was Du verlangst. Ich habe das Bedürfnis nach einer mich verstehenden Seele; meine Existenz wird mir unerträglich. Ich fliehe die ganze Welt, denn ich habe nicht die Anlage, mich Anderen zu attachiren, ich habe Stunden, in denen ich, der Verzweiflung nahe, mich frage: was ist dieses elende Leben noch Werth? und im Stande bin, freudig die Hand an mich selbst zu legen. Und gib Acht, das wird noch geschehen, wenn ich so allein bleibe, nur soll es nicht geschehen ohne eine Handlung, die mich vor mir und den Anderen rechtfertigt, über die ich schon in Stunden eines schleichenden Wahnsinns nachgedacht... Bleib' bei mir!" schmeichelte sie.Du kannst mich retten vor mir selbst, und Du sollst ja das Recht haben, mich auszuzanken, wenn ich tobe, sollst über Alles ver­fügen, was ich habe, nur erfülle mir diesen einen Wunsch!"

Sie umschlang Lola und preßte sie an sich; dann, als diese schwieg, schob sie Lola von sich mit finsterem, menschenfeindlichem Blick.

Du willst nicht?"

Nein, Bettina! Ich kann, ich darf nicht! Ich würde vor mir und den Meinigen nicht verantworten können, was Du begehrst. Nimm Vernunft an! Komm' zur Ruhe, Bettina!" bat sie, ihre Hand er­greifend.Wie leicht müßte es Dir sein, Dir einen liebenswürdigen Gatten zu wählen, Dir mit Deinem Aeußeren, Deinem Vermögen, und mit ihm einen häuslichen Herd Zu gründen! Du brauchst nur zu wollen, zu vergessen, was hinter Dir liegt, um glück­lich Zu sein!"

Zu wollen!" Bettina lachte spottend auf. Zu wählen unter diesem Jammergeschlecht der Männer? Es gibt keinen Mann unter diesen Män­nern; sie schwören und jammern zu unseren Füßen, aber Keiner ist zu einer That fähig!... Leb' Wohl! Ich weiß, Du wirst nicht nach mir fragen und mit