Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.
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meinem Willen brauchen wir uns nicht wieder zu begegnen. Denke aber daran, daß Du Gutes hättest stiften können, wenn Du mich nicht aufgabst!"
Lola fühlte sich schwer verletzt.
„Ich habe es einmal versucht, als ich Dich warnte!" rief sie bitter. „Erinnerst Du Dich, als wir nach Wien reisten! Hättest Du damals einen Mann gesucht, den Du achten konntest, Du hättest erkannt, daß Du ihn besaßest! Ich warnte Dich noch einmal, als Du Dich so blind einem Andern hingabst — was könnt' ich jetzt noch Gutes stiften! Hättest Du geliebt, als Du lieben solltest!... Und willst Du heute hören, was ich Dir zu sagen nie gewagt? Du warst jenes Mannes nicht würdig: ich weiß, was er damals gelitten, und verschwieg es Dir nicht!"
Bettina hatte sie grollend, mit geschlossenen Wimpern angehört, jetzt fuhr sie auf:
„Habe ich Deine Vorwürfe verlangt?"
„Nein! Verzeihe also, wenn ich sie verschwendete, da es zu spät ist!"
„Mach' mich nicht toller, als ich es schon bin!" rief Bettina, die Schläfen pressend. „Bist Du denn im Stande, zu empfinden, was in mir vorgeht, Du, eine fischblütige Natur, die damals beim Schicksal um Gnade winselte, als Deine eigene Thorheit Dich unter die elendeste Komödiantenbande verschlagen und die jetzt meine Hofmeisterin spielen zu können glaubt?" Wie eine erzürnte Furie erhob sie sich.
Lola stand in peinlichster Verlegenheit. Bettina's Wesen flößte ihr Besorgniß ein; sie verzieh ihr deßhalb, was sie sprach, und reichte ihr die Hand. Bettina achtete nicht daraus.
„Ich möchte nicht so von Dir scheiden," sagte Lola begütigend. „Ich wußte nicht, warum Du mich gesucht; wir hätten uns dieß ersparen können."
„Wenn Du nicht bleiben willst..." sagte Bettina mit der Rücksichtslosigkeit, die in ihrer Natur lag, wenn sie ihren Willen nicht bekam.
„So lebe Wohl!"
Bettina schaute ihr nicht nach. Sie schritt empört im Zimmer auf und ab. Seit sie von Gia- netti's Hiersein wußte, hatte sie das heftigste Verlangen, Lola an sich zu fesseln, aus Angst vor sich selber, aus — sie wußte selbst nicht, welchen Gründen — sie fürchtete sich.
Balsado fern von ihr war eine Geißel ihrer Gedanken gewesen; sie haßte ihn, sie verlangte vom Schicksal Sühne für das, was er ihr gethan. Er wieder hier, das war eine neue Schmach, und dennoch fühlte sie sich nicht im Stande, zu fliehen. Und was Lola selber ihr an Vorwürfen gesprochen, erschien ihr wie eine zwiefache Verletzung, weil dieselbe Stimme schon aus ihrem Junern gesprochen, wenn sie einsam in der Welt, unfähig, irgend einen Anschluß an diese zu suchen, immer unstät und irrend, keinen Halt in sich selber fand und die Vergangenheit sie wie ein Gespenst umschlich.
Ihr starrer Sinn war einer Rene oder Einsicht nicht zugänglich; sie kämpfte gegen diese Vergangenheit, ja, focht sie in ihrer Trostlosigkeit der Gedanke an, sie habe vielleicht anders handeln können, waren denn Die nicht schon gestraft worden, die sie gezwungen, so zu handeln?
Das Wiederfinden mit Lola war's, das ihr die alten Gespenster geweckt, und mit welcher Mißachtung hatte diese beim Scheiden zu ihr gesprochen!... Das Gefühl der Vereinsamung überkam sie mit doppelter Gewalt, sie hätte aufschreien, weinen mögen ...
Aber sie weinen? Nimmermehr!... Wo war Oettinghaus? Sie hatte ihn seit zwei Tagen nicht sehen wollen, diesen Unglücklichen, dessen sie zu ihrer Zerstreuung bedurfte. Sie sandte nach ihm und ihn erwartend, verbrachte sie eine Stunde, Pläne brütend und wieder verwerfend. Das Alleinsein ward ihr bald unerträglich, höher und heißer stieg die Angst aus ihrem Herzen herauf. Es mußte ein Ende gemacht werden, ein Ende, welches es auch sei! .. .
Inzwischen war auch Oettinghaus in nicht geringer Aufregung. Die Launenhaftigkeit,' mit welcher Bettina ihn auch hier wieder von sich verbannt, hatte ihn zu abermaliger trostloser Einkehr in sich selbst geführt.
Abseits vom Wege geschleudert durch seine blinde Verehrung für dieses Weib, hatte er auch jetzt vergebens aus irgend ein Zeichen gewartet, das ihm endliche Erfüllung verheißen sollte. Der Ueberdruß packte ihn; die kostspielige Lebensweise in ihrer Nähe, die Kavalierdienste, die sie von ihm annahm, ohne zu fragen, ob seine Verhältnisse diese gestatteten, hatten den größten Theil seiner Erbschaft aufgezehrt; was ward aus ihm, der selbst den Beruf eines Soldaten nie wirklich gefühlt, wenn sie, die ihm nichts verheißen, eines Tages ihn verabschiedete wie einen Diener, dessen sie überdrüssig geworden?
„Es muß ein Ende haben!" war auch sein Gedanke, und mit diesem kehrte er eben zum Hotel zurück, als ihm Albert von Oppenstein, aus einem Kaffeehause tretend, gerade in den Weg kam.
Albert that überrascht, als er den Kameraden so erschrocken sah; er schüttelte ihm die Hand.
„Wie ich mich freue, Ihnen hier zu begegnen!" rief er. „Es wird das wirklich ein seltsam frohes Zusammentreffen! Denken Sie sich, soeben brachte mir der Lohndiener des Hotels eine Depesche in's Kaffeehaus von unserem Freunde Walbeck, die mich schon seit mehreren Tagen gesucht. Er wird noch heut Abend hier eintreffen, um in Geschäften einige Zeit hier zu bleiben. Er will tausend italienische Arbeiter hier engagiren, die Bohrungen des St. Gotthard studiren. Ich freue mich wie ein Kind darauf! In einer Stunde will ich zum Bahnhof, ihn zu erwarten!"
Oettinghaus gab sich Mühe, eine gleich erfreute Miene zu zeigen; er sprach einige Worte; es sei das wirklich ein höchst glückliches Zusammentreffen, meinte er gedankenlos.
„Sie bleiben doch auch noch hier? Ich habe nichts zu versäumen. Wir wollen recht froh Zusammen sein!"
Oettinghaus überlegte, wie peinlich es für ihn werden müßte, wenn Walbeck hörte, daß er sich rettungslos in seine geschiedene Frau verliebt; er ließ Albert weiter plaudern von seiner Reise in Afrika, seinen Jagden und so weiter und wandte sich verlegen ab, als dieser sich unterbrechend sagte:
„Apropos, ich bin in diesem schönen Lande bereits mehrmals meiner reizenden Cousine, der Frau