Heft 
(1885) 51
Seite
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Deutsche Nornan-Sibliothek.

Bettina von Oppenstein, begegnet, sogar hier, als ich einer jungen Dame meinen Besuch machte. .. Sollte sie Ihnen nicht auch begegnet sein?"

Allerdings... Ich erinnere mich!" stammelte Oettinghaus.

Walbeck wird ihr hier ohne Gefahr begegnen können!" fuhr Albert fort.Der ist stichfest ge­worden ... Aber Sie sind verstimmt, Oettinghaus! Sollte Ihnen Unangenehmes widerfahren sein?"

O, durchaus nicht! Nur eine dringende An­gelegenheit... Sie entschuldigen mich; ich besuche Sie in Ihrem Hotel. .. Auf Wiedersehen!"

Sonderbar!" Albert schaute ihm nach.Der Kamerad war recht kühl, und wir schieden doch in Wien so intim von einander!" Er schleuderte den Korso entlang.Unserer reizenden Lola sage ich nichts davon, daß ich Jobst erwarte; sie soll morgen überrascht werden. Es ist abgemacht, ich bleibe diesseits der Alpen; zu was soll ich in den Winter hinein, also gegen den Strom reisen. Der Papa bereitete mich in seinem letzten Briefe aus wichtige Nachrichten vor, die ich hier empfangen sollte. Man scheint gar keine Sehnsucht zu fühlen, mich wieder zu Hause zu sehen... Dieser einfältige Oettinghaus! Er schien auch kein Bedürfniß zu haben, den Abend mit uns zu verbringen.. . Vielleicht hat er was Anderes hier, von dem wir nichts wissen sollen. Ich werde ihm nicht lästig sein!"

Oettinghaus, als er in das Hotel zurückkehrte und unschlüssig, was beginnen, sich vor die Fremden­tafel stellte, sollte noch eine andere und größere Ueber- raschung haben. Mit Herzklopfen las er unter den neu angekommenen Passagieren den Namen:Mr. Gia- netti, New-Aork."

Er las und las wieder; er buchstabirte. Es blieb immer derselbe Name. Gianetti zurück ans Amerika, also jedenfalls auch er . ..

Eine wahnsinnige Situation!" rief er in seinem Zimmer.Der Moment ist gekommen, der längst erwartete, und damit der endliche Abschluß! Weiß sie schon davon? Seit zwei Tagen hält sie mich wieder in der Verbannung!

Und weiß ich denn, was sie überhaupt will? Es gibt ja kein Weib, das unberechenbarer ist als sie, und keinen Mann, der so in dem Düstern eines Frauenherzens herumtappt wie ich! Hundertmal Hab' ich mir sagen müssen: sie liebt diesen Geiger noch, und ebenso oft habe ich aus ihrem Wesen schließen müssen, daß sie ihn haßt, daß sie keine Ruhe findet, bis sie an ihm gerächt, denn sie kann nicht verzeihen, sie sagt' es ja selbst. ..

Aber in welch' lächerliche Situation gerathe ich, wenn ich einen Mann vor die Mündung der Pistole fordere dafür, daß er ein Weib nicht mehr lieben will, das ich liebe! Jeder wird sagen, ich müsse ihm dafür die Hand drücken! ... Ich wollte, ich begegnete ihm aus einer Alpe, könnte ihn von da hinab stoßen, ohne daß ich sähe, was aus ihm ge­worden ... Sie freilich wäre dann gerächt, aber ich. . . Und wer garantirt mir dafür, daß sie mich nicht haßt, wenn ich ihn gestraft habe, wie sie be­gehrte? ... Sie soll mir Wahrheit geben! Der Moment ist da!"

Fünfundvierzigstes Kapitel.

Oettinghaus fand Bettina in ihrem Nachtgewand auf dem Divan. Ihre Hände hingen träge herab, ihre Augen waren geschlossen, Todesblässe bedeckte ihr Antlitz; das braungoldige Haar hing in wuch­tigen Strähnen über Schulter und Busen.

Ich bin's!" rief er bittend, in seiner Kühnheit erschüttert, als er die weiche, duftende Luft des Zim­mers athmete, zu ihr tretend und ihre kalte Hand zu seinen Lippen erhebend.Ich sehe leider, die Stunde ist schlecht gewählt für das, was ich bringe, aber Sie sandten nach mir..."

Bettina lag regungslos. Sie hatte ihn gehört, aber sie sann mit geschlossenen Augen. Nur ihre Lippen bewegten sich unmerkbar. Endlich wandte sie ihr Haupt und schaute mit schmerzerfülltem Auge zu ihm auf.

Setzen Sie sich zu mir!" bat sie, die Hand ausstreckend und auf ein Tabouret deutend.

Er gehorchte mit pochendem Herzen. Die ganze Entschlossenheit, mit der er eingetreten zu sein meinte, hatte sich in eitel Anbetung für das schöne Weib aufgelöst, als sein Blick über die herrlichen Konturen glitt. Er saß jetzt neben ihr und wagte wieder ihre Hand zu nehmen. Sie schien es nicht zu achten.

Glauben Sie, daß ich Sie liebe, Oettinghaus?" fragte sie matt und tonlos.Sie verlangten so rücksichtslos..."

Oettinghaus erschrak. Sie selbst sprach das Wort aus, und das machte ihn kühn.

Er kniete neben ihr nieder, legte den Arm über ihre Brust, als er sah, wie sie scheinbar gewährend das Antlitz zu ihm wendete und duldete, daß sein Athem ihre Lippen streifte.

Und einige Sekunden Wohl litt sie dieß wie weltvergessen, fortgetragen durch das Sinnen, das aus ihren schwärmerischen Augen glänzte. Erst als er in dem überwältigenden Gefühl, endlich erhört zu werden, abermals ihre Hände mit Küssen bedeckte und den Arm über ihr Haar legen wollte, schloß sie mit tiefstem Ernst die halb geöffneten, träumenden Lippen; sie richtete sich auf, stützte sich auf den nackten Arm und schaute ihn wie evwacheud an.

Sie thaten Unrecht an mir, Oettinghaus!" sprach sie rauh und den andern Arm gegen ihn aus­streckend.Sie hörten oft genug, wie ein armes, rath- und schutzlos umherirrendes Weib, das vor sich selbst und seinem Gewissen auf der Flucht ist, sich an­klagte um der Schwäche willen, die wohl das Erb- theil ihres Geschlechtes, aber auch der Fluch desselben! Ich bin nicht wie andere Frauen; vielleicht könnte ich es später werden. Ich war toll dieses ganze Jahr hindurch; ich sagte Ihnen, mein Herz sei ver­giftet; aber auch mein Gehirn ist es, denn wie ich hier lag, ehe Sie kamen, war es mir, als wachse ein giftiger Strauß aus meiner Brust. Hüten Sie sich, daß er nicht auch Sie vergifte! Sie wußten Alles, als ich Sie um Ihre Freundschaft bat! Sie werden sagen, das sei nur ein Almosen, aber was hat eine Unglückliche wie ich noch zu vergeben!... Sie sollen jetzt Alles wissen!"

Bettina zog ein Papier aus dem Busen, reichte