Heft 
(1885) 51
Seite
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Die tolle Setty von Hans Wachenhusen.

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es ihm und streckte sich wieder zurück, die Hände unter dem Kopf verschlingend.

Man sandte mir das Zeitungsblatt vorhin in mein Zimmer; ich ahne, von wem es kommt. Spott und Hohn sollt' es für mich sein ... Lesen Sie!" Dieß sagend, wandte sie das Antlitz zu ihm.,Jn Neapel/ so steht es da, ,war vor einigen Tagen große Freude in der Villa des Meister Pinelli. Marchese Balsado, sein einstiger Schüler, traf von Marseille dort ein an der Seite seines schönen licht­blonden Weibes, derselben, die vor zwei Jahren in Neapel schon bewundert wurde, der Tochter des Mr. Hawcourt, der sein Vermögen nach Millionen zählt/"

Ihre Stimme ward rauh und heiser; sie schloß die Augen; ihre Brust arbeitete ungestüm und ver­sagte ihr die Worte.

Seine Vermählung hat er in Saratoga ge­feiert, er kam, um feinen Meister zu begrüßen, und ganz Neapel begrüßte ihn mit Enthusiasmus^... So steht es da, und auch Sie erinnern sich ihrer ja! Warum war ich nicht mehr in Neapel, um ihm Kränze flechten Zu Helsen!" lachte sie auf.Ich hatte auch darin Unglück; man konnte mich nicht einmal zur Hochzeit eiuladen... Nicht wahr, Oetting- haus, ich hatte Recht, als ich Ihnen sagte, ein ver­lassenes Weib habe keinen Werth mehr! Und nicht wahr, ich bin sehr gesunken! Wie lange ist's her, da war ich das verhätschelte Kind eines vornehmen Hauses; man feierte meine Hochzeit, Offiziere in glänzenden Uniformen, Männer mit von Orden be­deckter Brust, Damen der ersten Kreise standen um mich her, aber ich hatte keinen Sinn für das Alles; ich war schon damals toll, ich sah nicht, daß mich Alle feierten, bewunderten; sie waren mir lästig, ich ruhte nicht, bis ich die . . . Geliebte eines Geigers geworden, ,eines fahrenden Musikanten', so nannte ihn mein Pflegevater, und der hat's mir gelohnt, wie ich verdiente .. .

Ich kannte die Welt nicht, wollte sie nicht kennen," fuhr sie fort, während Oettinghaus mit auf ihre Brust gesenktem Haupte neben ihr kniete. Die Welt sollte so fein, wie ich sie haben wollte; wer mich leiten zu können glaubte, wer mich tadelte, war mein Feind. Man kann sehr schlecht auf diese Weise werden, ich könnt' es nicht werden in dem Sinne, den ich meine, weil ich zu stolz, zu trotzig war; ich verachtete Alles, was sich mir nahte. Sie sahen es, Oettinghaus; Sie fühlten es vielleicht oft, denn auch Sie verirrten sich mit Ihrem Herzen, Sie verstanden mich nicht, wenn ich Sie floh, Sie ver­standen mich noch weniger, wenn ich Sie wieder zu­rückrief .. . Sie hätten dem Wink nicht folgen sollen, denn lassen Sie mich aufrichtig fein ich bin eigennützig; es war mir ein Bedürfnis, einen Freund Zu haben, und der hätte ihn drüben in Saratoga niederschießen müssen vor dem Altar, ehe er das Jawort gelogen. Aber es gibt solche Freunde nicht, und so konnte denn ungehindert über dem Ozean das Verbrechen gegen mich geschehen . . . Haben Sie trotzdem Dank, Oettinghaus, ich will Sie nicht vergessen!"

Sie hob die Hand unter dem Nacken hervor und

reichte sie ihm. Oettinghaus, bleich, mit stockendem Herzschlag, starrte auf diese Hand. Er wagte nicht, sie zu nehmen; er schaute auf ihr Antlitz und wandte das seine dann von ihr. Schweigend, mit zitternden Gliedern erhob er sich und stand, die herabhängenden Hände faltend, vor ihr.

Das Ende!" murmelte er vor sich hin.Das Ende, vor dem mir graute!" Er schlug die Hände vor das Gesicht.

That ich Ihnen wehe, Oettinghaus?" Bettina fragte das im Tone des Mitleids, aber die kalten Züge verriethen nichts davon.

Ich will nach Deutschland zurückkehren," fuhr sie fort, das Haupt wieder zurücklehnend und zur Decke hinauf starrend.Wir können uns bis dahin hier noch sehen. Kehren auch Sie zurück; wir hatten Beide kein Glück in diesem Lande. .. Gehen Sie, Oettinghaus! Sie begreifen, ich bin müde, so sterbensmüde..."

Bettina!" brach sich endlich sein Schmerz, seine Verzweiflung den Weg über die Lippen.Bettina, es ist unmöglich, was Sie sprachen!" Er sank wieder vor ihr auf die Kniee, bemächtigte sich ihrer Hände und barg die Stirn auf ihrer Brust.Bettina, es ist unmöglich! Es ist ein furchtbarer, grauenhafter Traum, in dem ich hier vor Ihnen liege! Sagen Sie mir, es sei ein Traum!. . . O mein Gott, ich bin ja verloren, wenn Sie mich von sich weisen!"

Er nahm ihre Hände mit fiebernder Glut, be­deckte sie mit glühenden Küssen, und sie achtete nicht darauf. Ein Gefühl des Mitleids, der Barmherzig­keit beschlich sie. Aber Oettinghaus in seiner Angst sollte auch diesen bedeutungslosen Erfolg wieder ver­nichten.

Nicht allein will und kann ich von hier gehen!" rief er drängend.Auch Ihnen wird diese Stadt hier unerträglich werden, wenn Sie einem ... An­dern noch begegnen . . . Walbeck, so sagte man mir, ist heut Abend hier eingetroffeu..."

Oettinghaus fühlte, wie ihre Hände zuckten, als sie ihm dieselben mit Abscheu hastig entriß. Sie schob ihn von sich, richtete sich auf, stützte sich auf beide Arme und starrte vor sich, als wiederhole sie sich, was sie eben gehört. Dann die Hände vor die Augen legend, saß sie sekundenlang in sich versunken. Endlich schaute sie wieder aus und umher, als er­wache sie.

Sie sind es!" rief sie, erschreckt auf ihn blickend, kalt und zürnend.Warum störten Sie mich? Müssen Sie mir denn immer lästig sein!"

Sie erhob sich. Wie seine Anwesenheit ver­gessend, stand sie da, während Oettinghaus flehend seine Hände faltete. Er kannte ja diese gewaltsamen Uebergänge in dem ungereimten Wesen dieses Weibes. Sie aber streckte die Hand nach dem auf dem Tische stehenden Armleuchter aus und hob ihn vor sich.

Bettina!" rief er mit der Stimme eines bitten­den Kindes.

Sie sind noch da?" Ihre Stimme war rauh und hart.Sagte ich nicht, ich wolle allein sein? .. . Es ist spät! Gute Nacht!"

Zerschmettert schaute Oettinghaus der Zürnenden nach.