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Deutsche Noman-Sibliothek.
Sechsundvierzigstes Kapitel.
Um dieselbe Zeit empfing Albert von Oppenstein seinen Freund Jobst am Bahnhof in herzlicher Umarmung.
Jobst sah wohl und kräftig aus, er war in frohester Laune. Ihm nach entstieg ein jüngerer Mann dem Coupe, der seiner Ordre harrte, während die Beiden plauderten — Egon, dem Albert, ihn erkennend, freundlich die Hand reichte.
„Du siehst, ich habe meinen Adjutanten mitgebracht!" rief Jobst. „Ich habe viel und lange hier herum zu thun und verlege um Deinetwillen mein Hauptquartier nach Mailand, um von hier aus die Gotthardarbeiten zu studiren; das wird mich Wohl den halben Winter hier fesseln . . . Aber komm', ich habe Dir Viel und Wichtiges zu sagen!
„Wie gebräunt Du von Afrikas Sonne bist! Die Löwen müssen bei Deiner Jagdlust eine unruhige Existenz gehabt haben!" rief Jobst, als Albert ihn in sein Zimmer geleitet. „Aber jetzt Eins vor Allem!" setzte er mit Feierlichkeit hinzu. „Ich bringe Dir die Botschaft Deines Papa und Deiner Schwester, daß Beide mir folgen und für den Winter an der Riviera ihre Quartiere beziehen werden. Sie sehnen sich Beide, Dich wiederzusehen und werden nicht lange aus sich warten lassen!"
„ Eine prächtige Idee von meinem Alten!" Albert rieb sich vergnügt die Hände. „Ich meinerseits in- Leressire mich zwar keineswegs für den St. Gotthard mehr als alle Anderen, aber es gefällt mir hier. Ich würde zur Entschuldigung für meine Absicht, den Winter hier zu verleben, die Bedenken gegen einen so schnellen Klimawechsel vorschützen können, aber ich will ehrlich sein: ich bin ganz entzückt von unserem reizenden Schützling, Fräulein Lola, die sehr glücklich sein wird, ihren Bruder hier zu sehen. . . Nicht wahr, sie ist auf diese Ueberraschung nicht vorbereitet?"
„Nein, meine Reise ward durch die Nothwendig- keit technischer Studien an Ort und Stelle für meine eigene Thätigkeit ganz schnell veranlaßt."
„Wenn das Mädchen sich ebenso als Künstlerin entwickelt hat, so wird sie Furore machen. Ich freue mich daraus, sie singen zu hören. . . Apropos, Du wirst noch einen andern Bekannten hier finden; Oettinghaus ist hier."
„O, das ist mir eine angenehme Ueberraschung! Ich hörte lange nichts von ihm."
„Leider fand ich ihn sehr still und zugeknöpft. Es muß ihm irgend etwas passirt sein! In Wien war er ein so angenehmer Gesellschafter."
„Vielleicht verliebt! Er nahm schon bei uns früher seinen Abschied wegen einer erotischen Affäre."
Albert hätte ihm noch von einer andern Begegnung erzählen können, aber er schwieg darüber, obgleich er überzeugt war, daß es ohne Gefahr hätte geschehen können.
Egon kam, die Erlaubniß zu erbitten, seine Schwester noch am Abend auszusuchen.
„Das verdirbt mir meinen ganzen Spaß!" ries Albert. „Ich hatte mir vorgenommen, Jobst, sie morgen mit Deiner Person zu überraschen. Aber
ich bin nicht Unmensch genug, mich dem Bedürfniß der brüderlichen Liebe zu widersetzen. Sagen Sie also Ihrer Schwester immerhin, Herr von Walbeck sei hier, sie müsse sich's aber gefallen lassen, daß wir — natürlich in Ihrer Gesellschaft — morgen ihren ganzen Tag mit Beschlag legen. Alle Tage braucht man doch nicht zu studiren. Morgen wird ,A'ida' an der Scala gegeben, ich fühle mich so sehr Afrikaner, daß ich die Oper hören muß; ich lade auch Fräulein Lola ein und rechne bestimmt aus sie .. . Aber jetzt komm', Jobst; ich fühle das Bedürfniß, zu soupiren und mit Dir ein Glas auf unser Wiedersehen zu trinken!"
Albert fand, wie sie am Abend da beisammen saßen, auch seinen Freund Jobst in etwas ungleicher Stimmung. Jobst war wohl heiter, in den Pausen der Unterhaltung indeß, wenn sie sich von ihren beiderseitigen Erlebnissen erzählten, war es Albert, als halte Jobst zurück mit etwas, das er ihm hätte sagen mögen, und dennoch verschwieg.
„Sollt' er wissen, daß sie hier?" dachte er. „Sollt' er um ihretwillen gekommen und sein geschäftlicher Zweck nur ein Vorwand sein?" Ihm schien's unmöglich, und dennoch, man hatte Beispiele von Rückfällen!
Indeß endlich ward Jobst unbefangener, er plauderte von der Leber weg, und als Egon, der sie im Restaurant finden sollte, erschien und ihnen von seiner Schwester erzählte, war es Albert, der schweigsamer und in sich gekehrt erschien. Egon hatte so viel von seiner Schwester zu erzählen.
Es ward spät. Egon hatte sie verlassen; die beiden Freunde saßen noch beisammen. Sie hatten sich ausgesprochen. Der große Saal des Restaurants leerte sich allmälig; in den Nebensälen wurden die Flammen herabgeschraubt. Albert setzte eben das letzte Glas an den Mund, als Jobst die Hand auf seinen Arm legte.
„Sieh' dorthin!" flüsterte er. „Ist das nicht Oettinghaus?"
„Bei Gott, aber er steht aus wie ein Gespenst! Was kann dem Aermsten widerfahren sein?"
„Er hat uns bemerkt! Er blickt weg! Er will nicht gesehen sein!" flüsterte Jobst. „Er meidet uns und sucht einen Winkel drüben im andern Zimmer; gehen auch wir ihm aus dem Wege!"
Beide erhoben sich und schritten hinaus. Während der Portier ihnen die Paletots reichte, warf Albert noch einen verstohlenen Blick in jenes Gemach. Er sah, wie Oettinghaus, den Hut über die Stirn gedrückt, ihnen den Rücken wandte.
„Laß ihn gehen!" murmelte.er, und Beide traten auf die Straße.
Oettinghaus war in der Thal, als er Bettina verlassen, wie ein Wahnsinniger in der Stadt nmher- geirrt.
„Das Ende, das Ende!" murmelte er immer wieder vor sich hin. „Ich hätte das Ende vorhersehen sollen! . . . Und wär's nur schon das letzte Ende! Verloren meine Liebe, verloren mein Leben! Was konnte sie mir sein? ,Geh' Deines Weges, lieber Freund!' ruft sie jetzt, mir die Hand drückend, sich habe mich anders besonnen!'"