Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.
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Die Verzweiflung, der Schmerz über den schnödesten Undank für so treuen und unermüdlichen Minnedienst wich allmälig wieder dem Ingrimm über sich selbst. Er ballte die Hände, knirschte die Zähne zusammen, verrannte sich in die dunkelsten Gassen, die Augen schließend vor den Bildern einer Zukunft, wie er sie sich in gedankenlosester Weise bereitet. Dann wieder sänftigte sich sein Ingrimm; er sah Bettina, wie er sie so leidend verlassen.
Sie, ein Weib, bebte vielleicht zurück vor einer That, die sie so lange beschäftigt, als der Moment gekommen; sie verzieh dem Beleidiger in einem Anfall von Trostlosigkeit, von Resignation; ihr Herz war vielleicht todt in diesem Augenblick; morgen that es wieder seine natürlichen Schläge . . . Morgen sollte sie ihm bekennen; morgen, wenn sie überwunden, mochte sie wohl bereuen... Sie war ja ein Weib; wie oft hatte sie die ungereimtesten Dinge gesprochen, die sie selbst am nächsten Tage vergessen! Diese Nacht mußte ihr andere Eingebung bringen, sie über sich selbst ausklären.
Oettinghaus, mit einem Schimmer von Trost in der Brust, erreichte in der Nacht das Restaurant, das er täglich besuchte. Er war müde und zerschlagen von innerer Aufregung; den Schlummer hätte er vergeblich gesucht.
Fröstelnd im Abendnebel, hatte er den Kragen des Paletot ausgeschlagen; mit Zufriedenheit sah er den Salon schon leer. Hier konnte er Ruhe finden. Mit Erschrecken aber erkannte er die beiden Freunde und schritt an ihnen vorüber.
„Da sitzen die Kameraden!" Sein Groll stieg wieder, er drückte sich tiefer in das Halbdunkel der Ecke. „Sie sind glücklich! Wenn Walbeck ahnte, daß ich, der ich ihm so Recht gab und damals ganz auf seiner Seite war . .. Und wenn er erfährt, daß sie hier..."
Er vernahm ihre Stimmen; ein Gefühl der Demütigung drückte ihn tiefer und tiefer. Es trieb ihn, auszuspringen, sie zu begrüßen; es war ja nichts zwischen ihnen vorgefallen! Aber wenn, wie er hoffte, sie morgen ihn wieder zu sich rufen ließ.
Er trank. Sein Gehirn ward wieder heiß; die Stirn in den Händen, saß er da. Als er endlich wieder aufschaute, hörte er die beiden Kameraden nicht mehr; sie waren aufgebrochen; er war der einzige, letzte Gast. Die Flammen waren verlöscht, die Bedienung war verschwunden, nur Einer derselben schnarchte ihm gegenüber an der Thür.
„Morgen!" Damit erhob er sich wüsten Sinnes und verschwand in dem Nebel der Straßen.
Siebenundvierzigstes Kapitel.
Gianetti hatte seinen neuen Zögling gehört. Lola's Stimme hatte seine Erwartungen übertroffen; er hatte einen neuen „stur" — das Wort hatte er selbst in seiner Glanzzeit in Amerika erfunden, und auch die Pariser hatten das Wort etoile für phänomenale Erscheinungen am Himmel der Kunst acceptirt.
Als er Lola freudetrunken umarmt und versprochen, sie am Abend in der Oper wiederzusehen,
Deutsche Noman-Bibliothek. XII. 26.
setzte er sich in's Kaffeehaus, ließ die Nase in der Tabaksdose schwelgen und zog im Geiste schon mit seinem Stern durch alle Länder und Welttheile.
Kein Zweifel, auch sein Stern war wieder ausgegangen. Ein ganzes Vermögen hatte er bei seinem alten Bankhause in New-Aork deponirt. Er bedurfte Balsado's nicht, der eben in seinen Flitterwochen schwelgte; Mr. Hawcourt war gegen alle ferneren Kunstreisen seines Schwiegersohnes; derselbe mochte zeitweise in den Hauptstädten auftreten, kontraktliche Verhältnisse zu einem Manager aber wünschte er nicht mehr.
Gianetti's Geschäft mit dem Geiger war gemacht; sein neuer Stern, richtig montirt und lancirt, versprach denselben Erfolg. Von Mailand aus sollten die ersten Raketen steigen: „Gianetti, der unfehlbare, der Napoleon der Impresarien," sollt' es durch die Zeitungen gehen, „werde in der nächsten Saison die Welt mit der Wunderstimme einer reizenden jungen Künstlerin, der Signora Lola Goldani, überraschen." Heut Abend im Theater schon wollte er sie einigen in der Kunst maßgebenden Persönlichkeiten vorstellen.
Er ließ sich Feder, Tinte und Papier reichen, schrieb einige Worte und erhob sich, um zum Bankier zu gehen und durch diesen Lola einen Check von fünftausend Lire übersenden zu lassen. In seinem Schreiben bat er sie, diese Summe für ihre Garderobe und sonstigen Bedürfnisse zu verwenden.
War alles Uebrige geordnet, Lola in einer Matinee aufgetreten, in der sie den Kunstkennern vorgeführt werden sollte, so ging er an den See, um die Villa zu kaufen. Dort sollte Lola ihn oft besuchen; die Villa sollte ein Sammelpunkt der Kunst- notabilitäten werden.
Lola Goldani, der Name war gut; er hatte schon lange über denselben nachgedacht. Wie sie erschrocken war, als er ihr die Nachricht von Balsado's Vermählung mitgetheilt! Er wußte ja, daß sie mit dieser Baronin von Oppenstein befreundet gewesen. Er hatte ihr sogar anvertraut, daß er der Letzteren den neapolitanischen „Pnngolo", der die Nachricht gebracht, in ihr Zimmer gesandt, denn sein Erstes war es stets beim Eintritt in ein Hotel, die Namen aller in demselben Wohnenden Zu erfahren. Er hatte geglaubt, ihr diese Aufmerksamkeit schuldig zu sein; sie sollte sogar Zu seiner Matinee eine Einladung erhalten.
Um dieselbe Mittagszeit stand Oettinghaus, ein Bild geistiger Zerfallenheit, in seinem Zimmer. Er hatte seinen Koffer gepackt und war reisefertig. Aber wohin? War es nicht gleichgültig, ob er hier oder dort? Es gab für ihn keine Stätte, wohin es ihn hätte ziehen können. Die Welt war ihm eine Wüstenei geworden. Der Ton des Ueberdrusses, in welchem sie ihm gestern eine gute Nacht gewünscht, klang ihm im Ohr; ihm war's so todt im Herzen, es wagte kaum zu klopfen, als schäme es sich seiner Thorheit.
Die beiden Kameraden waren da; er hätte bei ihnen Rath und Trost suchen können, aber wie vor Walbeck bestehen, dessen Kaltblütigkeit nach seinem ehelichen Unglück er jetzt erst zu verstehen glaubte.
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