Heft 
(1885) 51
Seite
1218
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Deutsche Noman-Bibliothek.

Als es Mittag geworden, hatte er zwei Stunden schon verbracht, auf eine Botschaft von Bettina war­tend. Tagelang hatte er früher schon so gewartet, wenn sie allein sein wollte; aber wenn er dießmal vergebens harrte, wenn sie plötzlich verschwand, denn sie mußte geheime Pläne haben . ..

Die Angst stieg immer wieder von Neuem. Er entwarf Pläne für die Zukunft; er hatte einen Vetter in Columbia; wenn er zu diesem ging! Das war noch der greifbarste, ausführbarste aller seiner Pläne, aber zur Ausführung desselben mußte man die Ent­schlossenheit, die Kraft besitzen, und ... er war so elend. Er hätte weinen mögen, wenn er an alle die Freundeskreise im schönen Wien zurückdachte. Endlich träumte er in wachem Zustande, er sitze auf einer wüsten Insel und die Wellen schlügen um ihn her an's Ufer und lachten über ihn.

In der Mitte des Zimmers auf dem Tisch lag ein schön ciselirter Revolver. Wohl zwanzigmal war er schon um die Waffe hernmgegangen, ebenso oft hatre sich seine Hand nach derselben ausgestreckt. Aber jetzt war's ihm noch nicht Ernst. Es war noch immer zu früh. Sie mußte nach ihm schicken. Er steckte die Waffe zu sich.

Und so geschah es wirklich. Die ersehnte Bot­schaft kam. Sie verlangte nach ihm. Zitternd in Hoffnung und Angst suchte er vor dem Spiegel den verrathenden Stempel des Selbstmörders zu beseitigen, sammelte all' sein erschüttertes Selbstbewußtsein und verließ das Zimmer.

Bettina mußte schon längst Toilette gemacht haben; sie empfing ihn in ihrer Promenadekleidung; auch sie war erschreckend bleich. Ihr Auge blickte so unheimlich düster und verschleiert; es lag Welt­verachtung in diesem Marmorantlitz, zugleich eine Majestät, vor welcher der Kleinmuth des Eintretenden sich mit Beschämung beugte.

Ich habe Ihnen wehe gethan, Oettinghaus!" Sie reichte ihm die Hand, entzog sie ihm aber schnell, als er sie küssen wollte.Nicht so! Ich verbiete es!" Sie warf einen flüchtig prüfenden Blick in das fahle Antlitz des jungen Mannes und wandte sich ab, denn um ihre eigenen Lippen zitterte es so konvulsivisch; sie schöpfte mühsam Athem.Ich war recht verstimmt gestern Abend; ich wollte Sie bitten, wenn Sie nach Wien kommen, meiner Freundin, der Frau von Ertel, zu sagen, ich sei nach Deutschland zurückgekehrt ... ich hätte wenigstens diese Absicht geäußert, als wir uns zuletzt hier in Mailand be­gegnet; ich bin ihr seit damals eine Nachricht schuldig."

Oettinghaus stand da, den Blick zu Boden gesenkt. Das war Alles, was sie ihm zu sagen das Bedürf- niß gefühlt! Niemand konnte weniger die Absicht haben, nach Wien zurückzugehen, als er.

Gnädige Frau," sagte er tief verletzt,ich habe keine Veranlassung, nach Wien zurückzukehren. Ich habe meinen Dienst quittirt und nichts dort Zu suchen." Sein Ton war zu einer Grabesstimme herabgesunken.

Bettina schien erstaunt. Sie hatte sich um seine Verhältnisse nie gekümmert, ihn für einen sorglosen Mann gehalten, der nichts zu versäumen habe.

Und was werden Sie also thun?" fragte sie in nervösem Ton.

Entweder ihm das Leben nehmen oder mir... Vielleicht uns Beiden!"

Bettina lächelte fast verächtlich.

Sie sind zu schwach für das Eine wie für das Andere, Oettinghaus! Kehren Sie zurück zu meiner Freundin Pauline, der Sie ein so guter Gesellschafter waren."

Aus dem Antlitz des jungen Mannes schwand der letzte Tropfen Blutes; seine Hand griff zur Brusttasche.

Nicht so!" rief sie kalt.Sie verstanden mich damals nicht, als ich eines Freundes bedurfte. Ich verhehlte Ihnen nicht, daß ich rachsüchtig sei, ich be­durfte einer That; ich sagte Ihnen, daß ich meine Person wie ein schwer verletztes, entweihtes Heilig­thum betrachtete. Aber es war wohl eine schwere Aufgabe, mein Freund zu sein, schwerer noch, mir mehr sein zu wollen! Sie selbst mußten einsehen, daß Sie nicht vermochten, mich den Mann vergessen zu machen, den ich liebte, noch den, welchen ich um Jenes willen gehaßt. Bin ich auch nur ein Weib, ich halte mich für stärker als Sie, ja, ich würde mich vor mir selber fürchten, wäre ich mein Feind .. . der ich wohl bin!" setzte sie finster hinzu.Ver­lassen Sie eine unglückliche Person, wie ich bin!" ries sie in jäher Aufwallung.Wir können ja nicht einmal Freunde mehr bleiben, denn . .. Aber hören Sie nicht auf mich! Meine Gedanken haben auf ein Loos gesetzt, das . . . cs ist kindisch ... es ist verrückt. . . Aber Alles, was ich denke und thue, ist es ja ... Ich hatte dieses Loos schon früher in der Hand, ich Hab' es in den Brunnen geworfen ... Hören Sie nicht auf mich, Oettinghaus! Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht . . . Haben Sie Dank, das ist Alles, was ich Ihnen zu sagen hatte."

Oettinghaus, mit wirbelndem Gehirn und fast geblendeten Augen dastehend, hörte nur ihr Gewand rauschen. Tiefe Stille umfing ihn plötzlich; er tau­melte hinaus.

Das war Alles, was sie mir sagen wollte!" knirschte er.Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht! . . . O, ich habe ja noch Zeit, es eilt ja nicht mit der elenden Patrone, die ich noch Werth bin! Ein Narr ist aus dem Jrrenhause entlassen und er weiß nicht wohin! Ich will sie überzeugen, daß ich zu einer That im Stande. .. aber nicht jetzt! Es hat noch Zeit!"

Achtundvierzigstes Kapitel.

Die neue Saison ward an der Scala durch eine glänzende Opernvorstellung mit neuen Kräften er­öffnet; ganz Mailand strömte in das Theater, das Haus war bis auf den letzten Platz gefüllt.

In einer der Logen saßen Lola mit ihrem Bruder, Albert und Jobst; im Parket saß Gianetti, um­geben von einer Art musikalischen Generalstabs, dem er während der Ouvertüre von unten aus seinen neuen Stern zeigte, allmälig die Aufmerksamkeit des ganzere Herrenpublikums um sich her auf das junge Mädchen lenkend.

Gianetti konnte furchtbar lügen; er begnügte sich in musikalischen Angelegenheiten nie mit der positiven Wahrheit, selbst wenn diese kaum zu übertreffen war.