Oie tolle Betty von Hans Wachenhusen.
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Er kannte nur überschwengliches Lob und rücksichtslosen Tadel; wie er also heute von seinem neuen Stern erzählte, waren sämmtliche Primadonnen, die todten und die lebenden, nur Stümperinnen gegen diesen.
In den Abendblättern der Mailänder Zeitungen hatte er bereits heute seine erste Rakete steigen lassen; in allen stand eine den neuen Stern Gianetti's verkündende Notiz, und da derselbe jetzt gerade in der Loge glänzte, so ward Lola der Zielpunkt aller Lorgnetten und Operngläser.
„Mich beschämt das! Gianetti ist unausstehlich! Wenn diese Leute alle mich hören, werden sie enttäuscht sein!" flüsterte Lola dem hinter ihr sitzenden Albert zu. „Ich habe vor meiner ersten Prüfung nicht so viel Angst gehabt, wie vor der Matinee, von der Gianetti mir heute sagte!"
Albert behauptete, das müsse Keiner besser be- urtheilen können als Gianetti; Walbeck seinerseits, der während der Ouvertüre mit ihr gescherzt und zuweilen einen Blick aus den geschäftigen Impresario hinabgeworfen, verlor ganz Plötzlich seine Heiterkeit; er lehnte sich zurück in seinen Fauteuil, senkte die Stirn in die Hand und ward theilnahmlos für seine Nachbarn.
Lola war die Erste, die seinen Stimmungswechsel verstand. Auch sie ward ernst und schweigsam. Albert, nach der Veranlassung suchend, folgte den neugierigen Blicken der um ihn her Sitzenden und lenkte sein Opernglas auf eine bisher noch leere Loge gegenüber, in die eben zwei Damen traten.
„Donnerwetter, meine schöne Cousine!" rief er halblaut. „Bei Gott, sie verdient die Sensation, die sie erregt!" setzte er für sich hinzu, das Glas unverwandt auf Bettina richtend, die in dunkler Seide, das im Schein des großen Lüstre wunderbar glänzende Haar nur mit einer Diamantrosette geschmückt, an der Brüstung saß und mit vornehmer Gleichgültigkeit und königlichem Anstand den Blick über die Menge schweifen ließ.
Lola war verlegen geworden. Sie vermied es, diesem Blick zu begegnen, und Bettina suchte den ihrigen auch nicht.
Alle Vier widmeten ihre Aufmerksamkeit ganz der Bühne. Als der Vorhang wieder niedergegangen, wagte Lola, zu Jobst zurückzuschauen. Er schien unbefangen, nachdem er die erste Ueberraschung bewältigt; er plauderte auch mit der größten Harmlosigkeit. Albert vermied, zu Bettina hinüber zu schauen, wenn Walbeck es bemerken konnte, tauschte aber zuweilen einen Blick des Einverständnisses mit Lola.
Ihn interessirte die herrliche Erscheinung, die Delila, wie er sie noch immer gern nannte, die im Augenblick der Zielpunkt aller Gläser war; ein kaum unterdrückter Ausruf der Ueberraschung aber entschlüpfte ihm, als er im Zwischenakt ein bekanntes Gesicht drüben in ihrer Loge erscheinen sah .. . Oettinghaus, der, sonst ein Bild der Gesundheit, heute bleich und krankhaft sich über sie beugte und ihr mit einer gewissen Zurückhaltung seinen Gruß bot, der von ihr mit Kälte und Vornehmheit erwiedert wurde.
Albert sah indeß, wie auch Walbeck jetzt aufmerksam wurde, wie er unwillkürlich sein Glas auf die Loge drüben richtete, dann erstaunt ihm einen Blick
zuwarf. Aber Albert schwieg, er zuckte lächelnd die Achsel. Und jetzt eben mußte Oettinghaus auch seine beiden Freunde gewahren, als er sich ans seiner gebeugten Haltung erhob und die Logenreihe überblickte.
Verlegen schaute er fort. Der Hammer des Inspektors auf der Bühne rettete ihn sichtbar aus seiner exponirten Situation. Bettina würdigte ihn kaum eines Blicks, als der Vorhang in die Höhe ging und Oettinghaus sich aus der Loge zurückzog.
„Es sollte mir peinlich sein, ihm, zu begegnen," sagte Jobst, als er im nächsten Zwischenakt mit Oppenstein im Foyer auf und ab ging, während Lola an der Seite ihres Bruders ihnen voranschritt. „Daß er sie in Wien kennen gelernt, begreife ich, nicht aber den Grund, weßhalb er uns ausweicht."
Gianetti unterbrach sie eben, mit einem Schwarm von Kunstkritikern und Enthusiasten Lola umringend und sie diesen vorstelleud. Jobst begab sich in die Loge.
Bettina sah ihn in dieser erscheinen; ihr Blick fiel jetzt ganz und voll auf ihn; er wandte den seinigen ab und empfand dennoch, daß sie das Auge noch nicht wieder von ihm gewendet.
Peinlich war es ihm, so allein Derjenigen gegenüber zu sitzen, die ihm so wehe gethan, und doch war es ihm eine Genugthuung, daß sie sah, er sei glücklich. Ob sie es ward Sie saß allein . . . allein im fremden Lande; all' die Bewunderung, die sie erregte, mochte sie nicht schadlos halten können für ihre Vereinsamung. Was Alle heute Morgen in den Mailänder Zeitungen von des Geigers Vermählung gelesen, war auch ihm vor Augen gekommen und vielleicht — er konnte sich dieses Gedankens nicht erwehren, wie er jetzt dasaß — hatte das Schicksal ihn absichtlich gerade heute ihr gegenüber geführt.
Er hatte sie geliebt und sie batte ihm das mit Spott und Hohn gedankt; Jenen hatte sie geliebt und Der hatte ihn gerächt.
Noch einmal, ehe seine Gesellschaft in die Loge Zurückkehrte, begegnete sein Blick Zufällig dem ihrigen und wieder schaute sie ihn mit so großen, fragenden Angen an ... Oppenstein trat zu ihm; auch er sah, wie sie herüberschaute, aber er schwieg.
Jobst war einsylbig während der übrigen Vorstellung; man errieth, was in ihm Vorgehen mochte, und überließ ihn seiner Stimmung.
Aber auch als die Oper zu Ende, sollte Jobst noch einmal ihr begegnen. Sie stand auf dem Podest der Treppe, in ihre Sortie gehüllt, ihrer Begleiterin harrend, die in dem Gedränge zurückgeblieben. Und wieder traf Jobst dasselbe große, fragende Auge einer Sphinx, räthseldunkel; nicht so, wie es ihm wohl Zuweilen noch die Erinnerung zeigte, so feindselig, trotzig, zur Abwehr gerüstet. Es war kein Schmerz, was in diesen Augen lag, vielmehr ein tiefes, grollendes Empfinden, er meinte, eine Glut der Selbstverzehrung und zugleich des Vorwurfs... Etwa für ihnd Nimmermehr!
Er wandte sich fort und dxängte sich die Treppe hinab; die eigenen Augen schließend stand er unten, nicht wissend, was er wollte, nach seiner Begleitung suchend und sie doch nicht vermissend. Dann plötzlich stürzte er in die Straße, trat in ein Kaffeehaus und suchte hier die dunkelste Ecke.