Heft 
(1885) 51
Seite
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Deutsche Noman-Bibliothek.

Ich bin ein Hasenfuß! Vor einem Weibe zu fliehen! Was schaute sie mich an! Was wollte sie? . . . Aber was kümmert's mich!" rief er sich Zur Ruhe.Albert würde mich auslachen, wenn er mich so über ein Räthsel brüten sähe! Ich kann ja vor Gott und mir selbst den heiligsten Schwur leisten, daß in mir auch nicht ein Gedanke an sie mehr übrig geblieben ... Niemals! Ich müßte toll sein oder mich verachren!"

Seiner selbst gewiß, blickte er in dem sich eben nach dem Theater füllenden Lokal umher. Ihm gegenüber in der andern Ecke erkannte er wiederum OettinghauS, der, den Filzhut über die Stirn ge­drückt, die Wange in die Hand gelehnt, auf den kleinen Marmortisch vor sich hiustarrte.

Jobst erhob sich. Er wollte auch ihn nicht sehen. Was that er in jener Loge! . .. Auch er drückte den Hut über die Stirn und schritt an ihm vorüber. Ein Gefühl sagte ihm, daß er mit diesem Kameraden in eine gewisse Feindseligkeit gedrängt worden wodurch, warum, er wußt' es nicht; er wollte ihn laufen lassen.

Im Speisesaal des Hotels fand er Albert mit Lola und Gianetti, den der Erstere am Ausgang des Theaters eingeladen, als derselbe Lola noch eine gute Nacht hatte wünschen wollen.

Albert kam ihm mit argwöhnischem Lächeln ent­gegen; auch Lola beobachtete ihn nicht ohne Besorg- niß. Beide hatten die hohe, in die Sortie gehüllte Frauengestalt auf dem breiten Podest der Treppe gesehen; ihn suchend waren sie vorübergegangeu. Lola hatte sich vor ihr gefürchtet.

Albert drückte, als Jobst ohne Zeichen irgend welcher Erregung eintrat, ihm schweigend die Hand. Er selbst hatte sich des überwältigenden Eindrucks nicht erwehren können, den die allgemein bemerkte Fremde während der Vorstellung auf ihn gemacht.

Uebrigens hatte er bald mit sich selbst zu thun. Gianetti wollte kein Ende finden, wie er von der Suppe bis zum Dessert immer nur von seinen groß­artigen, auf Lola's Erfolge begründeten Plänen sprach, und Albert ward endlich eifersüchtig sogar auf den Impresario.

Das Alles wird sich finden!" rief er ungeduldig. Vorläufig gehört Fräulein Lola noch uns und die Zukunft liegt in Gottes Hand!"

Trotz seiner scheinbaren Ruhe suchte Jobst früh­zeitig fein Zimmer. Mit pochendem Herzen schritt er auf und ab.

Aber es ist nicht wahr, daß ich auch nur irgend etwas empfunden, als ich sie so ganz in meiner Nähe sah!" rief er, über sich selbst entrüstet.Daß sie ein schönes Weib, daß sie schöner noch als damals, das sah ich wie alle die Anderen, und gewahrte ich in ihren Augen, in ihren Zügen, was sie mir nie­mals gezeigt, was ich einst so begehrt, so vermißt, den glimmenden Funken einer Seele ... Es ist Fege­feuer!" Damit verjagte er die wundersamen Blasen, die in seinem Gehirn hatten aufsteigen können.Ich will an meine Arbeit gehen! Ich vergeude hier meine Zeit! Auch Egon hat seine Schwester hier einst­weilen genug gesehen. Drüben in den Bergen wird mir wohler und freier zu Muthe fein!"

Mit sich selbst unzufrieden warf er sich um Mitternacht aufs Lager und vergaß die großen, fragenden Augen, die ihn unter der Kapuze der Sortie angeschaut.

Am Morgen zeitig schon fand ihn Albert mit Vorbereitungen zum Aufbruch beschäftigt.

Ich will mein Quartier in Chiasfo oder da herum aufschlagen; es wird mir zu unbequem hier in Mailand," sagte er verstimmt.

Und warum dieser plötzliche Wechsel Deiner Entschlüsse?" Albert schaute ihm mit komischem Mißtrauen zu.Hat vielleicht gestern Abend doch ein kalter Schlag Dein Herz getroffen?"

Laß den Scherz, ich bin nicht dazu aufgelegt! Du weißt, weßhalb ich hier bin! Meine Arbeit geht vor!"

Nais tzL n'einxöebs pas Io sentiineiit !" lachte Albert.Unsere Lola war ganz erschüttert durch diese Begegnung un Theater. Als ich sie in ihre Wohnung zurückbegleitete, vertraute sie mir sogar etwas an, was ich Dir nur wieder sagen darf, wenn Du wirklich so stichfest bist, wie ich Dich glaubte."

Jobst machte sich eifrig zu schaffen.

Du wirst wohl thun, nicht daran zu zweifeln."

Die Aermste thue ihr leid, vertraute sie mir au. Sie fürchte, das Unglück habe sie zu einer Einkehr oder Umkehr ihres Herzens gebracht, die zu spät und deßhalb nur ein neues Unglück für sie fein werde."

Albert sah seinen Freund hastig die Farbe wechseln.

Ihr täuscht euch!" rief Jobst mit einer ge­wissen Feierlichkeit.Behüte Gott sie vor Reue, mir aber gönne sie meinen Frieden! Du selbst wirst Dich überzeugen, daß ich stark genug bin, ihn mir zu erhalten!... Aber laß mich gehen; wir sehen uns oft hier, denn vermuthlich bleibst Du .. ."

Bis die Meinigen kommen! Zu was soll ich daheim Schnee und Eis suchen, wenn mir drüben am Mittelmeer das Paradies der Blumen winkt!"

Neunundvierzigstes Kapitel.

Lola konnte sich wieder ihren Studien hingeben und sie that es mit freudigem, aber doch auch bangem Herzen, wenn sie an die Matinee dachte, die sofort stattfinden sollte, wenn Gianetti vom Lago Maggiore zurückkehrte.

Albert war während der verflossenen acht Tage regelmäßig gekommen, um, wie er sagte, sich nach ihren Fortschritten zu erkundigen; er hatte ihr täglich die schönsten Blumen gesandt. Jetzt fehlte auch er; sein Vater hatte ihm seine Ankunft verkündet, er war mit Jobst ihm eutgegengereist; nur Egon war noch geblieben und der kam eines Morgens, um sie wieder zu beunruhigen und sie inmitten ihrer Uebungen zu stören.

Der Vater ist hier! Ich bin ihm soeben be­gegnet!" rief er hoch erregt.

Hier!" Lola ließ das Notenblatt sinken. Weder in Egon's Ton, noch in ihrem Erschrecken lag irgend Etwas, das kindliche Freude verrathen hätte. Beide schauten sich an, fragend, ob das gut oder schlimm für sie sein könne.

Er ist Gianetti von New-Aork hieher nach­gereist," fuhr Egon fort.Er fragte nach Dir,