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Deutsche Rundschau.
„Das is viel . . . un Dich mit?"
„Mich zuerst."
„Das is recht. Denn wenn Du nur erst recht zerrieben un recht mürbe bist, dann wirst Du Wohl wieder zu Verstände kommen."
„Nie."
„Man muß nie ,ni? sagen, Corinna. Das war ein Hauptsatz von Schmolle. Un das muß wahr sein, ich habe noch jedesmal gefunden, wenn einer ,ni? sagte, dann is es immer dicht vorm Umkippen. Un ich wollte, daß es mit Dir auch so wäre."
Corinna seufzte.
„Sieh', Corinna, Du weißt, daß ich immer dagegen war. Denn es is ja doch ganz klar, daß Du Deinen Vetter Marcell heirathen mußt."
„Liebe Schmolle, nur kein Wort von dem."
„Ja, das kennt man, das is das Unrechtsgefühl. Aber ich will nichts Weiter sagen un will nur sagen, was ich schon gesagt habe, daß ich immer dagegen war, ich meine gegen Leopold, un daß ich einen Schreck kriegte, als Du mir's sagtest. Aber als Du mir dann sagtest, daß die Commerzienräthin sich ärgern würde, da gönnt' ich's ihr un dachte, ,warum nich? warum soll es nich gehn? Un wenn der Leopold auch bloß ein Wickelkind is, Corinnchen wird ihn schon aufpäppeln und ihn zu Kräften bringen? Ja, Corinna, so dacht' ich un Hab' es Dir auch gesagt. Aber es war ein schlechter Gedanke, denn man soll seinen Mitmenschen nich ärgern, auch wenn man ihn nich leiden kann, un was mir zuerst kam, der Schreck über Deine Verlobung, das war doch das Richtige. Du mußt einen klugen Mann haben, einen, der eigentlich klüger ist, als Du — Du bist übrigens gar nich 'mal so klug — un der 'was Männliches hat, so wie Schmolle, un vor dem Du Respect hast. Un vor Leopold kannst Du keinen Respect haben. Liebst Du'n denn noch immer?"
„Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolle."
„Na, Corinna, denn is es Zeit, un denn mußt Du nu Schicht damit machen. Du kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un Dein un andrer Leute Glück, worunter auch Dein Vater un Deine alte Schmolle is, verschütten un verderben wollen, bloß um der alten Commerzienräthin mit ihrem Puffscheitel und ihren Vrillantbommeln einen Tort anzuthun. Es is eine geldstolze Frau, die den Apfelsinenladen vergessen hat un immer bloß ötepotöte thut un den allen Professor anschmachtet un ihn auch „Wilibald" nennt, als ob sie noch aus'n Hausboden Versteck mit einander spielten un hinterm Torf stünden, denn damals hatte man noch Torf auf'm Boden, un wenn man 'runter kam, sah man immer aus wie'n Schornsteinfeger, — ja, sieh', Corinna, das hat Alles seine Richtigkeit, un ich hätt' ihr so 'was gegönnt, un Aerger genug wird sie woll auch gehabt haben. Aber wie der alte Pastor Thomas zu Schmolle un mir in unsrer Traurede gesagt hat: ,Liebet Euch untereinander, denn der Mensch soll sein Leben nich auf den Haß, sondern aus die Liebe stellen/ (dessen Schmolle un ich auch immer eingedenk gewesen sind) — so, meine liebe Corinna, sag' ich es auch zu Dir, man soll sein Leben nich auf den Haß stellen. Hast Du denn Wirklich einen solchen Haß auf die Räthin, das heißt einen richtigen?"