Irau Jenny Hreiöel
oder
„Wo sich Kerz zum Kerzen sind't".
Roman
von
Theodor Fontane.
Zwölftes Capitel.
Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Felgentreu'sche Wagen in der Adlerstraße hielt, um Corinna daselbst abzusetzen, hielt auch der Treibel'sche Wagen vor der commerzienräthlichen Wohnung, und die Räthin sammt ihrem Sohne Leopold stiegen aus, während der alte Treibet aus seinem Platze blieb und das junge Paar — das wieder die Pferde geschont hatte — die Köpnickerstraße hinunter bis an den „Holzhof" begleitete. Von dort aus, nach einem herzhaften Schmatz (denn er spielte gern den zärtlichen Schwiegervater) ließ er sich zu Buggenhagen's fahren, wo Parteiversammlung war. Er wollte doch 'mal wieder sehen, wie's stünde und, Wenn nöthig, auch zeigen, daß ihn die Korrespondenz in der „Nationalzeitung" nicht niedergeschmettert habe.
Die Commerzienräthin, die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibel's belächelte, wenn nicht beargwöhnte — was auch vorkam — heute segnete sie Buggenhagen und war froh, ein paar Stunden allein sein zu können. Der Gang mit Wilibald hatte so Vieles wieder in ihr angeregt. Die Gewißheit, sich verstanden zu sehen — es war doch eigentlich das Höhere. „Viele beneiden mich, aber was Hab' ich am Ende? Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüßen Gesicht. Treibel ist gut, besonders auch gegen mich; aber die Prosa lastet bleischwer aus ihm, und wenn er es nicht empfindet, ich empfinde es .. . Und dabei Commerzienräthin und immer wieder Commerzienräthin. Es geht nun schon in das zehnte Jahr, und er rückt nicht höher hinaus, trotz aller Anstrengungen. Und wenn es so bleibt, und es Wird so bleiben, so weiß ich Wirklich nicht, ob nicht das Andere, das aus Kunst und Wissenschaft deutet, doch einen feineren Klang hat. Ja, den hat es . . . Und mit den ewigen guten Verhältnissen! Ich kann doch auch nur eine Tasse Kaffee trinken, und wenn ich mich
Deutschs Rundschau. XVIII, 7. 1